Patriarch Kyrill Warum setzt sich die russisch-orthodoxe Kirche nicht deutlich für Frieden ein?

Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I., bleibt Putins Linie treu. Den Krieg gegen die Ukraine sieht er als "metaphysischen" Kampf gegen westliche Werte. Als ein Beispiel nennt er Homosexualität. Über die Position der Kirche im Krieg gegen die Ukraine zu Gast bei MDR KULTUR war Reinhard Flogaus, Dozent für Kirchengeschichte und Ostkirchenkunde an der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin.

Der russische Präsident Wladimir Putin (l) und der Vorsteher der Russischen-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I..
Präsident Wladimir Putin und Patriarch Kryill I. in Moskau (2017). Bildrechte: dpa

Wie positioniert sich der Patriarch Kyrill seit Kriegsbeginn?

Reinhard Flogaus: Nachdem der Patriarch zu Kriegsbeginn weitgehend geschwiegen hatte, hat er den Krieg inzwischen implizit gerechtfertigt. Als Begründung nennt er die Unterdrückung der Menschen im Donbas, also den östlichen Gebieten in der Ukraine, die seit 2014 von Russland besetzt sind. Dort würden die Menschen gezwungen, "Pseudo-Werte" des Westens zu übernehmen, die sie aber ablehnten. Er hat zum Beispiel Gay Pride Paraden als "Loyalitätstests" für die Menschen in der Ukraine bezeichnet, da Homosexualität Sünde sei. Kyrill zufolge ist der Krieg deswegen nicht nur ein physischer, sondern auch ein metaphysischer Kampf.

Kirchenvertreter aus aller Welt haben ihn gebeten, sich für den Frieden in der Ukraine einzusetzen. Warum bisher ohne Erfolg?

Reinhard Flogaus: Der Patriarch wendet sich nicht gegen die offizielle politische Linie Putins. Die Begründung des Krieges mit westlichen "Pseudo-Werten" und das Thema Homosexualität stammt aus der Rede Putins vom 22. Februar, dem ersten Kriegstag. Putin sprach darin von "Entartung und einer Zerstörung der traditionellen russischen Werte". Man kann sich fragen, warum der Patriarch womöglich wider besseren Wissens so treu an der Linie Putins festhält. Es ist denkbar, dass er sich in Abhängigkeit von der politischen Macht wähnt und deswegen nicht bereit ist, sich offiziell von dem Krieg zu distanzieren.

Welchen Einfluss hat diese Haltung auf die Gläubigen in Russland? Folgen sie Kyrill oder gibt es Widerspruch?

Reinhard Flogaus: Das ist insgesamt schwer zu sagen. Die russisch-orthodoxe Kirche in der Ukraine hat sich klar für die Souveränität des Landes ausgesprochen und dafür, dass der Patriarch sich bei Putin für die Einstellung der Kampfhandlungen einsetzt.

Man ist auch dazu übergegangen, den Patriarchen nicht mehr in der Liturgie zu erwähnen. In der Ukraine hat inzwischen der für Westeuropa zuständige russische Metropolit den Patriarchen Kyrill in einem offenen Brief für seine Kriegs-Rechtfertigung kritisiert. Er hat Kyrill zwar seine Loyalität als Kirchenoberhaupt versichert, aber doch offene Kritik geäußert. Insofern gibt es Widerstand.

Es gibt auch eine Unterschriftenaktion, an der sich bisher rund 300 russische Kleriker in Russland beteiligt haben. Sie setzen sich für eine umgehende Beendigung des Krieges ein und für das Recht der Ukraine, ihren eigenen politischen Weg zu wählen.

Die orthodoxen Kirchen in der Ukraine sind gespalten. Es gibt die ukrainisch-orthodoxe Kirche, die zum Patriarchat von Konstantinopel gehört und eher westlich orientiert ist und es gibt die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, an deren Spitze Kyrill steht. Was bedeutet die politische Haltung Kyrills für die orthodoxen Kirchen in der Ukraine?

Reinhard Flogaus: Im Moment vertreten alle Kirchen in der Ukraine, auch die griechisch-katholische Kirche, eine gemeinsame Position. Sie sprechen sich für sofortige Waffenruhe aus, lehnen den Krieg und die Infragestellung der Souveranität der Ukraine ab. Insofern ist für den Fall, dass die Ukraine unabhängig bleibt zu vermuten, dass die Kirche Moskauer Patriarchats und die selbstständige ukrainisch-orthodoxe Kirche sich langfristig annähern und womöglich zu einer Kirche werden. Voraussetzung ist die Überwindung theologischer Probleme. Das alles hängt aber vom Ausgang des Krieges ab.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2022 | 16:00 Uhr