Nachgefragt Kirchenaustritte: "Fast jedes Jahr ist es eine Stadt"

Die beiden großen Kirchen verlieren weiter Mitglieder. Das geht aus der neuen Statistik für das Jahr 2020 hervor, die gerade von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) sowie der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellt wurde. Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel erklärt die Hintergründe und was den Trend stoppen könnte.

Religionssoziologe Gerd Pickel
Bildrechte: MDR/Katrin Schlenstedt

MDR KULTUR: Zwar gehört immer noch rund die Hälfte, also 51 Prozent der deutschen Bevölkerung, einer der großen christlichen Kirchen an, aber die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt weiter und die Kirchenaustritte spielen dabei eine große Rolle. Rund 220.000 Menschen haben die katholische bzw. evangelische Kirche verlassen, jeweils! Seit wann ist das eigentlich so?

Gert Pickel, Religionssoziologe: Seit den 1970er-Jahren gibt es diese Entwicklung auf einem fast konstanten Niveau, was die Größenordnung angeht. Fast jedes Jahr ist es eine Stadt. Seit 2010 sind die Zahlen sogar eher noch steigend. Möglicherweise sehen die Zahlen sogar noch ein bisschen schöner aus, nicht trotz, sondern "dank" Corona. Denn sehr viele Standesämter hatten zu. Das bedeutet, das Abmelden, also der Austritt war gar nicht so einfach. Ich würde fast vermuten, wenn das wieder möglich ist, werden wir sogar noch einen kleinen Peak nach oben haben.

Sie sehen also kein positives Zeichen darin, dass 2020 weniger Menschen aus der Kirche ausgetreten sind als 2019, immerhin rund 20 Prozent?

Nein, man muss sogar aufpassen, dass sich der Trend zum Austritt nicht beschleunigt. Also gerade in der katholischen Kirche.

Als einer der Gründe, die auch in einer aktuellen Pilotstudie angeführt werden, steht die Kirchensteuer, die viele nicht mehr zahlen wollten. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Ja, ich kenne diese Aussage auch aus eigenen Auswertungen von Studien. Aber im Grunde ist es nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Sie brauchen einen Auslöser für den Austritt, auch wenn sie schon lange Zeit davor gar nicht mehr religiös gewesen sind. Wir haben in einer Studie bei der Evangelischen Kirche Deutschlands mal vor einigen Jahren nachgefragt, und danach glaubte ein Drittel der Kirchenmitglieder nicht an Gott. Da sehen Sie, wo das Potenzial hingeht.

Es ist ein bisschen so wie bei einem Zeitungsabonnement, das vergisst man ja auch immer zu kündigen. Und irgendwann ist es dann soweit. Man sagt dann nicht, das geht mich schon seit 20 Jahren nichts mehr. Denn das sehe ja blöd aus, sondern man nennt die Kirchensteuer als Grund, auch wenn man die 20 Jahre lang locker bezahlt hat.

Welche Rolle spielt denn der Missbrauchsskandal vor allem in der katholischen Kirche im Hinblick auf die Austritte?

Eine beachtliche Rolle. Man muss sagen, dass über die Jahrzehnte hinweg immer die evangelische Kirche mehr Mitglieder verloren hat, umgekehrt hat sie aber auch ein bisschen mehr dazu gewonnen. Bei der katholischen Kirche ist es so, dass sie davon lebt, ihre Mitglieder zu halten. Es gibt fast keine Neuzutritte. Jetzt, in den letzten Jahren, merken wir gerade im Kontext dieser Missbrauchsskandale, dass mehr Personen aus der katholischen Kirche austreten als aus der evangelischen, was angesichts der fast nicht vorhandenen Eintrittszahlen besonders prekär ist. Und ich fürchte, angesichts der Diskurse auch gerade des letzten Jahres, wo viele Gläubige nicht mehr das Gefühl haben, dass ihre Kirche irgendwie beweglich ist, da wird man wohl noch mit deutlich höheren Verlustzahlen rechnen müssen.

Wissen Sie eigentlich, wer besonders stark zum Kirchen Austritt neigt?

Ja, da haben wir Informationen. In der Regel erfolgen Kirchen-Austritte zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr, also wenn man das Elternhaus bzw. das nähere Umfeld der Familie verlassen hat. Da wird die Kirchensteuer dann doch mal relevant. Zuvor ist man nicht ausgetreten, weil das vielleicht gegenüber der Großmutter irgendwie peinlich gewesen wäre. Das sind so Effekte.

Kirche und Religion  – das ist für die meisten Menschen etwas Soziales, nichts Theologisierendes. Das hat mit Seelsorge zu tun und mit Nähe. Darauf müssen sich beide Kirchen einlassen.

Gert Pickel Religionssoziologe, Universität Leipzig

Was könnten die Kirchen unternehmen, um Menschen zu halten?

Man muss Vertrauen zurückgewinnen, vor allem bei der katholischen Kirche. Und insgesamt gilt für beide Kirchen: sich darauf einlassen, dass für die meisten Menschen, Kirche und Religion etwas sehr Soziales sind. Das ist jetzt nicht irgendwas Theologisierendes, sondern Lebenswelt. Und das hat mit Seelsorge zu tun. Das hat mit Nähe zu tun. Das ist der zentrale Punkt. Und hier muss man sich sicherlich ein bisschen neu aufstellen in einer modernen Gesellschaft. Denn es wollen nicht mehr alle Dasselbe, die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher nimmt ja auch seit Jahrzehnten ab.

Man muss einerseits mit dieser Säkularisierung leben. Auf der anderen Seite stellen wir fest: Da, wo wir viele Netzwerke zivilgesellschaftlich engagierter Leute haben, können die Kirchen durchaus immer noch sehr lebendig sein. Aber das sind eben lange nicht alle in Deutschland.

Das Gespräch führte Stefan Maelck, MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Juli 2021 | 16:10 Uhr