100 Jahre Bistum Dresden-Meißen Die Sorben und das katholische Sachsen

Katholikinnen und Katholiken in Sachsen und Ostthüringen haben Grund zum Feiern, wurde doch vor 100 Jahren das Bistum Meißen wiedergegründet. Die vom Papst Benedikt XV. unterzeichnete Urkunde liegt frisch restauriert in der Domschatzkammer Bautzen. Die Stadt in der Lausitz war bis 1980 Sitz des Bischofs. Nach Dresden verlegt, änderte sich der Name in Bistum Dresden-Meißen. Das Domstift Bautzen und vor allem die sorbisch-katholischen Gemeinden spielten bei der Wiedergründung eine wichtige Rolle. Die sorbischen Katholikinnen und Katholiken sind bis heute eine ganz wichtige Basis der Frömmigkeit im Bistum, obwohl es auch da Erosionserscheinungen gibt.

Dom St. Petri zu Bautzen
Der Dom St. Petri zu Bautzen Bildrechte: imago images/Joko

Jeden Sonntag feiert der Bautzener Dompfarrer Veit Scapan Eucharistie in sorbischer Sprache. Viele Mitglieder der Dompfarrei sind Sorben. Auch etliche seiner Amtsvorgänger gehörten wie er der slawischen Volksgruppe in der Oberlausitz an:

Simultankirche: Frühe Ökumene im Bautzner Dom

Pfarrerin Angela-Beate Petzold (l) und Dompfarrer Veit Scapan (r) segnen am 24.11.2013 in Bautzen (Sachsen) ein neues Gräberfeld mit Gedenkstein ein.
Dompfarrer Veit Scapan (r.) Bildrechte: dpa

"Es gab immer wieder sorbische Domkapitulare, genauso Domdekane; einer der berühmtesten war im 18. Jahrhundert Jakub Jan Józef Wóski von Bärenstamm. Er stammte aus Crostwitz und wirkte in Bautzen. In der Barockzeit setzte er wesentliche Baumaßnahmen um." Dazu gehört das mit dem Weltenrichter gekrönte Eingangsportal zum Domstift St. Petri.

Im Hof erinnert eine Skulptur an Dekan Johann Leisentritt. Er sorgte nach der Reformation für einen Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten, die sich den Dom seitdem als Simultankirche teilen. Scapan erläutert dazu: 

Das Kirchenschiff des Dom St. Petri.
Blick ins Kirchenschiff von St. Petri Bildrechte: dpa

Die Lausitz gehörte damals zu Böhmen und nicht zum Herzogtum Sachsen, deshalb griff die Reformation hier nicht in dem herrschaftlichen Sinne, sondern wenn, dann durch die Lokalherren. In der Lausitz ist das Bistum Meißen offiziell nicht untergegangen. Deshalb reden wir auch jetzt anlässlich des Jubiläums von einer Wiedererrichtung.

Veit Scapan Dompfarrer Bautzen

Wie sich Katholiken und Protestanten den Bautzner Dom teilen

Der Dom zu Bautzen steht für Ökumene gleich nach der Kirchenspaltung: 1540 schrieb das Domkapitel, das in der Reformation altgläubig geblieben war, die gemeinsame Nutzung fest. Somit mussten sich beide Konfessionen miteinander verständigen. 1583 schlossen Stadtrat und Domkapitel einen Vertrag, der die Nutzungszeiten regelte.

Beide Teile, der katholische und der evangelische, waren durch ein hohes Lettnergitter voneinander getrennt. Dessen Mitteltür war allerdings stets offen. 1875 wurde das Kirchengebäude eigentumsrechtlich geteilt. Während die evangelische Kirchgemeinde St. Petri für Langhaus und Turm verantwortlich ist, gehört der Chor der katholischen Pfarrei St. Petri. 1951 wurde das alte Gitter durch einen niedrigen Zaun mit Durchgängen ersetzt. Glocken und Orgel werden von beiden Gemeinden gemeinsam genutzt.

Simultankirchen gibt es in Deutschland nur wenige. Eine weitere ist der Dom zu Zeitz. Die 1221 geweihte Stiftskirche des Domkapitels St. Petri war gleichzeitig die Stadtkirche Bautzens.

Katholische Minderheit

Urkunde zur Wiedererrichtung des Bistums Dresden-Meißen vor 100 Jahren
Urkunde zur Wiedererrichtung des Bistums Dresden-Meißen vor 100 Jahren Bildrechte: Bistum Dresden-Meißen

Etliche Dörfer wie Nebelschütz, Crostwitz, Ralbitz, Storcha oder Ostro im Umfeld des Klosters St. Marienstern seien katholisch geblieben, erklärt die Historikerin Birgit Mitzscherlich, die Leiterin der Domschatzkammer ist. Nach dem Prager Frieden von 1635  hätten der österreichische Kaiser und der sächsische Kurfürst den konfessionellen status quo in der Lausitz festgeschrieben.

Außer in einigen katholischen Enklaven bildeten die evangelischen Sorben in den letzten Jahrhunderten aber immer die Mehrheit. Deren Siedlungsgebiet umfasste einmal die gesamte Ober- und Niederlausitz. Im ausgehenden 19. Jahrhundert konnten sich die katholischen Sorben jedoch zumindest zwischen Bautzen und Kamenz sowie in Wittichenau als Mehrheit behaupten. Sie widerstanden dem Assimilationsdruck der deutschsprachigen Bevölkerung, wie Mitzscherlich weiter ausführt. Selbst zu Zeiten der Industrialisierung, als eine große Zuwanderung eingesetzt habe:

In den katholischen sorbischen Dörfern hatten Religion und Kultur über die Jahrhunderte etwas Bewahrendes.

