Interview "Nicht nur die Ost-Gemeinden profitierten von Kirchenpartnerschaften"

Während der deutschen Teilung war es schwierig, Brücken zwischen Ost und West zu erhalten. Doch zwischen evangelischen und katholischen Gemeinden entstand ein dichtes Netz für materiellen, geistigen und geistlichen Austausch. Wie und was es bewirkte, hat die Tübinger Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas näher in Thüringen und Baden-Württemberg erforscht. Sie meint, nicht nur "die armen Verwandten im Osten", sondern auch die Gemeinden im Westen profitierten davon.

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas 16 min
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Nah dran Do 24.09.2020 22:40Uhr 16:00 min

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Auch zur Zeit der deutschen Teilung haben die evangelischen und katholischen Gemeinden in Ost und West intensiv Austausch gepflegt. Zu diesem Schluss kommt die Tübinger Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat: "In den Anfängen stand die materielle Hilfe im Vordergrund. Bereits 1949 schickten Familien aus dem Westen Päckchen in den Osten. Oder man half, dass ein örtlicher Pfarrer motorisiert wurde, damit er seine Gemeindemitglieder besser erreichte. Das konnte erstmal nur auf dieser privaten Basis laufen, denn diese Hilfen geschäftsmäßig zu organisieren, das war nicht erlaubt. So entstand aber zugleich ein Netzwerk zwischen Menschen, die sich über ihre Alltagssorgen, aber auch ihren christlichen Glauben austauschen konnten."

Materieller und geistiger Austausch

Dass so ein materielles Gefälle für Spannungen zwischen Gebenden und Nehmenden sorgen kann, das hat Rittberger-Klas ebenfalls festgestellt. Allerdings müsse man sehen, dass die Kirchenpartner im Westen durchaus profitierten, weil Christinnen und Christen aus der DDR ihnen ihre Erfahrungen von Gemeinschaft und Zusammenhalt in der Diaspora vermittelten.

Es gab ein Fenster in den Westen. Das hat Dinge in Frage gestellt und in Bewegung gebracht. Es bedeutete einen bestimmten Rückhalt und auch eine wichtige Grundlage für die Veränderungen seit den 1980ern.

Karoline Rittberger-Klas Tübinger Pfarrerin

In den 1960er-Jahren verbesserte sich die Versorgungslage im Osten, der Mauberbau schränkte den Austausch gravierend ein, wie Rittberger-Klas weiter erklärt. In den 1970er-Jahren gab die Politik der Öffnung auch den Kirchenpartnerschaften neuen Schwung, wenngleich die Vorzeichen sich änderten: "Anfangs hieß es: 'Wir sind ein Land, wir gehören zusammen.' Nun entwickelte man eher eine Neugier auf den Anderen, tauschte sich aus, was es bedeutete, unter den jeweils anderen Bedingungen Christin oder Christ zu sein." Christ zu sein und den NVA-Dienst zu verweigern, habe in der DDR bedeutet, nicht studieren zu dürfen oder als Gemeinde, nicht genug Mittel zu haben, eine Kirche zu renovieren.

Von den Partnerinnen und Partnern im Westen, die ihren Glauben frei leben konnten, habe man wohl gerade deswegen wissen wollen: "Wie schafft ihr es, mehr als schmückendes Beiwerk in der Gesellschaft zu sein." Auf Foren vor allem in Ost-Berlin habe man sich dazu ausgetauscht. In den 1980er-Jahren sei auch West-Besuch in den Ost-Gemeinden möglich geworden.

Grenzüberschreitende Gemeinschaft

Freilich habe die Staatssicherheit diese Treffen beobachtet. So lange der Austausch im Privaten geblieben sei, habe man die Menschen gewähren lassen. Interveniert worden sei, sobald es politisch wurde. "Etwa als Jugendgruppen begannen, so genannte Friedensverträge miteinander zu schließen. Nach dem Motto: 'Auch wenn unsere beiden Staaten unterschiedlichen Blöcken angehören, wir sind nicht verfeindet." Schließlich habe der Austausch die gesellschaftlichen Veränderungen in den 1980er-Jahren befördert, zieht Rittberger-Klas Bilanz: "Die Kirche konnte Räume offen halten, die von der Oppositionsbewegung gezielt genutzt wurden."

