Nah dran Was heißt hier eigentlich arm?

Empfinden arme Menschen ihre Situation als ausweglos und lebensunwert oder kann man sich auch mit Armut arrangieren? Filmemacherin Wibke Kämpfer fand drei Frauen, die bereit waren, sich und ihre Familien mit der Kamera begleiten zu lassen.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht über Armut in Deutschland lesen kann. Artikel über die Zunahme von Alters- und Kinderarmut machen betroffen, sichtbare Verbesserungen scheint es kaum zu geben.

Filmemacherin Wibke Kämpfer hat schon mehrfach über das Thema Armut berichtet . Über Jahre hat sie in ihren Reportagen Menschen begleitet, deren finanzielle Situation sich – trotz eigenem Bemühen – nicht nennenswert verbessert hat. Für ihre Reportage "Was heißt hier eigentlich arm?" nähert sie sich nun dem Thema Armut mit einer anderen Fragestellung: Empfinden arme Menschen ihre Situation auch als schwerste Belastung? Oder kann man sich sogar mit einem Leben in Armut arrangieren?

Sie fand drei Frauen, die bereit waren, Einblick in ihr Leben zu gewähren. Das ist mutig, denn arm sein grenzt aus.

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Nah dran -Reportage: Was heißt heir eigentlich arm
Anna mit ihren beiden Töchtern Bildrechte: RBB

Die drei Protagonistinnen Anna, Chrissy und Costanza sehen das anders. Die Berlinerin Anna kommt aus schwierigen Familienverhältnissen, hat keinen Schulabschluss und zieht ihre Töchter mit Hartz IV auf. "Es reicht zum Leben, aber für Extraausgaben reicht es selten." Oft gilt, dass Kinder armer Eltern weniger Zugang zu Bildung finden. Annas Tochter Maja hat diese Erfahrung bislang nicht machen müssen. Sie besitzt viele Begabungen und hat den Übergang auf ein Gymnasium problemlos geschafft.

Armuts-Aktivisten

Chrissy hat als Witwe zwei Kinder großgezogen, immer gearbeitet und lebt heute von 950 Euro Rente. Ohne die Berliner Tafel würde sie nur schwer über die Runden kommen. Aber Schamgefühle? „Nö, schämen ist nicht mehr!“ Das Gegenteil ist der Fall: Chrissy ist Mitbegründerin des Vereins "Die Super-Armen" und wurden Armuts-Aktivistin.

Nah dran -Reportage: Was heißt heir eigentlich arm
Chrissy von den "Super-Armen" Bildrechte: RBB

Viele denken, wenn sie arm sind, können sie nichts mehr machen. Sie werden nicht mehr gebraucht, sie sind abseits der Gesellschaft. Und das stimmt gar nicht. Sie sind die Gesellschaft. Und wenn wir das ein bisschen ankurbeln können: hier komm, mach mal mit. Die brauchen ja nicht in unseren Verein einzutreten, aber selbstständig irgendwas machen. Da wäre vielen geholfen, vor allem den Armen.

Chrissy

In Sachsen-Anhalt lebt Costanza mit ihren Söhnen nach der Scheidung von ihrem Mann immer knapp an der Existenzgrenze. Sie kämpft vor allem darum, im Haus bleiben zu können und ihren Söhnen das gewohnte Umfeld zu erhalten. Eine deutlich günstigere Wohn-Alternative gäbe es nicht, und einen Umzug könnte sie sich auch nicht leisten. Dennoch musste sich Costanza nach der Trennung oft anhören, dass eine so hohe Miete ein leichtsinniger Luxus sei.

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Costanza kämpft um ihr Recht auf Selbstbestimmung Bildrechte: RBB

Dass andere sich das Recht herausnehmen mir vorzuschreiben, wo ich lebe, in welcher Wohnung, in welchem Haus. Das ist meine freie Entscheidung. Ich stehe ja jetzt nicht hier und weine und bin am Boden zerstört: Ach, ich hab so wenig Geld. Sondern ich tue alles, was in meiner Kraft steht, um das eben halten zu können.

Costanza

Alle drei Frauen sind mutig und selbstbewusst. Vielleicht auch, um uns zu zeigen, dass Geld nicht alles ist, was man im Leben braucht. Auch wenn sie finanzielle Nöte trotzdem immer wieder belasten.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran - Reportage | 16. Juli 2020 | 22:40 Uhr