Thema Resilienz: Wie man Krisen übersteht und daran wächst

"Was mich nicht umbringt, macht mir stark" – ein Sprichwort, das suggeriert: wer eine Krise übersteht, der geht gestärkt daraus hervor. Doch das muss nicht immer sein. Davon erzählt Marc Wallert - Entführungsopfer philippinischer Terroristen - in seinem kürzlich erschienenen Buch.

Marc Wallert
Bildrechte: Marc Wallert/ Stephanie Wolff

Vor 20 Jahren wurde er zusammen mit seinen Eltern und 18 weiteren Menschen von philippinischen Islam-Kämpfern entführt. In seinem Buch "Stark durch Krisen" erzählt Marc Wallert von Krisen – meint aber nicht nur seine Entführung. Denn Jahre später folgte der wirkliche Tiefpunkt.

Marc Wallerts Buch erscheint zu einer Zeit, in der sich die ganze Welt in einer Krise befindet. Obwohl das nicht so geplant war, sieht der Göttinger Parallelen, die man ziehen kann.

Meine Erfahrungen von vor 20 Jahren ähneln schon dem, was Menschen jetzt erfahren. Menschen, die nicht wissen, wie lange das dauert, wann das zu Ende geht. Und das ist schon etwas, womit sie gerade zu kämpfen haben und es freut mich daher auch, dass ich Erfahrungen habe, die ich teilen kann.

Marc Wallert

Keine Patentrezepte

Die entführte Göttinger Familie Wallert (Werner Wallert, Marc und Renate, l-r) isst in einem Dschungel-Camp der Abu Sayyaf-Guerilla auf der Insel Jolo Sandwiches (Archivbild von 2000).
Familie Wallert in Geiselhaft in einem Dschungel-Camp im Jahr 2000. Bildrechte: dpa

Denn das, was er von sich erzählt, was er erlebt und was er selbst falsch gemacht hat – das gilt für viele Krisen, die Menschen durchmachen und erleben mussten. Und deshalb können Marc Wallerts Anregungen auch hilfreich sein, wenn man wegen Corona verzweifelt, unsicher oder traurig ist. Es sind keine Patentrezepte, mehr Angebote, die er teilt: Ansichten, Möglichkeiten und Techniken und jeder Mensch sollte selbst auf sich schauen und überlegen, was ihm davon helfen könnte.

Doch was rät Marc Wallert genau? Dass er die wochenlange, kräftezehrende Entführung, die Todesgefahr durchgestanden hat, sieht er rückblickend in der Fähigkeit, Situationen anzunehmen.

Ich meine Akzeptanz, einzusehen dass man in einer neuen Situation ist und seine Energie nach vorne lenkt. Mit dem umzugehen, was vor einem liegt und nicht so sehr versucht, die Zeit zurück zu drehen. Das ist ein häufiger Fehler, den Menschen machen. Die hadern so lange mit ihrem Schicksal, dass sie gar nicht die Kraft haben, damit umzugehen.

Marc Wallert

Auseinandersetzung gefragt

Eine Frau schaut in die Kamera.
Prof. Heike Ohlbrecht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch für Experten, die sich beruflich mit dem Thema Resilienz – Widerstandsfähigkeit – beschäftigten, ist das ein Schlüssel dafür, wie man Krisen durchsteht. Prof. Heike Ohlbrecht lehrt an der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg. Sie führt gerade eine Befragung zur zur Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen auf Gesundheit und Alltagsbewältigung durch. Die Soziologin ist überzeugt davon, dass die menschliche Widerstandsfähigkeit nicht nur angeboren ist.

Anfangs ging man davon aus, dass Resilienz etwas ist, was eine Charaktereigenschaft darstellt, also angeboren wäre. Heute wissen wir, dass Resilienz in der Auseinandersetzung mit Krisen entsteht.

Prof. Heike Ohlbrecht

Wichtig ist aber das Wort "Auseinandersetzung". Auch Marc Wallert musste das erfahren. Den größten Fehler, den er bei sich selbst ausmachte war: nach einer durchgestandenen Krise so weiterzumachen, wie bisher.