Birgit Mitzscherlich Historikerin und Leiterin der Domschatzkammer

Enge Bindung an Böhmen: Priesterausbildung in Prag

Das Kollegialstift St. Petri in Bautzen
Das Kollegialstift St. Petri in Bautzen Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

Dabei spielte auch die enge Bindung an Böhmen eine wichtige Rolle. Seit 1724 wurden katholische Priester in Prag ausgebildet, im Wendischen Seminar, dem Serbski Seminar. Rafael Letschbor, Redakteur der Wochenzeitung KATOLSKI POSOŁ betont die sprachliche Verwandtschaft von Tschechisch und Sorbisch sowie die historische Verbindung. 

"Wir können uns ja, ohne dass wir die Sprache direkt lernen müssen, gut verständigen. Jene Priester, die in Prag ausgebildet wurden, entwickelten ein Nationalbewusstsein, das sie als stolze Sorben aus Prag zurückkommen ließ."

Starke Volksfrömmigkeit: Fronleichnamsprozession und Osterreiten

Die Tradition des Osterreitens wird in der sorbischen Oberlausitz seit mehr als fünf Jahrhunderten gepflegt
Die Tradition des Osterreitens wird in der sorbischen Oberlausitz seit mehr als fünf Jahrhunderten gepflegt. Bildrechte: IMAGO / lausitznews.de

1922 löste Bischof Christian Schneider das Prager Seminar auf, gegen den Willen der katholischen Sorben. Ihre besondere Frömmigkeit blieb trotz der Verfolgung in der Nazizeit und der antikirchlichen Politik zu DDR-Zeiten erhalten. Erlebbar wird sie bis heute bei den Fronleichnamsprozessionen oder dem Osterreiten, wie Birgit Mitzscherlich erinnert:

"Ich las gerade einen Zeitungsartikel aus den 1930er-Jahren darüber, wie der Bischof von Reiterscharen zur Firmung in Crostwitz eingeholt wurde. Das ist heute noch üblich, dass die Reiter oder eine Kutsche den Bischof am Ortseingang empfangen, als Zeichen der Ehrerbietung, in Großstädten wie Leipzig oder Dresden unvorstellbar!"

Rückbesinnung auf Kultur, Sprache und Religion

Nach dem 2. Weltkrieg bekamen die katholischen Gemeinden in der Lausitz zunächst Zuwachs, so Dompfarrer Veit Scapan. Durch Umsiedler oder Geflüchtete, die blieben. Heute gebe es etwa 17.000 Sorbinnen und Sorben katholischen Glaubens.

Dem aktuellen Erosionsprozess der Kirche sind auch die sorbischen Gemeinden ausgesetzt. Seit den 1990er-Jahren wanderten viele junge Leute aus der Region ab. Strukturmaßnahmen wie die Schließung oder Zusammenlegung sorbischer Schulen verstärkten den Druck, erklärt Scapan. Aus seiner Sicht lässt sich das Phänomen nicht allein mit dem Blick auf die Statistik der Kirchenaustritte erfassen:

Das Bild von Kirche hat sich in den letzten Jahren massiv verändert und das wird auch in Zukunft so weiter gehen. Ich lebe als Christ anders aktiv. Vielleicht kann man das so umschreiben.

Veit Scapan Dompfarrer Bautzen

Die Heimatverbundenheit gerade der sorbischen Katholiken sei stark, meint der Bautzener Dompfarrer. Immer wieder kämen junge Familien ganz bewusst zurück in die Lausitz, auch damit die Kinder Sorbisch lernen könnten: "Das, was ich als Wert erkannt habe, das ist Sprache und Kultur, das ist Religion und Glaube. Das wollen wir den Kindern vermitteln. Da ist der beste Moment der Schuleintritt."

Erinnerung an den Märtyrer Andritzki

Licht fällt durch ein Buntglasfenster mit der Abbildung des sorbisch, katholischen Priesters Alois Andritzkis
Bildnis in der Pfarrkirche im sächsischen Radibor, wo Alois Andritzki am 2. Juli 1914 geboren wurde. Bildrechte: dpa

Mit Alois Andritzki verehren die sorbischen Katholiken einen eigenen Märtyrer. Er wurde nach seinem Theologie-Studium 1939 im Bautzner Dom zum Priester geweiht. Der Nazi-Gegner starb 1943 im Konzentrationslager Dachau für seinen Glauben. Am 13. Juni 2011, also vor genau zehn Jahren, sprach ihn Papst Benedikt XVI. selig.  Die Urne des sorbischen Priesters befindet sich auf dem Märtyreraltar der Kathedrale des Bistums in Dresden, wo am 20. Juni der Festgottesdienst zur Wiedererrichtung des Bistums gefeiert wird. Der MDR überträgt im Fernsehen sowie im Videostream mit Gebärdensprache.

Festgottesdienste am 20. und 24. Juni Der Festgottesdienst zur Wiedererrichtung des Bistums am 20. Juni wird in der Kathedrale des Bistums in Dresden von sorbischen Katholiken mitgestaltet. Der MDR überträgt im Fernsehen sowie im Livestream auch mit Gebärdensprache.

Am 24. Juni gibt es im Dom St. Petri Bautzen einen Pontifikalgottesdienst anlässlich des vor 800 Jahren gegründeten Domkapitels.

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Gottesdienste und Feiertage im Juni

Innenansicht des Doms St. Petri Bautzen 60 min
Bildrechte: MDR/Günter Grohs

"Da ist mir ein Licht aufgegangen" – der Gottesdienst am letzten Sonntag in der Weihnachtszeit erzählt von lichten Momenten. Es predigt Pfarrer Christian Tiede.

MDR KULTUR - Das Radio So 31.01.2021 10:00Uhr 60:01 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juni 2021 | 09:15 Uhr