Nach der Statistik Warum die Kirchen immer mehr Mitglieder verlieren

Deutschlandweit haben die beiden großen christlichen Kirchen 2017 rund 660.000 Mitglieder verloren. Die Zahl der Protestanten ging um 390.000 Mitglieder auf 21,5 Millionen zurück. Die Zahl der Katholiken sank um 270.000 auf 23,3 Millionen. Wie kommt der Verlust zustande und was ist daraus zu schließen?

Der Mitgliederschwund in den beiden großen christlichen Kirchen setzt sich fort. Das liege aber nicht nur am demografischen Wandel, sagt der Eisenacher Superintendent Ralf-Peter Fuchs, auch die Menschen änderten sich.

Man geht heute in eine Community, klickt sich ein und wieder aus. Eine lebenslange Mitgliedschaft ist etwas anderes und nicht mehr das, was die Menschen heute wählen. Darauf muss sich Kirche einstellen.

Ralf-Peter Fuchs, Eisenachs Superintendent

Das heißt für Fuchs aber noch nicht, dass das Interesse an Kirche stirbt.

"Kerngeschäft von Kirche lässt sich nicht in Zahlen fassen"

Ralf-Peter Fuchs
Eisenachs Superintendent Ralf-Peter Fuchs Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Volle Kirchen sind zwar selten geworden, aber als soziale Stütze der Gesellschaft weiter sehr gefragt: "Bei den Kindergärten, den christlichen Schulen oder anderen Einrichtungen haben wir eher das Problem, dass wir Menschen sagen müssen: Wir sind voll. Wir haben keine Plätze mehr." Tatsächlich bietet die Diakonie bundesweit eine halbe Million Plätze in Kitas und Horten.

Auch was Kirche im kulturellen Bereich leiste, wisse im Bach-Land Thüringen jeder, sagt Fuchs. Was da an Musikaufführungen oder Chorarbeit in den kleinsten Dörfern geschehe, sei unglaublich viel: "Da ist Kirche - so nehme ich es wahr - nach wie vor interessant für Menschen", sagt Fuchs. Und:

Das Kerngeschäft von Kirche lässt sich ohnehin nicht in Zahlen fassen. Es geht um Lebenseinstellungen und -überzeugungen, darum, wie man umgeht, mit diesem schönen schweren Leben in all seinen Facetten.

Neu durchgezählt

Um nüchterne Zahlen als Kompass für die Entwicklung der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland ging es aber, als die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor einer Woche die Mitglieder-Bilanz für 2017 vorstellten. Die katholische Kirche verlor demnach in den 27 Bistümern etwa 270.000 Mitglieder, der Verlust der EKD fällt mit 390.000 Mitgliedern in den 20 Landeskirchen noch deutlich höher aus. Insgesamt gehören der katholischen Kirche noch mehr als 23 Millionen Mitglieder an, was rund 28 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Die EKD verweist auf 21,5 Millionen, was einen Anteil von 26 Prozent bedeutet.

Demografischer Wandel und "Abbrüche in der jungen Generation"

Als Hauptursache für den Rückgang wurde der demografische Wandel ausgemacht: Mehr Mitglieder stürben als neue hinzukämen. Eine Umkehrung des Trends ist nicht in Sicht. Denn, so hieß es weiter, 2017 sei in beiden Kirchen auch die Zahl der Austritte gestiegen. Die katholische Kirche registrierte 167.504, die EKD meldete 200.000 Austritte.

Ein Mann verlässt eine katholische Kirche in Bremen.
Wie lässt sich der Schwund der Mitglieder aufhalten? Bildrechte: dpa

Experten wie der Publizist Andreas Püttmann meinen wie Eisenachs Superintendent, dass der Schwund nicht nur demografische Gründe habe, sondern ein Zeichen dafür sei, dass die Vermittlung des Glaubens "nicht mehr richtig funktioniert". Püttmann sieht die "erdrutschartigen Abbrüche in der jungen Generation" als Beleg dafür. Er räumt aber ein, dass der Schwund nicht so rasant verlaufe wie bei den Volksparteien oder bei manchen Vereinen. Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster erklärt dazu, die Jugend werde "so wenig im Glauben erzogen, wie das in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nie der Fall war". Dafür sprechen die rückläufigen Zahlen bei den Gottesdienstbesuchen.

Religionssoziologe Gerd Pickel
Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel Bildrechte: MDR/Katrin Schlenstedt

Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel sieht es ähnlich und meint, nicht Unzufriedenheit, sondern der Säkularierungsprozess der Gesellschaft zeige sich in den Austrittszahlen, die 2017 im Vergleich zu 2016 nochmal leicht stiegen. Das müsse die Kirchen noch betroffener machen, findet Pickel. Denn schließlich habe es anders als in den Vorjahren keine Skandale gegeben, die als Austrittsgrund gelten könnten. Eine Möglichkeit, jüngere Menschen wieder für die Kirchen zu gewinnen, sieht Pickel bei Angeboten im sozialen Bereich. Derzeit engagierten sich in den kirchlichen Angeboten zur Flüchtlingshilfe interessanterweise eher kirchenferne Jugendliche.

"Neue Wege finden"

Nach der Vorstellung der Mitgliederstatistik vor einer Woche schlussfolgerte auch der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz Pater Hans Langendörfer, die Zahlen zeigten, "dass wir als Kirche in einer Welt der Individualisierung, der pluralen Religiösität - in einer Welt des Umbruchs leben". So müsste die Kirche "neue Wege finden, Menschen zu erreichen, sie zu begleiten und ihnen nah zu sein". Dem entgegen steht u.a., dass die Zahl der katholischen Seelsorger eher abnimmt.

Die KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche" kommentierte, eine Trendwende sei nur möglich, "wenn endlich die jahrzehntelang vorgenommenen unsäglichen Strukturreformen in Form von Pfarreizusammenlegungen und -schließungen gestoppt" würden. Denn dies trage zu einer "immer größeren Entheimatung bei, die auch im politischen Bereich zu negativen Entwicklungen" führe. An die deutschen Bischöfe appellierte "Wir sind Kirche", der Aufforderung von Papst Franziskus nachzukommen, "mutige Vorschläge" zu entwickeln und neue Möglichkeiten zuzulassen, "um auch in Zukunft in überschaubaren Gemeinden Gottesdienst feiern zu können".

Begegnung in Wienrode im Harz: Zwei Pfarrer unter einem Dach

Ein Blick in die Öku-WG: Der katholische Pfarrer Wolfgang Golla, 78 und der evangelische Pastor Oliver Meißner, 48 leben in einem Pfarrhaus in Wienrode in Harz unter einem Dach.

Zwei Männer stehen vor einer Haustür
Sie teilen sich Haus, Hof und Hund. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Männer stehen vor einer Haustür
Sie teilen sich Haus, Hof und Hund. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann steigt in einem weißen Trabant
Der evangelische Pastor hat ein Markenzeichen - das ist sein Trabant. Der Vorteil ist, sagt, Pastor Oliver Meißner: "Man kommt meistens mit den männlichen Gemeindegliedern schneller ins Gespräch, weil man gleiche Erfahrungen gemacht hat, auch was Pannen angeht und kleine Reparaturen. Und natürlich hat ein Zweitakter immer einen ganz großen  Vorteil: Die Gemeinde hört, dass der Pastor kommt und riecht, dass er da war." Nur leider ist der Trabi nicht immer fahrbereit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
In einiger Entfernung fährt ein Auto auf einer Straße
Eine Fahrt durch die Diaspora: Eine Messe im nahen Blankenburg steht an ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Männer in einem Pkw
Gut, dass der Wagen von Wolfgang Golla läuft ... In der ökumenischen WG passiert es ab und an, dass die Kollegen den Gottesdienst des jeweils anderen besuchen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen besuchen einen Gottesdienst
Einige wenige sind zum Gottesdienst gekommen ... Die Kirchen in der Provinz kämpfen an gegen den Mitgliederschwund - dieses große Problem eint beide Konfessionen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Männer sitzen an einem gedeckten Tisch
Die Pfarrer-WG hat noch einen Vorteil: Vereinsamen kann keiner. Beide Herren leben ohne Familie - der katholische Geistliche, weil er muss und der evangelische, weil es bisher noch nicht mit einer Frau geklappt hat. Manchmal speisen die beiden Pfarrer gemeinsam, natürlich handelt es sich nicht um ein gemeinsames Abendmahl. Auch wenn es fast so aussieht, wenn Pfarrer Golla seinem Kollegen die Chips reicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Männer stehen in einem Zimmer
Im Pfarrhaus von Wienrode im Harz leben Oliver Meißner und Wolfgang Golla unter einem Dach: Pfarrer Wolfgang Golla, katholisch, 78 Jahre - seit über 50 Jahren im Dienst, denn wegen des Mangels an Priestern wird er immer noch als Vertretung gebraucht - und Pastor Oliver Meißner, evangelisch, 48 Jahre. Er kam aus dem Braunschweigischen in den Harz. Vor sieben Jahren gründeten sie die WG. Der katholische Pfarrer zog als Mieter ins Pfarrhaus des evangelischen Pastors.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann sitzt in einem Zimmer
Der katholische Pfarrer Wolfgang Golla macht sich Sorgen um die Zukunft der Seelsorge in der Provinz: "Wir haben also kaum noch Theologen, die in Ausbildung sind auf dem Wege zum Priester. 1990 waren es 190 Priester, die aktiv waren im Bistum Magdeburg, heute sind es noch 44. In diesen 25 Jahren ist das ein gewaltiger Abbruch." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Kirchensteuereinnahmen steigen

Der Zeitpunkt, etwas zu ändern, scheint mit Blick auf die Finanzen günstig - noch: Denn ungeachtet der sinkenden Mitgliederzahlen stiegen die Kirchensteuereinnahmen weiter an. Bei der katholischen Kirche waren es 2017 rund 6,43 Milliarden Euro im Vergleich zu 6,15 Milliarden Euro im Jahr 2016. Die EKD verzeichnete 5,67 Milliarden Euro im Vergleich zu 5,45 Milliarden Euro im Jahr zuvor. Zurückzuführen sei dies auf die gute wirtschaftliche Lage und die damit verbundene Lohnentwicklung. Mit Blick auf die Demografie stelle man sich allerdings auf sinkende Einnahmen ein.

Katholiken und Protestanten im MDR-Sendegebiet

Eckdaten zu den Bistümern 2017 (Auswahl)
  Katholiken Taufen Bestattungen Austritte
Dresden-Meißen 142.340 960 1.100 1.425
Erfurt 148.101 1.149 1.419 869
Görlitz 29.466 223 241 164
Magdeburg 82.345 410 752 674
EKD-Eckdaten 2017 (Auswahl)
  Protestanten Taufen Ev. Verstorbene Austritte
Ev. Landeskirche Anhalt 32.611 156 1.188 227
Ev. Landeskirche in Mitteldeutschland 712.008 5.047 16.805 5.631
Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens 689.858 5.643 13.944 6.197

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Thüringen Journal | 20. Juli 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2019, 13:27 Uhr

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