"Spirituelles Potenzial" Kirche in Zeiten von Corona: EKD lädt zum Balkon-Singen

Angesichts des Verbots von Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen versuchen sich in Sachsen erste evangelische Kirchgemeinden an neuen Formaten. Die EKD lädt nach italienischem Vorbild zum Balkon-Singen ein. "Geistermessen" seien nicht das Mittel der Wahl, betonen Theologen. Gemeinsam mit staatlichen Stellen müssten die Kirchen auch dringend klären, wie die rituelle Zuwendung zu Bedürftigen, Kranken und Sterbenden weiter zu gewährleisten sei.

Ein kleiner Gottesdienst in einer Kirche
Neue Formen der Einkehr gesucht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Dresden-Ost bietet ab sofort zweimal wöchentlich eine Andacht zum Hören an. Wie der Kirchenbezirk Dresden am Mittwoch mitteilte, kann sie auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde oder per Telefon abgerufen werden. In der Gemeinschaft Moritzburger Diakone und Diakoninnen stehen in Zeiten der Corona-Krise laut Kirchenbezirk tägliche Mittagsandachten auf dem Plan. "Da fühlt man sich geistlich verbunden", erklärte Diakon Andreas Kratzsch. Auch der Kirchenmusikdirektor der Radebeuler Kantorei, Gottfried Trepte, ergreift die Initiative. Er werde den mehr als 100 Kantorei-Mitgliedern jeweils zum Zeitpunkt der eigentlichen Proben einen kurzen Impuls oder ein Notenblatt zum Üben zuschicken: "Das stärke das Gefühl von Zusammengehörigkeit", sagte Trepte.

EKD fordert zum Balkon-Singen auf

Der Mond ist hinter dem Halberstädter Dom aufgegangen.
Über dem Halberstädter Dom Bildrechte: dpa

Indessen rief die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) für Mittwochabend zum gemeinsamen Singen ein. Um 19 Uhr sollten sich alle Menschen, die wegen der Corona-Krise zu Hause sind, auf ihrem Balkon versammeln und das Lied "Der Mond ist aufgegangen" anstimmen: "Singen verbindet und tut gut", schrieb die EKD auf Twitter.

Außerdem planen Kirchenmusiker für Ostern einen "Auferstehungsflashmob" mit Trompeten und Posaunen von Balkons oder Fenstern herab. Bläser, Sänger und Organisten sind eingeladen, am 12. April um 10 Uhr nach dem Glockenläuten das Osterlied "Christ ist erstanden" erklingen zu lassen.

Die Hör-Andacht der Gemeinde Dresden-Ost, weitere Ideen gesucht

Die Hör-Andacht der Gemeinde Dresden-Ost kann unter der Telefonnummer 0351/82870218 oder online auf http://u.epd.de/1gms abgerufen werden Für weitere Ideen, Wünsche und Anregungen hat die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens den Angaben nach unter kirche@evlks.de einen digitalen Briefkasten eingerichtet.

Gottesdienste per Livestream - Bistum Dresden-Meißen verschärft Anweisungen

Nach der evangelischen Landeskirche Sachsen hatte auch das katholische Bistum Dresden-Meißen alle Gottesdienstfeiern unter Verweis auf die Handlungsempfehlungen der Landesregierung abgesagt. Bischof Heinrich Timmerevers erklärte in einer Video-Botschaft:

Wir haben als Gesellschaft die große Pflicht, auf jene zu achten, die durch Alter und Krankheit besonders gefährdet sind. Wir müssen alles tun, um sie an Leib und Leben zu schützen.

Bischof Heinrich Timmerevers

Timmerevers kündigte für die kommenden Osterfeiertage Gottesdienstübertragungen aus dem Bistum im Livestream an. Die sonntägliche Feier des Gottesdienstes sei "ein hohes Gut, dem für Ausnahmesituationen auch über Internet, Fernsehen und Rundfunk legitim entsprochen werden kann".

Staatliche Weisungen könnten weitere Einschränkungen notwendig machen, heißt es außerdem in einem Schreiben des Bistums. Ihnen sei unbedingt Folge zu leisten. Die Kirchenräume sollten jedoch nach Möglichkeit für das persönliche Gebet geöffnet bleiben. Reguläre Krankenbesuche, einschließlich Spendung der Krankenkommunion, seien auszusetzen. Die Spendung der Kommunion an Schwerstkranke und Sterbende sei aber möglich. Alle aufschiebbaren Feiern wie Taufen und Trauungen seien nach Gespräch mit den betroffenen Familien und Eheleuten zu verschieben. Nottaufen seien davon ausgenommen. Beerdigungen könnten derzeit nur nach den öffentlichen Vorgaben im engsten Kreis der Familie im Freien stattfinden.

Kritik an "Geistermessen", "Spirituelle Potenziale nutzen"

Indessen wenden sich Liturgiewissenschaftler dagegen, dass Priester die Eucharistie alleine feiern. Die Reaktionen der christlichen Kirchen "auf diese schwierige und in vielerlei Hinsicht unübersichtliche Situation" seien teilweise "von großer Sorge, von Ängsten und Unsicherheiten geprägt", schreiben Benedikt Kranemann, Albert Gerhards sowie Stephan Winter in einem Gastbeitrag für das Portal katholisch.de.. Allerdings entsprächen "Geistermessen" nicht dem heutigen Verständnis von Liturgie. Gemeinsam mit staatlichen Stellen müssten die Kirchen außerdem dringend klären, wie auch die rituelle Zuwendung zu Bedürftigen, Kranken und Sterbenden weiterhin zu gewährleisten sei.

Im Hinblick auf den Gottesdienst seien "alle, die im gemeinsamen Priestertum der Taufe verbunden sind, gefordert, nach Möglichkeiten zu suchen, sich in verantwortlicher Weise in Formen des gemeinsamen Hörens auf das Wort Gottes und des Gebets zu verbinden". Kranemann, Gerhards und Winter appellierten, "spirituelle Potenziale" in Familien, Freundeskreisen und Sozialen Netzwerken zu wecken und zu fördern sowie die digitalen Medien kreativ einzusetzen. Im besten Fall könnte die Krise "schlummernde Charismen und Gaben entdecken und aktivieren". Bilder von Menschen in Italien, die auf Balkonen singen und musizieren, hätten "durchaus prophetischen Charakter".

#flashmobsonoro in Italien

Da Millionen Italiener wegen des Coronavirus zuhause bleiben müssen, musizieren sie nun auf ihren Balkonen. Von Nord bis Süd stellen sich daher zur gleichen Zeit Menschen mit Instrumenten oder singend auf ihre Balkone. Hashtag: #flashmobsonoro

Corona-Pandemie: Verbot religiöser Veranstaltungen

In den Leitlinien, die die Bundesregierung und die Regierungschefs der Bundesländer am Montag für ein einheitliches Vorgehen gegen die Corona-Pandemie vereinbarten, heißt es u.a., dass "Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen, Synagogen und die Zusammenkünfte anderer Glaubensgemeinschaften" zu verbieten sind. Die überwiegende Mehrheit der Kirchen hatte bereits am vergangenen Wochenende Gottesdienste oder andere Veranstaltungen aufgrund der Ansteckungsgefahr abgesagt. Dass an manchen Orten aber immer noch Gottesdienste stattfanden, stieß auf harrsche Kritik unter anderem beim Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock.