Jetzt in der Mediathek Oberammergau steht Kopf – Das Aus für die Passion 2020

Fast 400 Jahre ist es her, dass die Pest in dem oberbayerischen Bergdorf wütete. Daraufhin gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen Christi aufzuführen, auf dass die Seuche sie fortan verschone. Mit großer Hingabe spielen die Dorfbewohner seitdem die Geschichte jenes Mannes, dessen Botschaft immer noch Kraft hat und Hoffnung gibt. Da war es ein Schock, als die Passionsspiele 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden mussten ...

Frederik Mayet als Jesus von Nazaret bei einer Probe zu den Passionsspielen Oberammergau 2010
Bei einer Probe zu den Passionsspielen Oberammergau Bildrechte: imago images / Stefan M Prager

Seit einem Jahr haben sie sich Haare und Bärte wachsen lassen für das Spiel, das alle zehn Jahre im bayrischen Oberammergau mehr als 2.000 Gemeindebürger auf die Bühne bringt. Zum vierten Mal mit Christian Stückl als Spieleleiter.

"Zu riskant"

Oberammergau steht Kopf - Das aus für die Passion 2020
Spieleleiter Christian Stückl Bildrechte: BR Fernsehen

Stückl ist der Erste, der den Stoff zeitgemäß begreift. Gegen die Widerstände der Konservativen im Dorf setzt er in den 1990er-Jahren durch, dass auch verheiratete Frauen und Frauen über 35 Jahre mitspielen dürfen. Er ist der Erste, der evangelische Christen und diesmal sogar Muslime mitwirken lässt, was für Aufruhr sorgt. Viele fragen sich, wie viel Veränderung die Tradition des 5.000-Seelen-Dorfes verträgt. Und wie viele Kompromisse Stückl bereit ist zu schließen.

Alle fiebern sie schließlich der Premiere am 16. Mai entgegen. Um dann schlagartig vor dem Aus zu stehen. Am 19. März kommt, was alle befürchtet haben: Zu riskant, heißt es, das Gesundheitsamt beruft sich auf das Infektionsschutz-Gesetz.

Spielleiter Christian Stückl hat Tränen in den Augen, als er bei der Pressekonferenz verkündet, dass die Oberammergauer Passionsspiele auf 2022 verschoben werden müssen.

Und jetzt? – Schockstarre im oberbayerischen Bergdorf

Oberammergau steht Kopf - Das aus für die Passion 2020
Die Bühne bleibt leer. Bildrechte: BR Fernsehen

Das Schauspiel von der Leidensgeschichte Christi hat die Oberammergauer weltberühmt gemacht. Die letzten Passionsspiele vor zehn Jahren waren ein Riesenerfolg. Fast 500.000 Besucherinnen und Besucher kamen. Für die Darsteller bricht nun nicht nur ein prägender Lebensinhalt weg, sondern für viele auch der Broterwerb. Frömmigkeit und Geschäft liegen im Dorf der Herrgotts-Schnitzer dicht beieinander. Im Laufe der Jahrzehnte sind die Passionsspiele zu einem großen Wirtschaftsfaktor geworden. Nun stehen Gastronomen und Hoteliers vor dem Nichts. Unter den Souvenirartikeln sollen diesmal sogar fair gehandelte Textilien sein und Schlüsselanhänger aus den Stoffresten der Passionskostüme. All die Souvenirs mit dem Aufdruck "Passionsspiele 2020", die sich schon in Schachteln in den Läden stapeln, wird nun wohl keiner mehr kaufen.

"Gott kann nur helfen durch uns Menschen"

Oberammergau steht Kopf - Das aus für die Passion 2020
Pfarrer Thomas Gröner Bildrechte: BR Fernsehen

In den Wochen, da Corona die Menschen in ihre Häuser und Wohnungen verbannt und nicht einmal Gottesdienste stattfinden, muss der örtliche Pfarrer, Dekan Thomas Gröner, auf andere Weise für seine Gemeinde da sein: "Man kann als Gottesdienstgemeinde sich auch über einen weit verbreiteten Raum organisieren: durch die Glocken." In der Kirche betet er vor dem Kreuz, an dem die Oberammergauer vor fast 400 Jahren ihr Gelübde ablegten. Und heute? Sind selbst Gott die Hände gebunden in Zeiten der Pandemie? Thomas Gröner antwortet: "Gott kann nur helfen durch uns Menschen. Das fromme Gebet 'Lieber Gott hilf meinen Nachbarn' wird nichts bringen. Ich muss es tun, der Mensch muss es tun." Viele Christen und Christinnen fühlten sich angesprochen und sorgten für Nachbarschaftshilfe.

Lichtblicke

Oberammergau steht Kopf - Das aus für die Passion 2020
Yara kauft für Nachbarn ein. Bildrechte: BR Fernsehen

Oberammergau rückt in diesen Tagen tatsächlich enger zusammen. Engagierte kümmern sich um die Bedürftigsten im Ort, um Flüchtlinge und um die, die wegen der Ansteckungsgefahr ihre Wohnung nicht mehr verlassen sollen. Yara, eine junge Ägypterin, die als Zehnjährige nach Deutschland kam, bringt alten Menschen in Oberammergau Einkäufe. Mit 12 verlor sie ihre Eltern. Trotz allem steht sie heute fest im Leben und kann anderen etwas geben. Eine ältere Dame weint vor Freude, als Yara ihr die Tüten mit den Einkäufen bringt. Jeder Lichtblick tut gerade gut.

Oberammergau steht Kopf - Das aus für die Passion 2020
Cengiz mit seinem Vater im gepachteten Lokal Bildrechte: BR Fernsehen

Von ihren Bärten und langen Haaren haben sich die meisten der Passionsspieler gerade schon getrennt. Auch Cengiz. Er sollte einer der beiden ersten Oberammergauer mit muslimischen Wurzeln bei den Passionsspielen 2020 sein, mitwirken sollte er in der Rolle des Judas. Das sorgte zunächst für Aufregung im Dorf. Stückl war es egal, er verwies auf das Talent des 19-Jährigen. Nun sitzt Cengiz neben seinem Vater Erol im gepachteten Lokal. Die Familie sorgt sich wie viele andere im Ort um ihre Zukunft.

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Blick auf Oberammergau Bildrechte: BR Fernsehen

Stückl strahlt Zuversicht aus. Seinen "Judas"-Darsteller wird er im Auge behalten. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: "Mein Advent dauert halt jetzt länger, aber Weihnachten wird kommen und das Passionsspiel auch", sagt Stückl. "Wo auch immer wir am Ende der Krise rauskommen, von da aus werden wir weitergehen." Auf jeden Fall einem neuen Blick, "weil jeder ist auch gewachsen mit sich und mit der Welt. Wir werden einfach irgendwann im Dezember 2021 wieder unsere Textbücherl rausnehmen und ganz neu loszulegen." Und ab Aschermittwoch wachsen dann wieder die Haare und Bärte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 16. April 2020 | 22:35 Uhr

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