Missbrauchsfälle Erzbistum Köln: Neues Gutachtet belastet Würdenträger

In einem neuen Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln sind 314 Opfer und über 200 Beschuldigte festgestellt worden. Der Kölner Bischof Reiner Maria Kardinal Woelki wird entlastet. Belastet wird hingegen der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der von 2011 bis 2015 im Bistum Köln tätig war.

Rechtsanwältin Kerstin Stirner, Mitte, schaut zu, wie der von der Kirche beauftragte Anwalt Björn Gercke, rechts, dem Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki, links, während einer Pressekonferenz in Köln einen Bericht über Missbrauch durch Geistliche übergibt
Strafrechtler Björn Gercke (rechts) und Kardinal Reiner Maria Woelki (links). Bildrechte: dpa

In einem neuen Gutachten werden zahlreiche Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln festgestellt. Für das Gutachten wurden Kirchenakten von 1975 und 2018 ausgewertet.

Wie der beauftragte Strafrechtler Bjön Gercke mitteilte, hat sein Team 202 Beschuldigte ermittelt, die Mehrheit von ihnen Geistliche. Zudem seien 314 mehrheitlich männliche Opfer ausfindig gemacht worden. Bis auf einen Betroffenen seien alle unter 18 Jahre alt gewesen.

In knapp 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt, in rund 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Weitere Fälle seien als Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen eingestuft worden.

Hamburger Erzbischof Heße belastet, Erzbischof Woelki entlastet

Das Gutachten belastet unter anderem den amtierenden Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der von 2011 bis 2015 im Bistum Köln unter anderem als Generalvikar tätig war. Ihm werden elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bistum Köln vorgeworfen.

Dagegen ist der Kölner Erzbischof Reiner Maria Kardinal Woelki im Gutachten entlastet worden. Wie der Strafrechtler Björn Gercke mitteilte, sind keine Pflichtverletzungen bei Woelki feststellbar gewesen. Kritiker forderten Woelkis Rücktritt, weil er ein erstes Gutachten zurückhielt, das er für mangelhaft gehalten haben soll.

Nach der Vorstellung des Gutachtens zog Woelki erste personelle Konsequenzen. Mit sofortiger Wirkung entband er den Offizial Günter Assenmacher und Weihbischof Dominikus Schwaderlapp von ihren Aufgaben. Zudem kündigte Woelki an, das Gutachten noch heute nach Rom weiterzuleiten.

Aufklärung nicht lückenlos möglich

Strafrechtler Björn Gercke kritisierte, dass die Geschehnisse der Vergangenheit nicht lückenlos hätten aufgeklärt werden können. Als Grund nannte er die Aktenführung des Bistums: "Wir haben erhebliche Mängel im Hinblick auf die Organisation des Aktenbestandes sowie der Aktenführung im Erzbistum festgestellt." Sein Team habe den Eindruck gewonnen, dass einige Aktenbestandteile fehlten. Außerdem seien handschriftliche Akten zum Teil unleserlich und Unterlagen mehrfach nachgereicht worden.

Über die Kritik am Aufarbeitungsprozess zeigte sich der Strafrechtler verwundert. Björn Gercke sagte, in Köln sei das erste Gutachten unter allen deutschen Bistümern in Auftrag gegeben worden, das konkrete Pflichtverletzungen von Geistlichen und Verantwortungsträgern aufarbeite und diese auch namentlich benenne. Insofern "wundert es ein wenig, dass man sich mit dem Vorwurf der Verschleppung gerade das Bistum Köln zur Zielscheibe macht."

Das Gutachten hatte der Kölner Erzbischof Woelki im Oktober 2020 bei der Kanzlei Gercke & Wollenschläger in Auftrag gegeben.