Menschen stehen vor einem Mahnmal aus Stahl
Bei der Einweihung des Mahnmals am 6. Mai 2019 Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Gedenken, Ausstellung, Begegungstage "Wir sind in die Irre gegangen" - Evangelische Kirche erinnert mit Mahnmal an "Entjudungsinstitut"

Alles, was an die jüdischen Wurzen des Christentums erinnerte, sollte aus Lehre und Praxis der evangelischen Kirche getilgt werden. Zu diesem Zweck gründeten die "Deutschen Christen" 1939 ein "Entjudungsinstitut" in Eisenach und dienten sich so den Nazis an. Auf der Wartburg hatte Luther schließlich das Neue Testament ins Deutsche übertragen, seine antisemitischen Schriften flankierten das Unternehmen. An Geschichte und Wirkung erinnert jetzt die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands.

Menschen stehen vor einem Mahnmal aus Stahl
Bei der Einweihung des Mahnmals am 6. Mai 2019 Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Mit einem Mahnmal wird jetzt an die Gründung des so genannten "Entjudungsinstituts" vor 80 Jahren in Eisenach erinnert. Unweit des ehemaligen Institutsgebäudes in der Bornstraße wurde am Montag im Beisein von Landesbischöfin Ilse Junkermann ein Gedenkstein enthüllt. Auf der Inschrift des metallenen Mahnmals heißt es, die Institutsmitarbeiter hätten dazu beigetragen, "die Verfolgung und millionenfache Ermordung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu rechtfertigen".

Es ging darum, ein deutsches Christentum zu begründen und die jüdische Wurzel abzuschneiden.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin

Mahnmal als Schuldbekenntnis

"Entjudungsinstitut" in Eisenach
Unweit des Gebäudes, in dem das "Entjudungsinstitut" seinen Sitz hatte, steht das Mahnmal. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leitgedanke der Arbeit des Leipziger Künstlers Marc Pethran sei ein Zitat aus dem "Darmstädter Wort", in dem sich die evangelischen Christen 1947 zu ihrer historischen Mitverantwortung im Nationalsozialismus bekannten, erklärte Junkermann vorab. Es laute: "Wir sind in die Irre gegangen". Somit sei das Mahnmal ein "Schuldbekenntnis" und rufe zum Gedenken an die Opfer von Antisemitismus auf.

Jesus als "arischer Galiläer"

Im April 1939 hatten elf evangelische Landeskirchen in Eisenach das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gegründet. Bis 1945 versuchten fünf hauptamtliche und bis zu 200 ehrenamtliche Mitarbeiter, jüdische Einflüsse aus Lehre und Praxis der evangelischen Kirche zu tilgen und sie so an die nationalsozialistische Ideologie anzupassen.

"Entjudungsinstitut" in Eisenach
Das neue Neue Testament Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Folgen sind bis heute beispielsweise in der Eisenacher Georgenkirche zu sehen. Auf einigen Tafeln der Emporen standen früher Texte aus dem Alten Testament. Das Institut ließ sie übermalen.

Auch von Institutsmitarbeitern veränderte Bibel-Ausgaben und Gesangsbücher für den Gottesdienst erschienen, wie der Jenaer Kirchenhistoriker Christopher Spehr weiß.

So habe der Arbeitskreis "Volkstestament" 1941 ein Neues Testament unter dem Titel "Die Botschaft Gottes" herausgegeben, aus dem alle jüdischen Bezüge und Namen entfernt worden seien. Außerdem sei der Katechismus "Deutsche mit Gott" erarbeitet worden. Darin sei Jesus nicht als Jude, sondern als "arischer Galiläer" dargestellt worden. In einem Gesangbuch seien Worte wie "Jerusalem" oder "Zion" getilgt und hebräische Formeln wie Amen oder Halleluja durch "Das walte Gott" oder "Lobe den Herrn" ersetzt worden.

Mahnmal zur Erinnerung an das "Entjudungsinstitut"
Empore in der Eisenacher Georgenkirche ohne Texte aus dem Alten Testament Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach Eisenach kam das Institut nicht nur, weil Martin Luther das Neue Testament der Bibel auf der nahen Wartburg ins Deutsche übersetzt hatte. Dort fand am 6. Mai 1939 auch die Gründungsfeier des Instituts statt. Die antisemitischen Schriften des Reformators wollte man sich Spehr zufolge zunutze machen:

Die 'Deutschen Christen' hatten schon früh Martin Luther als Antisemiten entdeckt und ausgeschlachtet, indem sie entsprechende Texte von ihm wieder veröffentlichten.

