Interview zum Film "Schamanen, Hexen, neue Heiden" "Religion muss nicht dogmatisch sein"

Auf der Suche nach Sinn und Orientierung interessiert sich eine wachsende Zahl von Menschen für alte Mythen und Riten. Sie sehen im Neuheidentum eine Alternative zur modernen, auf Konsum ausgerichteten Lebensweise und zum Angebot der klassischen Kirchen. Die Filmemacher Alexander Bartsch und Peter Podjavorsek sind in die schillernde Szene eingetaucht. Welche Erfahrungen haben sie gemacht?

Der Schamane Voenix beim rituellen Gesang
Schamane Voenix beim rituellen Gesang Bildrechte: MDR/Thomas Vömel

MDR Religion & Gesellschaft: Das Neuheidentum ist eine schillernde, unübersichtliche Szene. In Ihrem Film kommen mit dem Schamanen Voenix, der Wicca Gudrun Pannier oder Eldaring-Mitglied Luna Schmeing einige Menschen ausführlicher zu Wort. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Gesprächspartnerinnen ausgewählt?

Alexander Bartsch, Filmemacher: Bei der Auswahl war es uns vor allem wichtig, eine gewisse Bandbreite abzudecken. Es gibt ja viele unterschiedliche Zugänge zum heidnischen Glauben:

Viele Menschen kamen zum Beispiel in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit dieser Szene in Kontakt, im Kontext einer allgemeinen gesellschaftlichen Suche nach Sinn und Spiritualität – Stichwort New Age.

Junge Menschen heute hingegen werden häufig durch die Popkultur auf das Heidentum aufmerksam – durch Filme und Serien, die z.B. die nordische Mythologie aufgreifen oder auch durch Videospiele. Diese Generations-Unterschiede zeigen unsere Protagonistinnen abbilden.

Galerie Impressionen: Schamanen, Heiden, neue Hexen

Die Dokumentation von Alexander Bartsch und Peter Podjavorsek gibt einen Einblick in die Welt der Neuheiden. Wir stellen drei der Protagonistinnen vor.

Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Thomas Vömel alias Voenix lebt in der Nähe von Frankfurt am Main. Der 52-Jährige ist Künstler, Schamane, Ritualleiter und Lebensberater. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix bei der Eröffnung des Wolfszeit-Metalfestival mit einem Ritual. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Voenix
Als Schamane beruft sich Voenix auf ein Jahrhunderte altes, spirituelles und heilsames Wissen: "Ich habe immer wieder mal Leute, die bei Therapeuten waren, und die haben da zwölf Sitzungen. Dann zahlt die Krankenkasse nicht mehr, und dann stehen sie da, aber werden nicht mehr abgeholt, weil etwas fehlt. Ein Ritual fehlt, und ich mache mit den Menschen, wenn es nötig ist, auch mein Ritual, um Dinge hinter sich zu lassen, endgültig abzuschließen." Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Gudrun Pannier beim Ritual mit ihrer Druidengruppe in Berlin Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Sogenannter Wintermann aus Getreidehalmen, der das Haus und seine Bewohner vor Kälte und Hunger schützen soll. Enstanden ist er bei den Schmeings, die im katholischen Münsterland leben. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Luna Schmeing ist das jüngste Mitglied im Eldaring e.V., der größten neuheidnisch-germanischen Vereinigung in Deutschland. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix als Ritualleiter bei einer Eheleite, also einer Trauung Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Thomas Vömel alias Voenix lebt in der Nähe von Frankfurt am Main. Der 52-Jährige ist Künstler, Schamane, Ritualleiter und Lebensberater. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix ist auf Veranstaltungen in ganz Deutschland unterwegs, so wie beim Wolfszeit-Metalfestival in Leipzig. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Geräuchert wird auch. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix glaubt, als Schamane Menschen helfen zu können, die unter psychsichen Belastungen leiden. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Neuheidnische Rituale finden in der Regel draußen statt. Auch bei Regen. Schließlich handelt es sich um eine Naturreligion. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Gudrun Pannier ist studierte Theologin und versteht sich heute als Wicca, also als moderne Hexe. Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Voenix arbeitet an einer Maske, die für ihn folgende Bedeutung hat: "Die Maske steht ursprünglich eigentlich für einen Hilfsgeist. Und der Hilfsgeist wiederum symbolisiert einen psychologischen Prozess, den der Schamane durchlaufen hat. In der Maske findet dieser Prozess einen Ausdruck. Und wenn ich eine Maske bearbeite, ist das immer nicht nur ein kreativer, sondern auch ein meditativer Prozess, in den ich eintauche, und meine eigene Kraft verdichte in diese Maske hinein." Bildrechte: MDR / rbb
Schamanen, Hexen, neue Heiden: Die Rückkehr der alten Götter
Stefan (l.) fand über seinen Partner Carsten zur heidnischen Community, die er als offen erlebte. Bildrechte: MDR / rbb
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Neuheidnische Gruppen stehen im Verdacht, mit rechtem, völkischen Gedankengut zu sympathisieren. Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Recherche gemacht?