Wende und Wiedervereinigung brachten Rittberger-Klas zufolge zunächst viele neue Impulse. In den 1990er seien viele Kirchenpartnerschaften dann eingeschlafen, andere aber privat weitergeführt worden, weil sie auf echten, inzwischen teilweise Jahrzehnte langen Freundschaften basierten: "Am Ende zählt, dass die Kirchen zeigten: Es gibt eine Gemeinschaft der Glaubenden, die sich in konkreter Hilfe äußert. Die politische Bedeutung bestand darin, den Totalitätsanspruch des SED-Regimes zu unterlaufen."

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MDR FERNSEHEN Do, 24.09.2020 22:40 23:08

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Die Themen der Sendung: Ein Pfarrer im Zwiespalt | Braucht die Kirche eine Ost-Quote? | Früher geheime Partner - heute Freunde? | Das Kloster Helfta in Sachsen-Anhalt

Ein Pfarrer im Zwiespalt: In Südthüringen, nahe der Grenze zu Hessen, ist Markus Heckert evangelischer Pfarrer. Er bewegt sich hier in einem Spannungsfeld: viele seiner Gemeindemitglieder haben nach dem Mauerfall Tiefpunkte erlebt, fühlen sich oft noch immer nicht angekommen. Markus Heckert hingegen trägt viele negative Erlebnisse aus der DDR in sich, möchte diese Zeit gern hinter sich lassen. Wie schafft er, Gräben zu schließen und ein Zusammenwachsen zu fördern?

Braucht die Kirche eine Ost-Quote? Es gibt weitaus mehr West- als Ostdeutsche in kirchlichen Führungspositionen. Ob evangelische oder katholische Bischofsämter – die ostdeutschen Inhaber kann man jeweils an einer Hand abzählen. Warum ist das so und wie kann sich das ändern? "Nah dran" fragte die beiden früheren Bischöfe Axel Noack (evangelisch) und Joachim Reinelt (katholisch) nach ihrer Meinung dazu. Das Thema ist heikel - im Grunde sollte die Herkunft unwichtig sein, dennoch spielen regionale Schwerpunkte und Besonderheiten eine große Rolle. Die können so nicht ausgewogen stattfinden. Hat hier – wie auch in vielen Bereichen der Wirtschaft - der Westen den Osten untergebuttert?

Früher geheime Partner - heute Freunde? Eine der wenigen Brücken zwischen der Bundesrepublik und der DDR während der deutschen Teilung, waren die kirchlichen Partnerschaften. Fast jede katholische und evangelische Kirchengemeinde im Osten war mit einer Kirchengemeinde im Westen verbunden. Die Gemeindepartnerschaft, die wir vorstellen, ist die zwischen Minden in Ostwestfalen und Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Eigentlich sind beide Gemeinden nur gut 200 Kilometer voneinander entfernt. Doch der "Eiserne Vorhang" erschwerte das Kennenlernen und Beisammensein. Mit Mut und Phantasie schafften es die Gemeindeglieder trotzdem, über Jahre hinweg ein Miteinander zu entwickeln. Dann kam die Wiedervereinigung. Ist damit der Sinn der Partnerschaften entfallen? Wie ist die Realität im Jahr 2020?

Das Kloster Helfta in Sachsen-Anhalt: Es war eine bayerische Schwester, die im Eislebener Stadtteil Helfta das zerstörte Kloster wieder aufbaute – allerdings erst im Jahr zehn nach dem Mauerfall. In der DDR war das traditionsreiche, viele hundert Jahre alte Kloster heruntergewirtschaftet worden und wurde nur landwirtschaftlich genutzt, Ferkel rannten durch den Altarraum. Heute treffen sich hier Menschen aus Ost und West - wie leben sie die katholische Gemeinschaft und beurteilen das Zusammenwachsen beider Teile Deutschlands?

Buchtipp Karoline Rittberger-Klas
Kirchenpartnerschaften im geteilten Deutschland
Am Beispiel der Landeskirchen Württemberg und Thüringen
368 Seiten
Vandenhoeck & Ruprecht

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 24. September 2020 | 23:40 Uhr