Lausitz-Kirchentag Kohleausstieg: Energie-Arbeiter fühlen sich von Kirche allein gelassen

Auf dem Lausitz-Kirchentag gehört der Strukturwandel zu den wichtigsten Themen: Der Abschied von der Kohle wühlt viele Menschen in der Region auf. Auch in Kirchengemeinden brodelt es. Während die Kirchenleitungen für Klimaschutz werben, sorgen sich Gemeindemitglieder um ihre Zukunft.

Hinter der Kirche von Gustorf stößt das Braunkohlekraftwerk in Frimmersdorf Rauchschwaden aus.
Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz spricht sich für den schnellen Kohle-Ausstieg (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Silbergrau und hoch wie ein Wolkenkratzer: So ragt das Kraftwerk Schwarze Pumpe in den blauen Himmel über der Lausitz. Tag und Nacht brummt es gleichmäßig, während es Kohle in Strom verwandelt. An seinem Arbeitsplatz in Senftenberg verfolgt Betriebsrat Andreas Rösel die Stromerzeugung genau - nicht nur seines Kraftwerks: "Wir haben in Deutschland zurzeit mehr als 60.000 Megawatt Leistung, die benötigt wird. Davon sind allein 20 Gigawatt Kohle im Netz. Die Windenergie schwächelt heute, die ist nur mit rund fünf Gigawatt im Netz."

Kohle-Arbeiter sehen sich von der Kirche im Stich gelassen

Das Kraftwerk ist der Stolz von Andreas Rösel und seinen Kollegen. Aus den zwei riesigen Kühltürmen seines Kraftwerks steigen weiße Wolken in den Himmel: Wasserdampf – aber auch rund elf Millionen Tonnen CO2 im Jahr. Sie werfen einen großen Schatten auf die Kohle-Arbeiter in der Lausitz, sagt der evangelische Christ: "Eigentlich sind wir nur noch im Umfeld akzeptiert. Diejenigen, die davon leben und in der Kohle arbeiten werden in die Schmuddelecke gestellt. Sie sind von der Politik und auch von der Kirche teils schwer enttäuscht."

Die Spitzen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, zu der Andreas Rösel gehört, sprechen sich seit Jahren für Klimaschutz und Kohleausstieg aus – zwar sozial abgefedert, aber so schnell wie möglich. Die sächsische Landeskirche ist zurückhaltender. Doch Energie-Arbeiter wie Andreas Rösel aus Schleife fühlen sich von ihrer Kirche allein gelassen: "Da kommt schon die Diskussion hoch, ob die Kirche denn noch richtig tickt: Wir zahlen Kirchensteuer, engagieren uns und werden trotzdem grundsätzlich als die Dreckputtel der Nation gesehen."

Pfarrer Michel: Zukunftsvertrauen aufbauen

Die Niederlausitz trägt die Narben des Kohleabbaus von Jahrzehnten. Nun wird die ganze Region vom nahenden Ende der Kohle aufgewühlt. Pfarrer Jörg Michel erlebt diesen Umbruch seit Jahren mit: "Mein Vater war als Ingenieur tätig bei der Erschließung der ganzen Tagebaue in der Region. Auch die beiden älteren Brüder waren in der Kohle tätig und sind bei der Stilllegung der Grube Berzdorf unter die Räder gekommen. Das war schon heftig." Auch deshalb versteht der Hoyerswerdaer Pfarrer die Ängste der Menschen vor dem Strukturwandel. Für die Kirche sieht er dabei eine große Aufgabe: "Ich würde die Kirchgemeinde als einen Rahmen verstehen, in dem Angst geäußert werden kann, und wo man auch wieder Vertrauen aufbaut. Es geht dabei um ein grundsätzliches Vertrauen, dass man sich bei allen Veränderungen bewahrt und begleitet fühlt und auch eine Zukunft erwartet werden kann – und nicht nur ein schwarzes Loch."

Lausitz-Kirchentag: Suche nach einer neuen Identität

Das will auch der Lausitz-Kirchentag, bei dem sich vom 24. bis 26. Juni tausende Christinnen und Christen in Görlitz treffen. Pfarrer Jörg Michel hat an seinem Programm mitgearbeitet. Er will nach einer neuen Identität für die Lausitz suchen, jenseits der Kohle. Und er will den Blick weiten über die Lausitz hinaus: "Wenn ich weiß, dass das Verfeuern von Kohle weltweit Auswirkungen hat, muss ich auch an die denken, die unter dem CO2-Ausstoß leiden. Die Solidarität sollte auch an die gerichtet sein, die schon jetzt mit den Konsequenzen leben müssen."

Auch Betriebsrat Andreas Rösel im Kraftwerk Schwarze Pumpe weiß um das CO2 in den Wolken über den Kühltürmen und seine Folgen. Die Schöpfung und die Klimarettung stehen für ihn in Zusammenhang: "Mir ist vollkommen klar, dass die Kohle Narben in der Umwelt hinterlässt. Wenn man da eine andere Lösung hätte, wäre mir das lieber." Doch jetzt sollen wegen des Ukraine-Kriegs wieder Kohlekraftwerke aktiviert werden – und selbst in der Lausitz werden Fachkräfte knapp.

Deswegen geht es vielen in der Region wie Andreas Rösel. Es ist nicht die Angst vor Armut, die sie umtreibt: Es geht ihnen um Respekt und Anerkennung für ihre Arbeit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Juni 2022 | 08:15 Uhr