Katholiken in Deutschland diskutieren Maria 2.0 oder: Dieser Weg wird kein leichter sein

Am 1. Advent beginnt er, der Synodale Weg: Über zwei Jahre wollen katholische Bischöfe und Laien gleichberechtigt diskutieren: über Macht und Gewaltenteilung, die Sexualmoral, den Zölibat und nicht zuletzt über die Rolle der Frau. Michael Seewald, Deutschlands jüngster Theologieprofessor sieht in dem Reformprozess durchaus ein Wagnis, er spricht sogar von einem "Spiel mit dem Feuer". Michael Hollenbach berichtet über die Hintergründe.

Lisa Kötter, Mitinitiatorin vom Kirchenstreik «Maria 2.0», aufgenommen anlässlich eines Gottesdienstes unter freiem Himmel 4 min
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MDR KULTUR - Das Radio So 01.12.2019 09:15Uhr 03:36 min

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Das Thema "Frauen" ist nachträglich auf die Agenda gerückt – wohl auch als Reaktion auf die katholische Fraueninitiative Maria 2.0. Eine der Initiatorinnen ist die Künstlerin Lisa Kötter (Foto), die sich daran stört, dass in der katholischen Kirche "nur geweihte, sprich nur Männer – weil Frauen werden ja nicht geweiht – entscheiden in der Kirche die Lehre, wo es lang geht: beim Kirchenrecht, wer welchen Beruf ausüben darf, wer andere segnen darf und wer nicht. Den Frauen geht es um die volle Gleichberechtigung, auch beim Weiheamt für Diakoninnen und Priesterinnen. Diese Forderung ist alt, vor 25 Jahren trat ihr Papst Johannes Paul II. entgegen und berief sich dabei auf die Bibel. Die Theologieprofessorin Dorothea Sattler legt sie anders aus und verweist auf die Rolle der Frauen im Neuen Testament.

Ich bin der theologisch begründeten  Überzeugung, dass es keine stichhaltigen Argumente gibt, die den Ausschluss von Frauen von allen sakramentalen Dienstämtern bedeuten könnte.

Dorothea Sattler Theologin

Gegen die Priesterweihe für Frauen sind die Widerstände des konservativen Lagers am größten; nicht ganz unrealistisch scheint dagegen das Diakonat für Frauen. Auch Bischöfe wie Franz Josef Bode plädieren dafür: "Ich wäre froh, wenn es dazu kommen könnte", sagt er. Allerdings könne der Synodale Weg diese Frage nicht entscheiden, wie Bode weiter erklärt: "Bei der Frage des Diakonates der Frauen sind dogmatische Fragen berührt, die man doch in der Einheit mit der Weltkirche besprechen muss. Ich hielte ich es für schwierig, wenn man das regional lösen würde."

Umkämpfte Themen: Macht, Sexualmoral, Frauenrechte

Macht und Gewaltenteilung, Sexualmoral, die Lebensform der Priester, Frauenrechte – die Themen des Synodalen Wegs sind innerhalb der katholischen Kirche umstritten. Reformgegner sagen, es solle gar nicht um Strukturveränderungen gehen, sondern um Mission, um Evangelisation. Dem entgegnet Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken: "Natürlich ist Evangelisierung das Entscheidende, dass wir uns selbst und die Gesellschaft dementsprechend gestalten, dass wir reden wollen von unserem Glauben, aber das kann man nur tun, wenn man den eigenen Hof in Ordnung bringt. Und das soll jetzt passieren: Dass Reformen angepackt werden, die längst überfällig sind."

Das sehen nicht alle Bischöfe so. Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzendes der Deutschen Bischofskonferenz, plädiert deswegen für Offenheit: "Es gibt ja im Grunde auch keine Alternative dazu als zu sagen: Können wir nicht besser gemeinsam den Weg nach vorne gehen?  (…) Da sollten nicht die Leute in den Synodalen Weg hineingehen mit der Überzeugung: 'Ich habe immer Recht, meine Position ist unangreifbar, und wer nicht meiner Position folgt, der ist nicht richtig katholisch."

