"Konversionstherapien" im Fokus Wenn Homosexualität als Sünde und Störung gilt

So genannte Konversionstherapien suggerieren, die sexuelle Identität eines Menschen verändern zu können: Aus einer homosexuellen Neigung soll eine heterosexuelle werden. Die Angebote dazu kamen und kommen vor allem aus dem evangelikal-freikirchlichen Spektrum. Praktizierte Homosexualität gilt dort als Sünde – ähnlich wie es das Lehramt der katholischen Kirche vorsieht. Doch Konversionstherapien sind mehr als umstritten. Zu den Auswirkungen stellt die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) nächste Woche eine Studie vor. Was ein Betroffener sowie Gegner und Befürworter vorab zu sagen haben ...

Homo Ehe
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Gerhard Kupper hat in den 1990er-Jahren bei einem evangelikalen Institut im Odenwald eine Konversionstherapie gemacht. Ihm sei damals gesagt worden, dort werde "geguckt, dass man diese psychische Störung bewältigen kann, um dann zu einem 'normalen Mann' im biblischen Sinne zu werden, also heterosexuell". Seine homosexuellen Neigungen sollten als minderwertig bekämpft werden. Kupper, der in einer freien evangelischen Gemeinde aufgewachsen war, folgte dem Angebot und glaubte an die vermeintliche "Heilung".

Man wächst ja in diese Anti-Homosexuellen-Haltung hinein, und dann ist es fast logisch, was dort als Lösung angeboten wird. Ich habe nach ein paar Jahren festgestellt, dass es nicht funktioniert.

Gerhard Kupper, Betroffener

Therapien nach der Therapie

Gerhard Kupper hat lange gebraucht, um sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. In jahrelangen Therapien hat er deren religiös bedingte Ablehnung und Verdrängung aufarbeiten müssen.

Auch Uwe Heimowski hält nichts von den traditionellen Konversionstherapien. Er ist der bundespolitische Beauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz, einem Netzwerk evangelikaler Christen. Er versichert: "Ich kenne keine einzige Einrichtung, die sagt, deine Homosexualität ist ein Krankheitsbild und wir wollen dich behandeln."

Die Theologieprofessorin Kerstin Lammer sagt dagegen, christlich-fundamentalistische Anbieter würden heute zwar nicht mehr von "Krankheit" und "Heilung" sprechen: "Aber die Gefahr liegt darin, dass sie suggerieren, Homosexualität sei falsch, schlecht, sei eine Störung, was sie nicht ist; sie suggerieren den Betroffenen und auch dem sozialen Umfeld diese falsche Einstellung. Die Therapien haben massiv schädigende Folgen."

Lammer war Mitglied der Fachkommission Konversionstherapien des Gesundheitsministeriums. Zu den Anbietern solcher Therapien zählt Lammer vor allem das Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung – besser bekannt unter dem alten Namen "Wuestenstrom" – ebenso wie das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft im Odenwald, bei dem einst Gerhard Kupper seine Therapie absolvierte. Das evangelikale Institut ist Mitglied im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).

Stichwort: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMG) war vom Bundesgesundheitsministerium beauftragt, so genannte Konversionstherapien aus medizinisch-psychologischer Sicht zu beurteilen und Verbotsmöglichkeiten juristisch prüfen zu lassen. Die Stiftung gab dazu ihrerseits zwei Gutachten in Auftrag. Vorgestellt wurden sie am 11. Juni 2019.

Das Ministerium fasst die Kernaussage so zusammen: "Ein Verbot (so genannter Konversionstherapien) ist aus medizinischer Sicht geboten und rechtlich möglich" - zum Schutz homosexueller Männer, Frauen, Jugendlicher und junger Erwachsener vor Pathologisierung und Diskriminierung. "Auf dieser Grundlage werden wir auf das Justizministerium zugehen, um zügig zu entscheiden, wie und was wir in Deutschland umsetzen."

Ende August veröffentlicht die Stiftung nun ihren Abschlussbericht. Auf BMH-Initiative war auch eine Fachkommission eingerichtet worden, der 46 Vertretern aus Politik und Wissenschaft sowie Betroffene angehören, um den Prozess zu begleiten. Im September will das Bundesgesundheitsministerium einen Gesetzentwurf vorstellen.

Seelsorge oder Konfliktverstärker?

Im September will die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf zum Verbot von Konversionstherapien vorlegen. Uwe Heimowski von der Deutschen Evangelischen Allianz warnt davor, dass die Regierung damit zu weit gehen könnte.

Was wir mit Sorge betrachten, ist die Ausgestaltung dieses Gesetzes, wenn dadurch gleichzeitig die Begleitung von Menschen, die eine Veränderung suchen, ausgeschlossen werden. Es gibt Fälle, wo die Sexualität uneindeutig ist. Wenn diese Fälle nicht mehr begleitet werden dürften, das würden wir als Schwierigkeit empfinden.

