Eine junge Frau betrachtet die Ausstellung Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939-1945 der Stiftung Lutherhaus Eisenach
Blick in die Ausstellung "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche 'Entjudungsinstitut' 1939-1945". Bildrechte: dpa

Gedenken, Ausstellung, Begegungstage Evangelische Kirche erinnert in Eisenach an "Entjudungsinstitut"

Ein unrühmliches Datum markiert der 6. Mai 1939 für den Protestantismus. An diesem Tag feierten die "Deutschen Christen", die dem NS-Regime nahestanden, die Gründung eines "Entjudungsinstitutes" auf der Wartburg. 80 Jahre später erinnert die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands an dessen Geschichte und Wirkung sowie an den mühsamen Weg zur historischen Aufarbeitung. Nun gibt es in Eisenach auch eine Sonderausstellung sowie die Jüdisch-Christlichne Begegnungstage.

Eine junge Frau betrachtet die Ausstellung Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche Entjudungsinstitut 1939-1945 der Stiftung Lutherhaus Eisenach
Blick in die Ausstellung "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche 'Entjudungsinstitut' 1939-1945". Bildrechte: dpa

Alles, was an die jüdischen Wurzen des Christentums erinnerte, sollte aus Lehre und Praxis der evangelischen Kirche getilgt werden. Zu diesem Zweck gründeten die "Deutschen Christen" am 6. Mai 1939 ein sogenanntes "Entjudungsinstitut" in Eisenach. Auf der Wartburg hatte Luther schließlich das Neue Testament ins Deutsche übertragen, seine antisemitischen Schriften flankierten das Unternehmen.

Tagung und Sonderausstellung im Lutherhaus

Christopher Spehr (l-r), wissenschaftlicher Leiter der Sonderausstellung, Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Jochen Birkenmeier, Leiter und Kurator der Stiftung Lutherhaus Eisenach, zeigen am Rande einer Pressekonferenz ein "entjudetes" Neues Testament und einen Flyer für die Sonderausstellung zur Gründung des NS-«Entjudungsinstitutes» der evangelischen Kirche in Eisenach vor 80 Jahren.
Christopher Spehr als wissenschaftlicher Leiter der Sonderausstellung, Landesbischöfin Ilse Junkermann und Jochen Birkenmeier, Leiter und Kurator der Stiftung Lutherhaus Eisenach Bildrechte: dpa

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) arbeitet nun Geschichte und Wirkung des antisemitischen Instituts in Zusammenarbeit mit der Universität Jena verstärkt auf. Dazu finden derzeit in Eisenach die Jüdisch-Christlichen Begegnungstage, eine wissenschaftliche Tagung sowie eine Sonderausstellung im Lutherhaus statt. Laut Direktor Jochen Birkenmeier ergründet die Schau "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche 'Entjudungsinstitut' 1939-1945", wie es zur Einrichtung des Instituts in der NS-Zeit kam.

In einer Zeit, in der Antisemitismus und Verschwörungstheorien, völkisches Denken und nationalistische Mythen wieder auf dem Vormarsch sind, muss mit aller Deutlichkeit daran erinnert werden, in welche Abgründe derartige Gedanken führen und welche gesellschaftliche Verantwortung die Kirche trägt.

Jochen Birkenmeier, Leiter des Lutherhauses

Nachkriegskarrieren im Blick: Grundmann und Mauersberger

Mahnmal zur Erinnerung an das "Entjudungsinstitut"
Sonderausstellung im Lutherhaus ab September Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aber auch der Umgang mit diesem Teil der Kirchengeschichte in der DDR werde thematisiert, etwa indem auf die Nackriegs-Karrieren ehemaliger Institutsmitarbeiter geblickt werde. Zu ihnen zählen Institutsleiter Walter Grundmann, der nach 1945 theologischen Nachwuchs für die Landeskirche in Thüringen ausbildete und der Stasi auch Interna aus der Kirche lieferte. Oder Kirchenmusiker Erhard Mauersberger, der in der NS-Zeit an einem "entjudeten Gesangsbuch" mitgearbeitet hatte und 1961 Thomaskantor in Leipzig wurde. Nicht nur in der DDR, auch im Westen seien frühere Institutsmitarbeiter an Universitäten und in Pfarrstellen gelandet, stellt Birkenmeier klar.

Ausstellung, Tagung, Jüdisch-christliche Begegnungstage im September * Wissenschaftliche Tagung 18.-20.09.209: "Das Eisenacher 'Entjudungsinstitut'. Kirche und Antisemitismus in der NS-Zeit"
im Hotel auf der Wartburg

* Sonderausstellung ab 20. September bis vorraussichtlich Ende 2021:
"Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche 'Entjudungsinstitut' 1939-1945"
Ort: Lutherhaus Eisenach
Öffnungszeiten:
April – Oktober täglich 10–17:00 Uhr
November – März: Dienstag bis Sonntag 10–17:00 Uhr
montags geschlossen

* Jüdisch-Christliche Begegnungstage 19.-22.09.2019 in Eisenach im Rahmen der "Achava Festspiele Thüringen" mit Straßenfesten, Kunstprojekten, Gesprächsrunden und Gottesdiensten.

