Seelsorge im Spitzensport Olympia: Athleten jenseits von Erfolgen begleiten

Im Spitzensport geht es nicht nur körperliche Höchstleistungen. Auch die mentale Belastung ist enorm. Deswegen gibt es bei den olympischen Spielen Seelsorgende für die Sportler. Ihre Aufgabe ist es, die Sportler auch abseits ihrer Hochleistungen zu begleiten und den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen. Doch in Tokio sind sie wegen der Pandemie nur online dabei.

Elisabeth Seitz in Aktion
Die Turnerin Elisabeth Seitz bei den olympischen Spielen in Tokio 2021. Bildrechte: dpa

Thomas Weber ist ein Olympia-Routinier. Der evangelische Pfarrer war schon sieben Mal bei den Spielen dabei. Natürlich ist er enttäuscht, dass er diesmal als Seelsorger die Sportlerinnen und Sportler nicht vor Ort unterstützen kann. Doch für die Olympioniken freut es ihn, dass die Spiele trotz Corona stattfinden: "Das ist der Höhepunkt einer langen Karriere im Sport."

Auf Sportlern lastet hoher Druck

Hauptberuflich ist Weber Gemeindepfarrer im westfälischen Gevelsberg. Aus Gesprächen mit den Sportlerinnen und Sportlern weiß er, dass es bei den meisten nicht nur um die körperliche Höchstleistung geht. Er sagt, bei Olympia sei die mentale Belastung nicht nur sehr viel größer als bei anderen Wettkämpfen. Auf den Sportlern laste auch mehr Druck Seiten als sonst:

Neben dem Druck, den Sponsoren oder Medien machen, erlegen sich die Sportlerinnen und Sportler selbst viel auf, um am Höhepunkt ihres Lebens das Beste zu bieten.

Thomas Weber Evangelischer Olympia-Seelsorger

Diesmal stehen die Sportseelsorger nur online zur Verfügung. Doch zumindest in den ersten Tagen der Spiele hat sich noch kein Athlet aus Tokio mit seelischen Nöten bei ihnen gemeldet. Dabei ist die psychische Belastung für manche offenbar enorm. Zum Beispiel stieg die US-amerikanischen Topturnerin Simone Biles nach dem zweiten Wettkampf überraschend aus. Sie begründete ihren Ausstieg mit dem Gefühl, die Last der Welt auf den Schultern zu tragen und mehr Stress als Freude am Sport zu empfinden. 2016 hatte sie bei den olympischen Spielen in Rio vier Mal Gold geholt.

Den Menschen jenseits von Leistung im Blick haben

Elisabeth Keilmann, Olympia-Seelsorgerin der katholischen Kirche sagt, am Ausstieg von Biles zeige sich, "wie wichtig es ist, den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen, mit Geist und Seele, mit Körper, Gewissen, Vernunft und Willen und nicht nur auf die Leistung zu gucken." Es gehe nicht um den Sieg um jeden Preis, sondern es gelte auch, mit Grenzerfahrungen umzugehen. Auch wenn es sich um Olympia handele, müsse klar sein:

Das Selbstwertgefühl darf nicht nur von Leistungen abhängen. Es ist wichtig, mit der Familie, mit Freunden und in der Beziehung ein gutes Umfeld zu haben und zu wissen, dass man geliebt ist.

Elisabeth Keilmann Katholische Olympia-Seelsorgerin

So schön der Erfolg für die Sportler auch sei: Elisabeth Keilmann warnt, dass Kommerz und Vermarktung bei Olympia nicht im Mittelpunkt stehen dürften. Sie betont, es gehe um die Spiele an sich, um die Freude und um den Wettkampf. Spitzensport müsse da eine Vorbildfunktion haben:

Bestimmte Werte wie Fairplay, Respekt und Toleranz müssen viel mehr in den Vordergrund gerückt werden.

Elisabeth Keilmann Katholische Olympia-Seelsorgerin

Thomas Weber nimmt auch die Zeit nach der Karriere im Sport in den Blick. Nur wenige der Olympioniken werden mit und durch den Sport reich. Deshalb sei es wichtig, sich rechtzeitig Gedanken über das Leben nach dem Sport zu machen, sagt Weber: "Der Ruhm ist sehr, sehr vergänglich. Ich kann den jungen Leuten nur raten, sich früh genug darum zu kümmern, wie es nach dem Leben im Hochleistungssport weitergeht."

Kreuzzeichen vor Wettkampf: "Keine Zauberformel"

Bei den bisherigen Wettkämpfen ist Elisabeth Keilmann aufgefallen, dass viele Athletinnen und Athleten sich vor ihrem Wettkampf bekreuzigten. Sie stellt klar: "Es darf keine magische Zauberformel sein, wenn ich das Kreuzzeichen mache. Sondern damit stelle ich mich unter den Segen Gottes."

Die Seelsorgerin beobachtet auch, dass einige Sportlerinnen und Sportler vor dem Wettkampf beteten. Dabei gehe es nicht um gute oder schlechte Leistungen, sagt sie: "Von denen, die selbst beten, höre ich, dass sie das Gebet an Gott richten mit der Bitte um einen fairen Wettkampf."

Natürlich ist es für die Betenden ein Ziel, eine Medaille zu gewinnen. Zugleich aber möchten sie sich bei den Wettkämpfen offenbar auch begleitet und beschützt wissen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 01. August 2021 | 12:21 Uhr