Ich glaube nicht, dass man das so pauschal sagen kann. Richtig ist: Die germanische neuheidnische Religion ist Symptom und Produkt des völkischen Nationalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die ersten Gruppen dieser Art waren explizit antisemitisch und rassistisch ausgerichtet, sie verstanden ihren Glauben als sogenannte "artgerechte", germanische Religion. Diese Vorstellung hielt sich ungebrochen bis in die Achtziger- und Neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Erst dann begannen einige Heidengruppen, sich mit dieser Herkunft kritisch auseinanderzusetzen, also die Ursprünge ihrer Religion im völkischen Denken aufzuarbeiten. Daraus entstanden Gruppierungen wie der Eldaring, die sich heute klar und glaubwürdig von rechter Ideologie abgrenzen; sie betonen ihre Offenheit und Toleranz.

Literatur- & Linktipps

Matthias Pöhlmann (Hg.): Odins Erben. Neugermanisches Heidentum: Analysen und Kritik, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (2006)

Rudolf Simek: Die Germanen, Reclam (2011)

Rudolf Simek: Religion und Mythologie der Germanen, wbg (2014)

Rudolf Simek: Götter und Kulte der Germanen, C.H.Beck

Stefanie von Schnurbein: Göttertrost in Wendezeiten - neugermanisches Heidentum zwischen New Age und Rechtsradikalismus

Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen, Herder (2021)

Franziska Hundseder: Wotans Jünger. Neuheidnische Gruppen zwischen Esoterik und Rechtsradikalismus, Heyne (1998)

Andrea Röpke, Andreas Speith: Völkische Landnahme. Alte Sippen. Junge Siedler. Rechte Ökos,
Ch. Links Verlag (2019)



Für den Film haben wir uns bewusst auf diese Gruppen konzentriert, weil die bislang weniger wahrgenommen werden. Aber natürlich existieren weiterhin auch Gruppen, die an die alten völkischen Wurzeln anknüpfen und bis heute eine gewisse Vernetzungsfunktion ins rechtsextreme Milieu haben.

Von welchen Erfahrungen berichten wiederum Menschen, die im Neuheidentum ihre religiöse Heimat gefunden haben, wie reagiert die Umwelt?

Von unseren Protagonistinnen hat niemand von negativen Erfahrungen berichtet. Vor einigen Jahrzehnten war das noch anders, die Gesellschaft ist da generell toleranter geworden. Allerdings sind manche Heiden immer noch vorsichtig, wenn sie z.B. bei christlichen Trägern beschäftigt sind, da möchten sie ihren Glauben lieber nicht öffentlich machen.

Was nehmen Sie persönlich mit aus der Begegnung mit Schamanen, Hexen, Neuheiden?

Dass Religion nicht dogmatisch sein muss, dass Glaube individuell und frei gelebt und ausgestaltet werden kann. Das ist das Prinzip vieler heutiger Heiden, und das finde ich sympathisch.

Mehr zum Thema: Alternative Religion, Esoterik & Querdenken

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 16. Juni 2022 | 22:40 Uhr