* Das Wirken des Institutes ist auch Thema der 2015 neu eingerichteten und bereits mehrfach ausgezeichneten Dauerausstellung des Lutherhauses. Das Museum, dessen Hauptgebäude Martin Luther (1483-1546) am Ende seiner Schulzeit von 1498 bis 1501 zumindest zeitweise als Unterkunft gedient haben soll, befindet sich in der Trägerschaft der EKM.

Buchtipp Hans-Joachim Döring / Michael Haspel (Hg.)
Lothar Kreyssig und Walter Grundmann.
Zwei kirchenpolitische Protagonisten des 20. Jahrhunderts in Mitteldeutschland
Wartburg Verlag
ISBN 978-3-86160-262-0

Mahnmal als Schuldbekenntnis

Menschen stehen vor einem Mahnmal aus Stahl
Bei der Einweihung des Mahnmals am 6. Mai 2019 Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Bereits seit 6. Mai 2019 erinnert ein Mahnmal an die Gründung des "Entjudungsinstituts" vor 80 Jahren in Eisenach, unweit des ehemaligen Institutsgebäudes in der Bornstraße. Auf der Inschrift des metallenen Mahnmals heißt es, die Institutsmitarbeiter hätten dazu beigetragen, "die Verfolgung und millionenfache Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu rechtfertigen".

Es ging darum, ein deutsches Christentum zu begründen und die jüdische Wurzel abzuschneiden.

Ilse Junkermann, bis Juli 2019 Landesbischöfin
"Entjudungsinstitut" in Eisenach
Unweit des Gebäudes, in dem das "Entjudungsinstitut" seinen Sitz hatte, steht das Mahnmal. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leitgedanke der Arbeit des Leipziger Künstlers Marc Pethran sei ein Zitat aus dem "Darmstädter Wort", in dem sich die evangelischen Christen 1947 zu ihrer historischen Mitverantwortung im Nationalsozialismus bekannten, erklärte Junkermann vorab. Es laute: "Wir sind in die Irre gegangen". Somit sei das Mahnmal ein "Schuldbekenntnis" und rufe zum Gedenken an die Opfer von Antisemitismus auf.

Jesus als "arischer Galiläer"

Im April 1939 hatten elf evangelische Landeskirchen in Eisenach das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gegründet. Bis 1945 versuchten fünf hauptamtliche und bis zu 200 ehrenamtliche Mitarbeiter, jüdische Einflüsse aus Lehre und Praxis der evangelischen Kirche zu tilgen und sie so an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen.

"Entjudungsinstitut" in Eisenach
Das neue Neue Testament Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Folgen sind bis heute beispielsweise in der Eisenacher Georgenkirche zu sehen. Auf einigen Tafeln der Emporen standen früher Texte aus dem Alten Testament. Das Institut ließ sie übermalen.

Auch von Institutsmitarbeitern veränderte Bibel-Ausgaben und Gesangsbücher für den Gottesdienst erschienen, wie der Jenaer Kirchenhistoriker Christopher Spehr weiß.

So habe der Arbeitskreis "Volkstestament" 1941 ein Neues Testament unter dem Titel "Die Botschaft Gottes" herausgegeben, aus dem alle jüdischen Bezüge und Namen entfernt worden seien. Außerdem sei der Katechismus "Deutsche mit Gott" erarbeitet worden. Darin sei Jesus nicht als Jude, sondern als "arischer Galiläer" dargestellt worden. In einem Gesangbuch seien Worte wie "Jerusalem" oder "Zion" getilgt und hebräische Formeln wie Amen oder Halleluja durch "Das walte Gott" oder "Lobe den Herrn" ersetzt worden.

Mahnmal zur Erinnerung an das "Entjudungsinstitut"
Empore in der Eisenacher Georgenkirche ohne Texte aus dem Alten Testament Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach Eisenach kam das Institut nicht nur, weil Martin Luther das Neue Testament der Bibel auf der nahen Wartburg ins Deutsche übersetzt hatte. Dort fand am 6. Mai 1939 auch die Gründungsfeier des Instituts statt. Die antisemitischen Schriften des Reformators wollte man sich Spehr zufolge zunutze machen:

Die 'Deutschen Christen' hatten schon früh Martin Luther als Antisemiten entdeckt und ausgeschlachtet, indem sie entsprechende Texte von ihm wieder veröffentlichten.

Christopher Spehr, Kirchenhistoriker und Leiter der Sonderausstellung

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Zuletzt aktualisiert: 20. September 2019, 10:26 Uhr