8. März 1917: Wie die Russische Revolution begann Was für eine Revolution?

Der 8. März steht für den Frauentag und den Beginn der russischen Februarrevolution. Jedenfalls nach dem im Westen gebräuchlichen gregorianischen Kalender. Beide Ereignisse hängen zusammen, denn die Revolution begann vor über 100 Jahren mit einer Frauendemonstration.

Tauwetter. Nach zwei Monaten auch für russische Verhältnisse ungewöhnlich strengen Frostes steigt die Temperatur Anfang März erstmals bis in den Plusbereich und lockt die Menschen auf die Straße. Gegen Mittag tauchen Scharen von Frauen auf. Es sind "Damen der Gesellschaft, ... Bauersfrauen, Studentinnen, und im Vergleich zu früheren Demonstrationen wenig Arbeiterinnen", so der Kosakenoffizier Alexander Pawlowitsch Balk.

Die Kosaken gehören traditionell zu jenen Truppen, die gegen Demonstranten eingesetzt werden. Gefürchtet sind sie wegen ihrer langen Peitschen, mit denen sie vom Pferd herab auf Protestierer einschlagen. Aus ungeklärten Gründen sind sie an diesem Tag aber ohne Peitschen ausgerückt. Die Frauen, die für ihre Rechte auf die Straße gegangen sind, deuten das als Schwäche und marschieren weiter, schreibt der englische Historiker Orlando Figes in seinem Revolutionsbuch "Die Tragödie eines Volkes".

Fotos zeigen, dass die Frauen guter Laune waren, als sie über den Newski-Prospekt marschierten. Am Nachmittag begann die Stimmung jedoch umzuschlagen.

Orlando Figes, Historiker
Juliaufstand in Petrograd, 1917 - Auf dem Nevsky Prospekt werden Demonstranten werden von Regierungsrtuppen beschossen.
Im Lauf des Jahres 1917 wurde die Revolution blutig Bildrechte: IMAGO

Die Stimmung kippt, als Arbeiterinnen im Stadtzentrum auftauchen. Ihnen geht es weniger um Frauenrechte. Ihre Forderungen: "Brot! Nieder mit dem Zaren! Brot! Brot!"

Nächtelanges - und oft vergebliches - Anstehen vor den Bäckereien ist Alltag für die Petrograder Frauen. Die Lagerhäuser der Stadt sind zwar voll mit Mehl, aber nach drei Jahren Krieg fehlt es an Brennmaterial zum Backen. Der klirrend kalte Winter bringt das Transportsystem zum Erliegen und verschärft das Problem. Als die Regierung ankündigt, Brot ab dem 12. März zu rationieren, bricht sich die Wut Bahn.

Genossen, wenn wir auf rechtmäßige Weise keinen Laib Brot bekommen können, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Problem mit Gewalt zu lösen ... Genossen, bewaffnet euch mit allem, was ihr habt - Bolzen, Schrauben, Pflastersteinen. Kommt raus aus der Fabrik und schlagt dem erstbesten Geschäft die Scheiben ein.

Sozialistischer Fabrik-Agitator, zitiert nach Orlando Figes

Am nächsten Tag sind 150.000 bis 300.000 Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Straßen. Läden werden geplündert, Polizisten verprügelt. Wie am Vortag dringen die Demonstranten ins Stadtzentrum vor. Arthur Ransome, Korrespondent der New Yorker "Daily News" beschreibt die Stimmung als "... bedrohlich erregt, wie an einem Feiertag mit Gewitter in der Luft."

Noch bleibt es beim Donnergrollen. Man singt die Marseillaise, fordert die Abdankung des Zaren und vor allem Brot. Von revolutionärer Stimmung spürt Lenins Verbindungsmann in Russland, Alexander Schljapnikow, in jenen Tagen nichts.

Was für eine Revolution? Gebt den Arbeitern ein Pfund Brot und die Bewegung wird sich wieder verlieren.

Alexander Schljapnikow, Lenin-Vertrauter

Auch am Hofe des Zaren macht man sich wenig Sorgen.

Radaubrüder haben sich in Bewegung gesetzt: junge Kerle durchstreifen die Straßen und schreien, dass es nichts zu essen gibt, bloß um Unruhe zu stiften. Auch Arbeiter sind dabei, die wiederum andere von der Arbeit abhalten. Hätten wir sehr kaltes Wetter, dann würden sie wohl alle zu Hause bleiben.

Zarin Alexandra

Doch das Wetter bleibt fast zwei Wochen frühlingshaft mild. Als es dann wieder kälter wird, ist Alexandra nicht mehr Zarin. Und aus den Hungerprotesten ist eine Revolution geworden.