Eine Glocke mit der Inschrift ''Alles fuer s Vaterland - Adolf Hitler'' und einem Hakenkreuz.
Gilbert Kallenborn war schon gegen die sogenannte "Hitlerglocke" im pfälzischen Herxheim juristisch vorgegangen. Bildrechte: imago/epd

Runder Tisch mit Gemeindevertretern aus Thüringen Der Umgang mit den Nazi-Glocken

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland lädt am kommenden Freitag zum Runden Tisch: Es geht um die sogenannten Naziglocken in Thüringen. Um sechs Glocken in Kirchen des Freistaats also, die während der Nazizeit gegossen wurden und Bezüge zu dieser Zeit aufweisen, etwa einen Kranz mit Hakenkreuz. Wie sollte die EKM mit diesen Glocken umgehen? Das soll am 12. April in Erfurt nun mit Gemeindevertretern diskutiert werden. Mareike Wiemann über eine emotionale Debatte.

Eine Glocke mit der Inschrift ''Alles fuer s Vaterland - Adolf Hitler'' und einem Hakenkreuz.
Gilbert Kallenborn war schon gegen die sogenannte "Hitlerglocke" im pfälzischen Herxheim juristisch vorgegangen. Bildrechte: imago/epd

Unerträglich, dieses Wort wiederholt Gilbert Kallenborn immer wieder, wenn er über die sogenannten Naziglocken in Thüringen spricht. Der Saarländer hat die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands und Bischöfin Ilse Junkermann verklagt, weil sie seiner Meinung nach gegen das Verbot des Nutzens verfassungsfeindlicher Symbole der Nazidiktatur verstoßen.

Lange Zeit war nicht klar, ob und wie viele solcher Glocken in mitteldeutschen Kirchen hängen. Denn hoch oben im Turm sind sie versteckt vor der Öffentlichkeit. Doch für Gilbert Kallenborn ist klar: Auch wenn niemand die Naziglocken sehe - allein durch ihr Läuten verbreiteten sie die Botschaft Adolf Hitlers.

Das ist evangelisches und katholisches Kirchendogma: eine Glocke verkündet, was auf ihr notiert ist. Deswegen wird ja auf ihr etwas notiert! Diese Glocken verkünden nicht die Botschaft Christi, diese Glocken verkünden die Botschaft Adolf Hitlers.

Gilbert Kallenborn

Bei der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland sieht man das etwas anders. Die Glocken seien in erster Linie dazu da, zum Gebet zu rufen. Markus Schmidt, der Glockensachverständige der EKM für Thüringen erklärt, deswegen habe man sich auch im Ökumenischen Ausschuss für das deutsche Glockenwesen dagegen entschieden, alle betroffenen Glocken sofort abzuschalten.

Wir haben dieses Thema besprochen und haben auch keine eindeutige Position beziehen können. Also die Spannbreite der Möglichkeiten war relativ groß. Aber wir haben uns bewusst nicht für konkrete Schritte entschieden, sondern haben gesagt, das ist den Landeskirchen selber überlassen bzw. den Kirchgemeinden, das zu klären.

Marcus Schmidt, Glockensachverständige der EKM

Verschiedene Möglichkeiten im Umgang

Die EKM hat im Januar die betroffenen Kirchgemeinden angeschrieben und ihnen verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt: Sie könnten die Glocken beispielsweise schweigen lassen. Die Nazi-Symbole abschleifen lassen. Oder abhängen, und im Kirchenraum zusammen mit einer Gedenktafel ausstellen. Am Runden Tisch soll darüber nun diskutiert werden - Oberkirchenrat Christian Fuhrmann ist gespannt darauf, welchen Weg die Gemeinden wählen wollen.

Fuhrmann selbst sieht die Landeskirche in dieser Sache als Moderatorin, nicht als Entscheiderin - man habe auch den Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens zum Runden Tisch eingeladen, damit deren Sicht auf die Problematik berücksichtigt werde. Welche Gemeindevertreter allerdings am Freitag nach Erfurt kommen werden, ist nach wie vor unklar. Denn die EKM veröffentlicht nach wie vor nicht, in welchen Kirchen die Naziglocken hängen.

Kallenborn: Keine offene Debatte

Gilbert Kallenborn macht diese Haltung der EKM wütend. Für ihn ist eine offene Debatte über die Naziglocken erst möglich, wenn alle Gemeindemitglieder von dem Problem wissen, und nicht nur ein kleiner Kreis.

Das ist eine Entmündigung der Bürger vor Ort. Das heißt, der reguläre Kirchenbesucher wird um das Recht gebracht, sich gegen diese Glocken zu wehren: er sitzt in einer Kirche, unten werden Friedensgebete gesprochen, und oben läutet eine Massenmörderglocke.

Gilbert Kallenborn

Kallenborn ist Jude, und hat selber lange Zeit in einem Kibbuz in Israel gelebt, wo er auch mit Holocaust-Überlebenden zusammentraf. Er hat sich zum festen Ziel gemacht, die Naziglocken in Thüringen zum Schweigen zu bringen. Als die Staatsanwaltschaft in Erfurt kürzlich zu seiner Klage erklärte, man sehe keinen Anfangsverdacht gegen die EKM, weil es sich bei den Glocken nicht um die öffentliche Nutzung von Nazisymbolen handele, legte er sofort Beschwerde ein - Ende offen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Aus Religion und Kirche | 07. April 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 12:55 Uhr

Mehr aus Religion & Gesellschaft