Christopher Spehr, Kirchenhistoriker und Leiter der Sonderausstellung

Tagung und Ausstellung im Lutherhaus

Christopher Spehr (l-r), wissenschaftlicher Leiter der Sonderausstellung, Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Jochen Birkenmeier, Leiter und Kurator der Stiftung Lutherhaus Eisenach, zeigen am Rande einer Pressekonferenz ein "entjudetes" Neues Testament und einen Flyer für die Sonderausstellung zur Gründung des NS-«Entjudungsinstitutes» der evangelischen Kirche in Eisenach vor 80 Jahren.
Christopher Spehr als wissenschaftlicher Leiter der Sonderausstellung, Landesbischöfin Ilse Junkermann und Jochen Birkenmeier, Leiter und Kurator der Stiftung Lutherhaus Eisenach Bildrechte: dpa

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) will Geschichte und Wirkung des antisemitischen Instituts in Zusammenabeit mit der Universität Jena nun verstärkt aufarbeiten. Dazu folgen im September eine wissenschaftliche Tagung sowie eine Sonderausstellung im Lutherhaus. Laut Direktor Jochen Birkenmeier ergründet die Schau, wie es zur Einrichtung des Instituts in der NS-Zeit kam.

In einer Zeit, in der Antisemitismus und Verschwörungstheorien, völkisches Denken und nationalistische Mythen wieder auf dem Vormarsch sind, muss mit aller Deutlichkeit daran erinnert werden, in welche Abgründe derartige Gedanken führen und welche gesellschaftliche Verantwortung die Kirche trägt.

Jochen Birkenmeier, Leiter des Lutherhauses

Nachkriegskarrieren im Blick: Grundmann und Mauersberger

Mahnmal zur Erinnerung an das "Entjudungsinstitut"
Sonderausstellung im Lutherhaus ab September Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aber auch der Umgang mit diesem Teil der Kirchengeschichte in der DDR werde thematisiert, etwa indem auf die Nackriegs-Karrieren ehemaliger Institutsmitarbeiter geblickt werde. Zu ihnen zählen Institutsleiter Walter Grundmann, der nach 1945 theologischen Nachwuchs für die Landeskirche in Thüringen ausbildete und der Stasi auch Interna aus der Kirche lieferte oder Kirchenmusiker Erhard Mauersberger, der in der NS-Zeit an einem "entjudeten Gesangsbuch" mitgearbeitet hatte und 1961 Thomaskantor in Leipzig wurde. Nicht nur in der DDR, auch im Westen seien frühere Institutsmitarbeiter an Universitäten und in Pfarrstellen gelandet, stellt Birkenmeier klar.

Ausstellung, Tagung, Jüdisch-christliche Begegnungstage im September * Die Stiftung Lutherhaus Eisenach plant ab 20. September eine Sonderausstellung und eine wissenschaftliche Tagung zum "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben."

* In Zusammenarbeit mit den Thüringer Achava-Festspielen gibt es vom 19. bis 22. September in Eisenach überdies jüdisch-christliche Begegnungstage mit Straßenfesten, Podien und Gottesdiensten. Erwartet wird dazu die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann.

* Noch in der Entwicklung ist ein Kunstprojekt der EKM unter dem Motto "Mit Judenhass vergiftet - Versuch einer Entgiftung im Protestantismus".

* Das Wirken des Institutes ist auch Thema der 2015 neu eingerichteten und bereits mehrfach ausgezeichneten Dauerausstellung des Lutherhauses. Das Museum, dessen Hauptgebäude Martin Luther (1483-1546) am Ende seiner Schulzeit von 1498 bis 1501 zumindest zeitweise als Unterkunft gedient haben soll, befindet sich in der Trägerschaft der EKM.

* Die Sonderausstellung, die mindestens bis 2021 zu sehen sein soll, wird auch von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) unterstützt. Ihr Haus hatte für Projekte zur Aufarbeitung der Geschichte des Instituts 250.000 Euro zugesagt.

Buchtipp Hans-Joachim Döring / Michael Haspel (Hg.)
Lothar Kreyssig und Walter Grundmann.
Zwei kirchenpolitische Protagonisten des 20. Jahrhunderts in Mitteldeutschland
Wartburg Verlag
ISBN 978-3-86160-262-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 10:41 Uhr