Pro und Kontra Ukraine-Konflikt: Die Haltung der Kirchen zu Waffenlieferungen

Der Konflikt an der russisch-ukrainischen Grenze scheint weiter zu eskalieren. Truppenbewegungen, Militärmanöver, Waffenlieferungen drehen an der Eskalationsspirale. Welche Rolle sollte in diesem Konflikt Deutschland einnehmen? Michael Hollenbach hat mit christlichen Friedensethikern gesprochen und ist auf unterschiedliche Antworten gestoßen

PACE steht während dem Ostermarsch auf einer Flagge.
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Waffenlieferungen an die Ukraine? Das sei "ein Grundprinzip der katholischen Friedensethik, dass es ein solches Recht der Selbstverteidigung gibt“, meint der Katholik und emeritierte Professor für theologische Friedensforschung Heinz-Günther Stobbe.

Von der Zurückhaltung der deutschen Bundesregierung, Waffen in Kriegs- und Krisengebiete wie die Ukraine zu liefern, hält er wenig.

Jens Lattke, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland findet das "eine ziemlich schlechte Idee.“ Er glaubt, dass Waffenlieferungen nicht zur Stabilisierung beitragen, sondern mehr Verunsicherung schafft und sich so die andere Seite ebenfalls gezwungen sieht, aufzurüsten. Somit bestünde nach seiner Meinung ein "erhebliches Eskalationsrisiko".

Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge bewegt sich auf einer Autobahn auf der Krim 4 min
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Welche Rolle sollte Deutschland im russisch-ukrainischen Konflikt einnehmen? Michael Hollenbach hat mit christlichen Friedensethikern gesprochen und ist auf unterschiedliche Antworten gestoßen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 28.01.2022 15:59Uhr 03:40 min

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Von beiden Seiten akzeptierter Vermittler sein

Andere NATO-Partner werfen der Bundesregierung vor, sie halte sich in dem Konflikt vornehm zurück, wenn sie beispielsweise statt Panzerabwehrraketen nur Militärhelme exportiere:

"Das halte ich für ein schwieriges Argument, wenn man Säbelrasseln mit Verantwortung gleichsetzt“, meint Lattke. "Das würde implizieren: Wir müssen nur Stärke zeigen und drohen, dann bekommen wir den Konflikt schon gelöst. Da glaube ich nicht dran. Verantwortung zu übernehmen heißt für mich eher, ein glaubwürdiger Vermittler zu sein.“

Verantwortung zu übernehmen heißt für mich eher, ein glaubwürdiger Vermittler zu sein.

Jens Lattke, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Wenn Deutschland sich nun stärker militärisch im Ukraine-Konflikt engagieren würde, wäre das kontraproduktiv, meint der Magdeburger. Er weist auf die Gefahr hin, "dass wir unsere Optionen als glaubwürdiger, friedlicher Vermittler aufzutreten, aus der Hand geben, wenn wir Waffen liefern."

Russland in die Schranken weisen

Das sieht der Friedensforscher Heinz-Günther Stobbe anders. Er verweist auf das aggressive Auftreten Russlands, das die Ukraine politisch, wirtschaftlich und militärisch unter Druck setze. 

Das ist unmöglich und es verstößt gegen die europäische Sicherheitsordnung. Und das kann man nicht so auf sich beruhen lassen.

Friedensforscher Heinz-Günther Stobbe

Wobei auch dem Theologieprofessor klar ist, dass sich die Ukraine nicht militärisch verteidigen lässt. Was also tun? Auf Wirtschaftssanktionen setzen?

Schwierig, vor allem bei einer Großmacht wie Russland, die schon bei der Annexion der Krim gezeigt hat, dass sie Sanktionen notfalls in Kauf nehme.

Heinz Günther Stobbe geht noch auf ein anderes Argument ein. Aus besonderer Verantwortung für die deutsche Geschichte – so ist aus Reihen der Bundesregierung zu hören -  verzichte man auf die Lieferung von Waffen, die gegen Russland eingesetzt werden könnten.  

Stobbe kann aus dem Umgang mit der deutschen Vergangenheit nicht den Schluss ableiten, dass man Ländern, die angegriffen werden, die Möglichkeit nimmt, sich verteidigen zu können.

"Auch Interessen Russlands in den Blick nehmen"

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland hält dagegen nichts von Konfrontation. Man müsse auch die Interessen Russlands in den Blick nehmen, meint Jens Lattke:

"Gebraucht wird wirklich eine Sicherheitsorganisation, bei der alle beteiligt sind und die Russland einschließt, die miteinander Sicherheitslösungen für Europa finden. Es braucht eine Wiederherstellung des Vertrauens zwischen Russland und dem Westen.“

Ein Teilnehmer hält während dem Ostermarsch am 04.04.2015 in Berlin, Deutschland ein Schild in die Luft.
Den Dialog mit Russland suchen: Eine Forderung auf einem Ostermarsch in Berlin 2015 Bildrechte: IMAGO / Markus Heine

Jens Lattke und Heinz Günther Stobbe sind sich darin einig, dass ein Krieg unbedingt vermieden werden muss. Doch auch unter Christinnen und Christen gehen die Meinungen auseinander, wie dieser Krieg verhindert werden kann.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR Religion und Gesellschaft | 30. Januar 2022 | 09:05 Uhr