Gespräch zur Freiburger Studie Landesbischof Rentzing: Mitglieder schwinden, Aufgaben wachsen

Die Kirchen in Deutschland werden 2060 nur noch etwa halb so viele Mitglieder haben wie heute, auch die Finanzen werden sich halbieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Freiburg, die gerade von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlicht wurde. Über Gründe und Konsequenzen gibt Landesbischof Carsten Rentzing von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens Auskunft.

Wie nehmen Sie die Ergebnisse der Studie auf, kommen sie überraschend?

Eine Überraschung sind die Ergebnisse der Studie nicht. Als sächsische Landeskirche wissen wir seit geraumer Zeit von diesen Entwicklungen. Wir haben vor einiger Zeit schon eine Planung bis 2040 ins Auge gefasst, die uns dieselben Prognosen lieferte. Wir versuchen seitdem, entschlossen darauf zu reagieren.

Aber wie erklären Sie sich diesen großen Rückgänge, allein demografisch oder durch Kirchenaustritte?

Es sind verschiedene Dinge, die zusammenkommen. Zunächst mal ist es so, dass die Bindekraft von großen Organisationen sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verringert hat, das betrifft die Parteien oder die Gewerkschaften noch in stärkerem Maße. Denen gegenüber stehen die Kirchen noch geradezu stabil da. Das kann uns natürlich nicht beruhigen. Hinzu kommt die demografische Entwicklung, die Tatsache der Überalterung unserer Mitgliedschaft, die Anzahl der Sterbefälle, die durch Geburten und Taufen nicht ausgeglichen werden kann. Hinzu kommen Austritte, die uns alle sehr schmerzen.

Weil Sie Bindekraft sagen: Wenn Sie aus Spargründen Gemeinden zusammenlegen, wächst die natürlich auch nicht gerade, wenn dann ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zig Gemeinden betreuen darf. Das ist ein Problem.

Das ist in der Tat ein Problem, mit dem wir uns jetzt seit einiger Zeit beschäftigen in der Landeskirche. Das ruft auch viele Emotionen hervor. Verständlicherweise. Wir sehen die Zahlen, die auf uns zukommen und die Möglichkeiten, die uns bleiben. Dafür müssen wir intelligente Lösungen finden. Wir wollen nah bei den Menschen bleiben und unseren Auftrag in dieser Gesellschaft und für die Menschen erfüllen. Wir müssen uns dazu neu aufstellen. Das bedeutet, dass wir nicht so bleiben können mit unseren Kirchgemeinden und der Arbeitsweise der vergangenen Jahrzehnte. Wir müssen uns strukturell erneuern und schauen, auf welche Kernbereiche wir uns verstärkt konzentrieren.

Es ist ja nicht nur so, dass wir Gemeindeglieder verlieren. Zugleich wächst die Arbeit, auch wenn sich das absurd anhört, ist das eine der Realitäten, mit der wir auch umgehen müssen. Wir haben wachsende Arbeitsbereiche, evangelische Schulen, Kindertagesstätten, die diakonischen Zweige, all das sind Wachstumsbereiche, in die wir weiter investieren wollen und werden. Überhaupt in die Kinder- und Jugendarbeit, in missionarische Projekte. Wir bemühen uns darum, neue Freude an der Taufe bei den Menschen zu erwecken, durch spezielle Taufsonntage. All das sind Aspekte dieser Entwicklung.

Sich auf Kinder- und Jugendarbeit zu konzentrieren ist nachvollziehbar, wenn man Nachwuchsprobleme har. Doch nochmal zurück zu den Gemeindezusammenlegungen und den älteren Menschen, die dann nicht mehr am Sonntag den Gottesdienst in ihrer angestammten Gemeinde feiern können. Ich habe gedacht, ok, dann kauft ein paar Busse oder stellt Taxis und bringt die Leute dahin, wohin sie müssen ...

Das sind Dinge, die schon passieren. Gerade die östlichen Landeskirchen sind ja seit Jahren mit schwierigen Bedingungen konfrontiert. Als kleine, sozusagen als Minderheitenkirche, die sich immer die Frage stellen musste, wie kriegen wir das hin, das zu erfüllen, was wir als Auftrag haben. Andererseits haben wir noch erstaunlich viele Gottesdienstorte, eben weil es viele Ehrenamtliche gibt, die wir auch darin stärken und bestärken, Verantwortung zu übernehmen, bis ins gottesdienstliche Leben hinein.

Wo Sie von Minderheitenkirche sprechen, heißt das, der reiche Westen kann vom Osten lernen, in dieser Frage, mit Blick auf 2060?

Also wir haben sicher keinen Grund, hochmütig gegenüber dem Westen aufzutreten. Aber Sie haben insoweit recht, als dass wir bestimmte Erfahrungen mitbringen, die für manch einen in den westlichen Kirchen neu sind.

Wir mussten immer schon flexibel reagieren und zur Kenntnis nehmen, dass die Größe und die Anzahl der Gemeindeglieder unserer Kirchen nicht viel darüber aussagt, welche Erwartungen die Gesellschaft an uns stellt. Wir haben vielleicht nicht mehr die Bindekraft wie in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten, aber die Erwartungen der Menschen an uns sind nach wie vor groß, selbst dann, wenn sie gar nicht zu uns gehören bezogen auf die Organisation; in der Seelsorge, in der Begleitung von Menschen in schwierigen Lebenslagen, in den diakonischen Zweigen aber auch in den Bereichen der Bildung.

Das Gespräch führte Thomas Bille, MDR KULTUR. (Gekürzte Fassung)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Mai 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2019, 12:24 Uhr