Prognose & Reaktionen Studie: Kirchen verlieren bis 2060 fast die Hälfte ihrer Mitglieder

Die Kirchen in Deutschland werden 2060 nur noch etwa halb so viele Mitglieder haben wie heute. Auch ihre finanziellen Möglichkeiten werden sich in diesem Zeitraum halbieren. Das besagt eine Studie des Forschungszentrums Generationenverträge (FZG) der Universität Freiburg, die von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Nicht nur demografischer Wandel als Ursache

Die Forscher um den Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen erklären weniger als die Hälfte des Rückgangs mit dem demografischen Wandel. Einen größeren Einfluss habe das "Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern". Die Kirchen sollten nach Zusammenhängen suchen, die sie beeinflussen könnten.

Marx: "Aufruf zur Mission"

Andreas Barner, Mitglied im Rat der EKD, sagte dazu: "Es ist fünf vor zwölf. Wir müssen jetzt handeln." Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender der Bischofskonferenz und EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm erklärten, die Erkenntnisse nutzen zu wollen, um sich auf die Zukunft einzustellen. "Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten", sagte Marx. Für ihn sei die Studie auch "ein Aufruf zur Mission". Bedford-Strohm kommentierte, manches am Rückgang an Kirchenmitgliedern "werden wir nicht ändern können. Anderes aber schon". Dabei sei die Ausstrahlungskraft der Kirche nicht nur eine Frage der Mitgliederzahlen.

Timmerevers: Minderheitensituation im Osten gewohnt

Heinrich Timmerevers in Dresden
Bischof Heinrich Timmerevers: "Kein Grund zur Resignation" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ähnlich äußerte sich Dresdens Bischof Heinrich Timmerevers, das Ergebnis der Studie seien "nicht völlig überraschend". Sie tue zwar weh, gleichwohl sehe man im Bistum Dresden-Meißen nicht resigniert in die Zukunft: "Besonders in Sachsen und Ostthüringen sind unsere Gläubigen kirchliches Leben in einer Minderheitensituation seit langem gewohnt." Die Kirche habe den Menschen viel zu geben und werde die christliche Botschaft auch weiter in die Gesellschaft tragen.

Wie Mitglieder und Finanzen schwinden

Wenn die Prognosen zutreffen, werden in 40 Jahren noch 29 Prozent der deutschen Bevölkerung einer der großen Kirchen angehören, derzeit sind es 54 Prozent. Demzufolge verringerte sich die Zahl der Kirchenmitglieder von 44,8 Millionen im Jahr 2017 zunächst bis 2035 auf 34,8 Millionen und dann bis 2060 auf 22,7 Millionen, also um 49 Prozent. Dabei verliere die katholische Kirche weniger Mitglieder als die evangelische. Dies sei zum einen auf eine stärkere Zuwanderung von Katholiken aus Ost- und Südeuropa zurückzuführen und zum anderen auf eine etwas jüngere Altersstruktur. Die Mitgliederzahlen der orthodoxen Kirchen sowie der evangelischen Freikirchen wurden nicht mitgeschätzt. Sie lagen 2017 bei zusammen rund 2 Millionen.

Bei der Berechnung der Kirchensteuer gehen die Forscher davon aus, dass die Gesamteinnahmen nominal nur leicht zurückgehen werden - von 12,8 auf rund 12 Milliarden Euro. Da sich aber die Kaufkraft in diesem Zeitraum in etwa halbiere, stünden den großen Kirchen aus Kirchensteuereinnahmen dann nur noch 49 Prozent ihrer heutigen Kaufkraft zur Verfügung. Die Einnahmen aus der Abgeltungsgssteuer aus Kapitalerträgen seien dabei nicht eingerechnet. Sie beliefen sich nach Schätzungen auf weniger als 0,5 Milliarden Euro im Jahr und sind abhängig von der Zinsentwicklung.

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2019, 12:31 Uhr