"Ein Spiel mit dem Feuer"

Doch der Synodale Weg wird kein leichter sein. Der Diskussionsprozess zwischen Bischöfen und Laien soll in den kommenden zwei Jahren das Reformpotenzial der katholischen Kirche in Deutschland ausloten. Michael Seewald, Deutschlands jüngster Theologieprofessor, warnt vor zu großen Erwartungen:

Dieser synodale Weg ist ein Spiel mit dem Feuer. Also auf der einen Seite dient er eher dazu, Druck abzulassen, also der Unzufriedenheit ein Ventil zu geben; auf der anderen Seite kann das auch nach hinten losgehen, wenn die Menschen merken, dass erneut ein Reformprozess indiziert wird in der Kirche, an dessen Ende wieder kein Ergebnis steht.

Michael Seewald, Theologe

Kardinal Marx verbreitet am Anfang des Weges zunächst einmal Zuversicht: "Ich habe eine große Hoffnung, dass der Geist Gottes doch noch Kraft und Power hat, um uns in Gang zu halten."

Allerdings hat der Vatikan bereits im Vorfeld deutlich gemacht, dass die letzte Entscheidungsgewalt über Reformen beim Papst bzw. den Bischöfen liege.  Der Synodale Weg wird eine Gratwanderung werden.

Stichwort: Synodaler Weg - Wichtige Stationen und Ziele Eine Synode bezeichnet die Versammlung von Geistlichen und Laien. Ein Ziel ist es, nach dem
Missbrauchsskandal verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Wie bei einer Synode auch, hat der Synodale Weg einen beratenden Charakter. Das letzte Wort haben die Bischöfe.

Januar 2010: Der damalige Leiter des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin, Pater Klaus Mertes, stößt die Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der deutschen Kirche an. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wird Sonderbeauftragter der Bischofskonferenz für Missbrauchsfälle.

September 2010: Erzbischof Robert Zollitsch schlägt bei der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda einen "breiten Reflexionsprozess" von Bischöfen, Priestern und Laien vor.

Juli 2011: In Mannheim startet die Bischofskonferenz das erste von fünf Gesprächsforen mit rund 300 Teilnehmern.

September 2018: Bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe werden die Ergebnisse der von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie vorgestellt. Demnach gibt es 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe durch mindestens 1.670 Priester und Ordensleute, wie aus den ausgewerteten Akten von 1946 bis 2014 hervorgeht.

März 2019: Nach intensivem Ringen beschließen die Bischöfe einen "verbindlichen synodalen Weg".

Juni 2019: Erstmals in der jüngeren Geschichte wendet sich ein Papst in einem Brief an das "pilgernde Volk Gottes in Deutschland". In dem 19-seitigen Papier lobt er das Engagement und die Reformanstrengungen der deutschen Katholiken. Zugleich mahnt Franziskus die Einheit mit der Weltkirche an. Leitkriterium der Erneuerung müsse die Evangelisierung sein.

Juli 2019: Vertreter von Bischofskonferenz und Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) stellen einen Fahrplan für den Reformdialog vor. Die Themen: Priesterliche Lebensform, Sexualmoral, Macht, Partizipation und Gewaltenteilung sowie Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche

September 2019: Vatikan-Behörden äußern sich kritisch. Der Päpstliche Rat für Gesetzestexte stellt u.a. infrage, inwiefern der Synodale Weg verbindliche Beschlüsse fällen kann.

November 2019: Nach den Bischöfen nimmt auch die Vollversammlung des ZdK die Satzung zum Synodalen Weg an. Damit hat der Reformprozess die letzte Hürde genommen.

(Quelle: KNA)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Dezember 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2019, 13:33 Uhr

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