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Jubiläum500 Jahre Lutherbibel: Hätte Gott heute ein Gendersternchen?

von Michael Hollenbach, MDR KULTUR

Stand: 16. März 2022, 16:09 Uhr

Am 1. März 1522 verließ Martin Luther die Wartburg – im Gepäck hatte er seine Übersetzung des Neuen Testaments. Dafür hatte er "dem Volk aufs Maul geschaut". Bis weit ins 19. Jahrhundert wurde die Lutherbibel immer wieder, aber weitgehend unverändert aufgelegt. Vor allem in den vergangenen Jahrzehnten sind jedoch viele neue Bibelübersetzungen dazu gekommen. Sie versuchen, den aktuellen Sprachgebrauch und Zeitgeist aufzugreifen. Gibt es also demnächst eine Ausgabe mit Gendersternchen?

Aufsehen erregte vor rund 15 Jahren die Volxbibel. Diese Version versuchte, mit Jugendsprache ein jüngeres Publikum zu erreichen. So war Moses nicht mehr auf dem Esel unterwegs, sondern auf dem Mofa; der verlorene Sohn arbeitete nicht als Schweinehirt, sondern als Toilettenmann bei McDonalds.

Daniel Pomm ist Bibelbeauftragter im katholischen Bistum Erfurt und zertifizierter Bibelcoach. Er sagt: "Die Volxbibel, wie sie damals geschrieben wurde, würde jedem Jugendlichen heute nur ein breites Grinsen aufs Gesicht zaubern, weil gerade die Jugendsprache so stark im Flow ist, dass sie sich laufend verändert."

Volxbibel, BasisBibel, Gerechte Sprache

Neben der Volxbibel erschien damals auch die Bibel in Gerechter Sprache. Sie versuchte, vor allem die Frauen in der Bibel stärker zur Geltung zu bringen und antijüdische Tendenzen im Neuen Testament nicht unkommentiert stehen zu lassen.

Als neueste Übersetzung der Heiligen Schrift erschien vor einem Jahr die BasisBibel. Daniel Teubner, Vorsitzender der Bibelgesellschaft in der sächsischen Landeskirche, erklärt: "Das Spannende an der BasisBibel ist die Bemühung, den Urtext in eine gut verständliche Sprache zu bekommen - ein Satz und ein Nebensatz und das Ganze nicht länger als 16 Wörter."

Die Gesamtausgabe der BasisBibel hat sich seit ihrem Erscheinen schon rund 250.000 Mal verkauft. Eigentlich ist die BasisBibel ein protestantisches Projekt, aber Daniel Pomm setzt sie beispielsweise in der katholischen Studierendengemeinde in Jena gern ein, "weil sie frischer und moderner geschrieben ist".

Und die BasisBibel ist digital gut nutzbar: Klickt man auf bestimmte Wörter, erscheinen Fenster mit weiterführenden Erklärungen oder kleine Videos.

Keine amtlich anerkannte ökumenische Übersetzung

Vor rund 50 Jahren entstand die Gute-Nachricht-Bibel als ein Projekt evangelischer und katholischer Theologinnen und Theologen. Allerdings ist die sehr verständlich geschriebene Gute-Nachricht-Bibel keine von den Kirchen amtlich anerkannte Übersetzung. Überhaupt gibt es bis heute keine offizielle ökumenische Bibelübersetzung. Wie das kommt, fragte sich auch der Bibelgesellschafts-Vorsitzende Daniel Teubner:

Wenn wir ökumenische Gottesdienste feiern, brauchen wir eine Bibelübersetzung, auf die wir uns verständigen können. Der hebräisch und griechische Urtext ist ja der gleiche. Aber während sich die Lutherbibel nur darauf stützt, greift die katholische Bibelübersetzung zusätzlich auch die lateinische Übersetzung des Mittelalters auf.

Deshalb liegt bei ökumenischen Gottesdiensten neben der Lutherbibel dann noch die katholische sogenannte Einheitsübersetzung auf dem Altar. Der Titel "Einheit" bezieht sich aber keineswegs auf eine Einheit der Kirchen, sondern darauf, dass sich alle katholischen Diözesen auf eine Übersetzung geeinigt haben.

Gendersensibel: "Nicht egal, wie wir schreiben und sprechen"

Schon Luther legte vor 500 Jahren großen Wert auf eine Übersetzung, die die aktuelle Sprache und den Zeitgeist aufgreift. So gesehen könnte die nächste Neuerscheinung zum Beispiel eine gendersensible Übersetzung sein, die über die bisherige Bibel in Gerechter Sprache hinausgeht.

Kristina Bedijs ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Studienzentrum für Genderfragen der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie sagt: "Wissenschaftliche Studien ergeben immer wieder, dass es nicht egal ist, wie wir sprechen und schreiben. Es entstehen keine vielfältigen Bilder in unseren Köpfen, wenn wir nur männliche Formen verwenden, auch wenn wir behaupten, wir meinen damit alle Menschen."

Was würde eine gendersensible Übersetzung dann bedeuten? Wird dann künftig der Heilige Geist oder Gott mit einem Gendersternchen versehen? Kristina Bedijs:

Gott mit Sternchen zu schreiben, ist eine Möglichkeit. Wir wissen ja nicht, ob Gott ein Geschlecht hat. Wir sind nach dem Bilde Gottes gemacht, steht in der Bibel. Da wir sehr vielfältig sind, muss Gott es auch sein.

Kristina Bedijs | EKD-Studienzentrum für Genderfragen

Seit Martin Luthers Bibel-Übersetzung vor 500 Jahren sind weltweit über tausend Übertragungen entstanden. Allein die Deutsche Bibelgesellschaft gibt rund 300 verschiedene Bibelausgaben heraus, nicht nur auf Deutsch. Wer will, kann die Bibel auch im hebräischen und griechischen Urtext lesen.

"Welt Übersetzen": Bibel-Themenjahr in Thüringen

"Welt Übersetzen": diesen Titel trägt 2022 das touristisch-kulturelle Themenjahr in Thüringen. Es lehnt sich so an das Jubiläum 500 Jahre Bibelübersetzung an – 1522 vollendete Martin Luther auf der Wartburg seine Niederschrift des Neuen Testaments.

Luthers Übersetzung des Neuen Testaments ist nicht nur eine theologische Tat, sondern wir reden hier über die Begründung der deutschen Schriftsprache.

Bodo Ramelow | Ministerpräsident Thüringen

Schwerpunkt aller Aktionen und Veranstaltungen wird deswegen Eisenach sein. Dort wird eine theatral inszenierte Lutherwanderung stattfinden, auch ein großes Fest zur Kraft der Worte und eine künstlerische Auseinandersetzung von Studierenden mit dem Thema. Thüringen hofft damit, viele Touristen und Touristinnen anzuziehen, aber - so Ministerpräsident Bodo Ramelow sicher, das Themenjahr lade auch ein zum Nachdenken: "Wo kommt unsere Sprache her, warum benutzen wir sie so, wie wir sie benutzen und wo ist die Wurzel?" Und eine der Wurzeln liege auch in umstürzenden Ereignissen wie vor 500 Jahren.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. März 2022 | 17:10 Uhr