Studie der AG für Kinder- und Jugendhilfe Kinder- und Jugend-Monitor 2021: "Es braucht mehr als Nachhilfe"

Die größten Verlierer der Pandemie sind ärmere und behinderte Kinder. Das ist ein Fazit des Deutschen Kinder- und Jugendhilfe-Monitors 2021. Aus Sicht der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe wird das Zwei-Milliarden-Paket der Bundesregierung zum "Aufholen nach Corona" nicht reichen. Laut der Vorsitzenden, Karin Böllert, braucht es mehr als Nachhilfe. Sie fordert, Kinder nicht nur auf ihre Rolle als Schüler zu reduzieren und einen "Post-Corona-Sonderurlaub" für Eltern und Kinder.

Drei Kinder laufen auf einem Waldweg
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MDR KULTUR: Was ist die Haupterkenntnis aus dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfe-Monitor 2021, welche Auswirkungen der Corona-Krise zeigt der Bericht?

Karin Böllert, 2017
Prof. Karin Böllert Bildrechte: dpa

Prof. Karin Böllert: Der Bericht zeigt, dass die Corona-Krise die soziale Ungleichheit vertieft. Wir müssen leider davon ausgehen, dass in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt und dass wir über 1,77 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 haben, die in einer Hartz-4-Familie aufwachsen. Sie alle waren und sind von der Corona-Krise besonders betroffen.

Denn in Familien, die auf engem Raum wohnen, gibt es oft gar nicht ausreichend Platz für Homeschooling. Die Eltern sind oft in Branchen beschäftigt, die kein Homeoffice ermöglichen. Deswegen sind diese Mütter und Väter dann auch noch mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Kinder in irgendeiner Form zu beaufsichtigen oder betreuen zu lassen, und das in einer Zeit, in der wir unsere Kontakte eigentlich verringern sollen. Hinzu kommen Geldsorgen, gerade bei Alleinerziehenden, die von Kurzarbeit oder den Jobverlust betroffen sind.

Wir haben in Deutschland das Problem, dass die soziale Karriereleiter unten keine Sprossen hat. Aufstiegschancen fehlen. Wer einmal in Armut und von Hartz IV lebt, wird das mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent auch in den nächsten fünf Jahren noch tun. Das heißt, für Kinder und Jugendliche aus diesen Familien ist es sehr schwer, die Armut hinter sich zu lassen. Dieses Startchancen-Problem hat sich durch die Corona-Krise verschärft.

Inwieweit ist die Corona-Krise auch in der Mittelschicht angekommen? Was haben Sie da festgestellt?

Die Angst um den Arbeitsplatz reicht weit in die Mitte der Gesellschaft hinein. Wir haben insgesamt eine Verunsicherung, 45 Prozent der Jugendlichen, die befragt worden sind, sagen, sie haben Angst vor der Zukunft. Deswegen stellen wir in dem Monitor fest, dass alle Familien so etwas wie ein Durchatmen brauchen, um Kraft zu tanken.

Wir wünschen uns eine Anerkennung der Gesellschaft für das, was die Familien und die jungen Menschen in den letzten Monaten geleistet haben; sich eine Tagesstruktur zu geben, sich ohne Stundenplan von der Schule zu motivieren und sich selbst Stoff anzueignen. Diese Anerkennung könnte in Form von geldwerten Urlaubsgutscheinen oder aber fünf zusätzlichen Urlaubstagen erfolgen.

Jetzt ist vom Bund ein zwei Milliarden Euro schweres Aufholprogramm für Kinder angekündigt worden. Es geht um die Finanzierung von Nachhilfe, Ferienprogrammen oder auch Urlaub. Braucht es nicht noch andere politische Entscheidungen, um aufzuholen?

Das vom Kabinett beschlossene Aufhol-Programm ist sicherlich ein wichtiger Schritt, aber es wird nicht reichen. Es konzentriert sich sehr auf Leistungsdefizite und das auch nur in den Kernfächern. Wir wissen aber gar nicht gesichert, welche Lücken wirklich coronabedingt sind. Die PISA-Studien und auch der letzte Bildungsbericht haben bereits vor der Pandemie deutlich gemacht, dass der Bildungserfolg in keinem anderen europäischen Land so stark von der sozialen Herkunft abhängt.

Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“
Das Aktionsprogramm "Aufholen nach Corona" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer die Vorstellung hat, dass man jetzt mit ein bisschen Nachhilfe alles kompensieren kann, was in den letzten Wochen und Monaten nicht stattgefunden hat, der irrt.

Junge Menschen sagen: 'Wenn man unsere Stimme überhaupt gehört hat in der Pandemie, dann waren wir immer nur Schüler und Schülerinnen. Es ist zu wenig darüber geredet worden, dass unsere ganzen sozialen Kontakte weggebrochen sind, dass unsere Treffpunkte geschlossen sind, dass man uns im Grunde mehr oder weniger zwangskaserniert hat. Wir möchten endlich wieder unser Leben mit Gleichaltrigen zurück.'

Raus aus den Kacheln rein ins soziale Leben, das wäre das Motto. Und ich finde, dafür muss man auch etwas tun.

Karin Böllert Erziehungswissenschaftlerin

"Härtefall"-Situation für junge Menschen mit Behinderung In den Blick nahmen die DJHT-Experten auch die Lage der mehr als 320.000 jungen Menschen unter 25 mit einer schweren Behinderung. Ein Großteil von ihnen sei quasi von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, ohne Werkstätten oder Therapieangebote besuchen zu können, so Böllert.

Familien und Einrichtungen seien im Schutzmodus gewesen und das ganz häufig ohne behindertengerechte IT-Technik. Damit seien oftmals nicht einmal digital gestützte Kontakte möglich gewesen.

In diesem Zusammenhang moniert sie eine "falsche Impfpriorität", Eltern von Kindern mit Behinderung hätten ein schnelleres Angebot gebraucht.

Schauen wir mal ein bisschen weiter in die Zukunft, es ist nach wie vor von einem immensen Fachkräftemangel in Deutschland die Rede. Also im Prinzip wird um die Jugendlichen geworben, könnte man meinen und annehmen, dass sich die Betriebe abfinden damit, dass Teile der Allgemeinbildung fehlen, nach dem Motto: 'Hauptsache, sie sind motiviert.' Was ist Ihre Prognose?

Einerseits erleben wir im Augenblick einen Rückgang bei den Ausbildungsverträgen. Andererseits gibt es positive Signale aus der Wirtschaft, potenzielle Arbeitgeber sagen: 'Wir sind der Überzeugung, dass junge Menschen in der Pandemie vieles gelernt haben, was wir in unseren Betrieben und in einer sich wandelnden Arbeitswelt auch sehr gut gebrauchen können.'

Meine Hoffnung ist, dass Familien, Kinder und Jugendliche künftig mehr in den Blick genommen werden. Die gigantischen vom Bund beschlossenen Rettungsschirme waren konzentriert auf die Aufrechterhaltung unserer Wirtschaftsabläufe. Zu wenig berücksichtigt wurde, dass die Familien das Fundament der Gesellschaft sind.

Das Stimmungsbild hat sich da ja in den letzten Wochen etwas geändert. Das ist wichtig. Denn diese Milliarden Schulden, die wir jetzt aufgehäuft haben, müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Es wäre fatal, dass durch Einsparungen im sozialen Bereich und gerade in der Infrastruktur für Kinder, junge Menschen und Familien machen zu wollen. Wir werden in den nächsten Jahren dafür sogar noch mehr Geld in die Hand nehmen müssen.

Das Gespräch führte Julia Hemmerling, MDR KULTUR.

Deutscher Kinder- und Jugendhilfe-Monitor 2021 Die Corona-Krise verschlimmert die soziale Schieflage in Deutschland. Das ist ein Fazit des Kinder- und Jugendhilfe-Monitors 2021, den eine Expertengruppe der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ am 11. Mai vorlegte.

Der "Chancen-Check – Zukunft trotz(t) Corona" für 22 Millionen Kinder und Jugendliche unter 27 Jahren zeigt aber auch, dass Zukunftsangst längst die Mitte der Gesellschaft erreicht hat.

Mit ihrem Bericht verweist die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) außerdem auf massive Nachteile für junge Leute mit Behinderung.

Veröffentlicht wurde der Monitor vor dem 17. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag Ende Mai. Gefordert wird darin u.a. ein bundesweites "Urlaubspaket" für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern, um ihnen in den kommenden Monaten den Ausstieg aus dem "Corona-Modus" zu erleichtern und sie für kommende Herausforderungen zu wappnen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Mai 2021 | 17:40 Uhr