Wallert hatte die Entführung gut überstanden, seine Eltern ebenfalls. Sie kehrten in ihren Heimatort zurück und Marc Wallert ging zurück in seinen Job, der ihm bereits vor der Entführung Bauchschmerzen bereitete. Mit dem Gefühl im Gepäck: jetzt kann dich gar nichts mehr erschüttern, meinte er, dass er nun auch die anstrengende Arbeit hinbekommen würde. Was folgte war ein  Burn-Out.

Ein Buch steht auf einem Tisch
Das Buch von Marc Wallert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Während der Entführung hatte ich gelernt, was hilft, um stark durchzukommen. Ich habe aber den Burn-out gebraucht, bis mir klar war, was es braucht, um nicht nur stark durchzukommen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Das gebe ich gern weiter: wenn wir schon Mist durchleben, dann sollten wir die Chance nicht verpassen, daraus Kraft mitzunehmen. Es lohnt sich zu überlegen, was kann ich aus dem, was mir widerfahren ist lernen.

Marc Wallert

Hilfe annehmen

Die positiven Aspekte einer Krise für sich selbst nutzen, ist nicht einfach. Vor allem dann, wenn man sich noch darin befindet. Trauer zulassen, Dinge schlecht finden, das alles ist erlaubt. Es gibt kein schnell wieder "Funktionieren müssen". Wer bemerkt, dass er aus einer Krise nicht herausfindet, einen Verlust nicht verarbeiten kann, der darf und sollte sich Unterstützung suchen. Allein ist das oft schwierig. Da können soziale Kontakte helfen, Freunde, Familie. Oder auch Selbsthilfegruppen, professionelle Helfer, wie Psychologen, Trainer, Berater, Seelsorger.

Das meint auch Prof. Heike Ohlbrecht:

Man muss sich darüber nicht schämen oder sorgen. Und man darf berechtigt hoffen, dass das ein Weg sein kann. Auch, wer skeptisch ist oder die Dinge lieber mit sich selbst ausmacht, wird merken, dass die soziale Komponente hilfreich ist.

Prof. Heike Ohlbrecht

Denn aus der Bewältigung kann dann tatsächlich eine stärkere Resilienz entstehen und ein Vertrauen in sich selbst erwachsen. "Die Idee zu haben, ich bin den Herausforderungen, die das Leben mir stellt, prinzipiell gewachsen, das ist Selbstwirksamkeit und das ist im derzeitigen Stand der Forschung der wichtigste Schutzfaktor“, so die Soziologin.

Dieses positive Selbstbild – Marc Wallert glaubt, dass es jeder Mensch haben sollte. Denn jeder hat neben Schwächen auch seine Stärken. Ein jeder macht im Leben Krisen durch, erreicht aber dadurch viel. Das ist eine Leistung, die man auch zur Stärkung der Seele, des Selbstbildes nutzen sollte.

Sich bewusst zu machen: man hat schon so viel im Leben bewältigt, egal wie, man ist hier und das ist der Beweis, dass man mit dem Leben umgehen kann. Der Schritt weiter ist, sich zu überlegen: wie ist mir denn das gelungen? Wer sich bewusst macht: ich bin vielleicht manchmal ein bisschen pessimistisch oder in der Opferhaltung, Aber ich weiß, ich habe Durchhaltevermögen oder wenn es ganz schlimm ist, dann kann ich trotzdem auch mal lachen.

Marc Wallert

Buchtipp

Marc Wallert
Stark durch Krisen: Von der Kunst, nicht den Kopf zu verlieren
Econ, 2020
ISBN-10: 3430210291
18,00 EUR

Fragebogen zur Corona-Pandemie

Prof. Heike Ohlbrecht führt an der Universität Magdeburg eine wissenschaftliche Befragung zur Corona-Pandemie durch und benötigt dafür Teilnehmer. Die Erhebung ist online, anonym und dauert 20 Minuten. Sie können unter: https://panel.ovgu.de/s/0a5bed89/de.html daran teilnehmen.

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