Uwe Heimowski, Deutsche Evangelische Allianz

Kerstin Lammer allerdings wendet ein, dass Ratsuchende von Seelsorgern begleitet würden, die von der eindeutigen Prämisse ausgehen, Homosexualität sei Sünde. Deshalb seien viele evangelikale und freikirchliche Seelsorger voreingenommen und in diesem Bereich ungeeignet:

Sie verstärken, was sie beseitigen wollen, nämlich Identitätskonflikte und Störungen.

Kerstin Lammer, Theologin und Mitglied in der Fachkommission des Bundes

Die evangelische Theologin würde ein Gesetz gegen Konversionstherapien begrüßen. Sie rechnet allerdings nicht damit, dass besonders viele Anbieter wegen einer neuen Rechtslage verurteilt würden. Sie findet das Signal entscheidend: "Homosexualität ist keine Krankheit; und wer Schwule und Lesben dennoch therapieren will, verstößt gegen das Gesetz."

Meine Haltung ist klar: Ich bin für ein Verbot dieser Therapien. Denn Homosexualität ist keine Krankheit und daher auch nicht therapiebedürftig.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU

Aus dem Kurzgutachten aus medizinisch-psychologischer Sicht * Das Gutachten von Prof. Dr. med. Peer Briken, Direktor des Zentrums für Psychosoziale Medizin
Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, stützt sich v.a. auf die "Analyse und Bewertung der wissenschaftlich relevanten Literatur" und erklärt:

* Die sexuelle Orientierung "bei vielen Menschen im Lebensverlauf relativ stabil". Eine "gewisse Flexibilität" "selten und meist eher moderat". "Fluidität" keine bewusste Entscheidung.

* Keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass Homosexualität eine Störung oder gar Krankheit sei. Alle relevanten medizinischen und psychologischen Fachgesellschaften sprechen sich "seit Langem deutlich gegen eine Pathologisierung von Homosexualität" aus. Deswegen "keinerlei Indikation für SOCE", im Sinne von "Sexual Orientation Change Efforts", also Interventionen.

*Vielmehr auf "individueller Ebene zumindest deutliche Hinweise auf negative Wirkungen (so z.B. Depressivität, Angst, Suizidalität, sexuelle und Beziehungsprobleme)" von Interventionen im Sinne der so genannten Konversionstherapie. "Auf gesellschaftlicher Ebene" unterstützten sie "die Diskriminierung von nicht-heterosexuell orientierten Menschen".

*Den Bedarf von Therapieangeboten im Falle "einer psychischen Belastung durch eine nicht-heterosexuelle Orientierung" stellt das Gutachten nicht in Frage, allerdings müsse sie "sachgerecht" durchgeführt werden und dürfe "nicht zum Ziel haben, die sexuelle Orientierung zu verändern".

*Empfohlen wird Aus- und Weiterbildung medizinischer, psychologischer, psychotherapeutischer und pädagogischer Art, angesichts von Betroffenenberichten über Therapeuten, die vor Exorzismus und Elektroschocks als Methoden nicht zurückschrecken.

* Empfohlen werden zudem Maßnahmen gesellschaftlicher Aufklärung, um einerseits zu vermitteln, dass Homosexualität keine Krankheit ist, und andererseits v.a. Familien bewusst zu machen, welche Folgen Ablehnung und Stigmatisierung haben.

*Da die angewandten Methoden bei der so genannten Konversionstherapie, in den Anfängen teils mit Elektroschocks und medikamentös, weder wissenschaftlich begründbar und zielführend noch ethisch vertretbar seien, sollte die weitere Erforschung solcher Interventionen unterbleiben.

Zur Person: Magnus Hirschfeld Magnus Hirschfeld gilt als der Begründer der modernen Sexualwissenschaften. 1897 rief er ein "Wissenschaftlich-humanitäres Komitee" (WhKins Leben, um über Verhütungsmethoden aufzuklären und so die Zahl von Abtreibungen zu verringern sowie um für die Abschaffung des Paragraphen 175 zu kämpfen, der seit 1872 die Verfolgung von Homosexuelle vorsah. In der DDR galt er bis 1968, in der Bundesrepublik bis 1994.

Am 6. Juli 1919 eröffnete Hirschfeld das "Institut für Sexualwissenschaft" in Berlin-Tiergarten, in dem er mehrere Arztpraxen und Vortragssäle gab. Er hält Homosexualität für angeboren, aber auch Vorstellungen der Eugenik. Von einer Forschungsreise in die USA kehrte er 1931 auf Anraten von Freunden nicht zurück. 1933 verwüstete die SA sein Institut.

1982 gründete sich in Berlin die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft zur kritischen Dokumentation seines Erbes.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. August 2019 | 09:15 Uhr

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