Jüdische Militärseelsorge FAQ: Welche Aufgaben hat der neue Bundesmilitärrabbiner

Nach dem Soldatengesetz hat jeder Soldat und jede Soldatin Anspruch auf Seelsorge und Religionsausübung. Bisher gab es nur Angebote der evangelischen und die katholischen Kirche. Das ändert sich ab 21. Juni mit dem Amtsantritt des Bundesmilitärrabbiners Zsolt Balla. Erstmals seit 100 Jahren wird es dann wieder eine jüdische Militärseelsorge geben. Warum erst jetzt und mit welchen Aufgaben, klären wir hier:


Warum erst jetzt eine jüdische Militärseelsorge?

Im Ersten Weltkrieg kämpften rund 100.000 jüdische Soldaten für Deutschland. Sie wurden von Feldrabbinern begleitet. Mit dem Nationalsozialismus brach diese Tradition ab. Die Wehrmacht war in die NS-Kriegsverbrechen verstrickt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Bundeswehr in den 1950er-Jahren wollten die meisten Juden keinen Dienst in einer deutschen Armee leisten. Von der Wehrpflicht waren Juden in der Bundesrepublik ausgenommen.


Wie viele jüdische Soldatinnen und Soldaten gibt es in Deutschland?

Die Religionszugehörigkeit wird nur auf freiwilliger Basis erfasst. Schätzungen zufolge gibt es rund 300 Juden und Jüdinnen unter den rund 180.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr. Die Zahl der Christen wird auf rund 90.000 geschätzt, die der Muslime auf 3.000.


Wie gestaltet sich die Arbeit des Bundesmilitärrabbiners?

Am 21. Juni wird der erste Militärbundesrabbiner, der orthodoxe Leipziger Rabbiner Zsolt Balla, ins Amt eingeführt. Parallel wurden die beiden ersten Stellen für Militärrabbiner ausgeschrieben. Vorgesehen ist die Einrichtung eines Militärrabbinats in Berlin, nach aktuellem Stand im September. Der dort angesiedelte Militärbundesrabbiner soll bis zu zehn Militärrabbiner leiten. Grundlage der Arbeit ist ein Staatsvertrag, der 2019 zwischen Bundesverteidigungsministerium und dem Zentralrat der Juden in Deutschland geschlossen wurde.

Derzeit gibt es etwa 100 evangelische und 80 katholische Militärpfarrämter. Je ein evangelischer und ein katholischer Militärbischof leiten die Seelsorge. Ballas Position entspricht der eines Militärbischofs.


Wie werden die Militärrabbinerinnen und -rabbiner ausgebildet und ausgesucht?

Das Rabbinerseminar zu Berlin, das Abraham Geiger Kolleg sowie das Zacharias Frankel College kümmmern sich um die Ausbildung. Die Auswahl erfolgt durch den Zentralrat der Juden im Dialog mit der Orthodoxen (ORD) und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK). Das Verhältnis zwischen traditionellen Rabbinern sowie nichtorthodoxen Rabbinerinnen und Rabbinern soll ausgeglichen sein.


Was sind die Aufgaben?

Zu den Aufgaben gehört die Seelsorge im In- und Ausland sowie die Begleitung von jüdischen Soldatinnen und Soldaten bei Auslandseinsätzen. Sie sollen die Halacha, das jüdische Recht, lehren, über religiöse Fragen entscheiden und sicherstellen, dass die Mizwot, die jüdischen Gebote, eingehalten werden. Auch den sogenannten lebenskundlichen Unterricht, der Militärangehörige zu verantwortungsbewusstem Verhalten befähigen soll, werden die Rabbinerinnen und Rabbiner mitgestalten.


In welchem Verhältnis stehen die jüdische Militärseelsorgenden zum Staat?

Die Militärseelsorge wird vom Staat finanziert und organisiert, die Kirchen und Religionsgemeinschaften sind für die Inhalte verantwortlich und stellen auch die Seelsorgenden. Sie sind vom Staat als Beamte auf Zeit eingestellt. Bei ihrer geistlichen Tätigkeit sind sie unabhängig. Sie unterstehen der Schweigepflicht. Im Einsatz tragen die Geistlichen militärische Schutzkleidung, mit einem religiösen Symbol statt eines Dienstgradabzeichens. Völkerrechtlich gelten sie als Zivilisten.


Was ist mit einer Seelsorge für Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften in der Bundeswehr?

Laut Bundesverteidigungsministerin soll auch eine Seelsorge für orthodoxe Christen und Muslime etabliert werden. Vor allem mit Blick auf die Muslime ist bislang allerdings noch offen, in welcher Form die Seelsorge organisiert werden kann. Ein Staatsvertrag wie mit Christen oder Juden scheint nicht infrage zu kommen, da dafür aus Sicht des Bundesverteidigungsministeriums ein zentraler Ansprechpartner fehlt. Denkbar wäre es, muslimische Geistliche über sogenannte Gestellungsverträge an die Bundeswehr zu binden.

(Quellen: MDR, KNA, Zentralrat der Juden in Deutschland, BMVg)

Dieses Thema im Programm: MDR+ | 21. Juni 2021 | 15:00 Uhr