Was uns die Emmaus-Geschichte lehrt Osterspaziergang statt Gottesdienst in der Kirche

Auch in diesem Jahr können die meisten Ostergottesdienste nur eingeschränkt stattfinden. Viele werden im kleinen Kreis gefeiert und im Live-Stream übertragen. Aber es gibt auch einige Osteraktionen draußen, an der frischen Luft und pandemie-konform mit Abstand, versichert die evangelische Theologin Irene Sonnabend. Pfarrer Andreas Barth aus dem thüringischen Schleusingen hat seine Wandergottesdienste schon vor Corona erfunden, mit Verweis auf eine biblische Ostergeschichte, den Emmaus-Gang.

Narzissen blühen zahlreich auf einer Wiese.
Hinaus in Freie Bildrechte: dpa

Für die evangelische Theologin Irene Sonnabend ist Ostern auch ein Spaziergang, sozusagen: "Wenn wir in die Ostergeschichten schauen, wird unheimlich viel gelaufen, gegangen; es ist sehr viel in Bewegung. Es ist gar nicht dieses plötzliche Erkennen in der Ruhe. Es ist eine Polarität zwischen sich in Bewegung-Setzen, Suchen, aber auch Stehenbleiben und Hören."

"Stehenbleiben und sich Umdrehn hilft nicht"

Sie denkt an die Emmaus-Geschichte aus dem Lukas-Evangelium, die auch vom Wunder Auferstehung Jesu erzählt. Aber auch an ein Gedicht von Hilde Domin, das sie besonders tief berührt und das sie als Pfarrerin mit Blick auf Ostern gern zitiert:

Die schwersten Wege
werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust, das Opfer,
sind einsam.

Hilde Domin, Die schwersten Wege

Stehenbleiben und sich Umdrehn helfe nicht, heißt es darin weiter: "Es muss gegangen sein."

Das Osterwunder und der Gang nach Emmaus

Zu den klassischen Ostergeschichten zählt für Pfarrerin Irne Sonnabend der Gang der zwei Jünger von Jerusalem nach Emmaus. Das Lukas-Evangelium beschreibe, wie die beiden nach Jesu Kreuzigung niedergeschlagen dorthin wanderten. Sie interpretiert die übertragene Bedeutung dieser Geschichte so:

Angst und Panik lassen uns erstarren. Wir kommen nicht mehr vom Fleck. Dann ist es ungeheuer wichtig, dass wir mit unserem Körper beginnen, wieder in Bewegung zu kommen – auch wenn der Geist und die Seele sich noch gar nicht wieder bewegen können, tun wir erste Schritte, wie diese beiden Jünger.

Irene Sonnabend Pfarrerin

Unterwegs erscheint den Jüngern der auferstandene Jesus, den sie aber nicht erkennen. Erst im Lauf der Gespräche merken sie, wer sie da begleitet hat.

Wandergottesdienste, um ins Gespräch zu kommen

Den evanglischen Pfarrer Andreas Barth aus Schleusingen im Thüringer Wald inspirierte die Emmaus- Geschichte zu Wandergottesdiensten, um so aus der Bewegung heraus "ins Gespräch zu kommen und auf eine andere Art Gemeinschaft zu empfinden" statt allein in der Kirchenbank zu sitzen, so wie die Jünger, die sich mit Jesus einfach über die Fragen, die ihnen auf der Seele oder dem Herzen liegen, unterhielten.

Pfarrerin Irene Sonnabend, die als geistliche Begleiterin im Haus der Stille im Kloster Drübeck arbeitet, blickt so auf die Emmaus-Geschichte:  "Es ist fast ein Trauerprozess, ein Heilungsprozess, der da beschrieben wird, und das Medium dafür ist erstmal die Bewegung. Wenn sie nicht los gegangen wären, wäre nichts passiert."

"Für den, der geht, bleibt das Wunder nicht aus"

Das Gehen könne also ein erster Schritt aus einer Krise, meint die Pfarrerin, und überträgt die Idee auf unser Leben in Zeiten der Corona-Pandemie, die so viele Menschen lähme:

Es ist mehr Angst im Raum durch die Corona-Krise. Und diese Angst hat die Neigung dazu, uns erstarren zu lassen: Menschen gehen in Depression. 'Nichts geht mehr', sagen wir ja auch. Oder Menschen gehen in eine ganz hohe Erregung, in Empörung über alles und jedes. Und auch da ist es gut, um erst einmal mit sich selbst in Balance zu kommen, zu sagen: 'Naja, ich gehe erstmal los.' Es gibt in der geistlichen Begleitung den schönen Satz: "Es geht was, wenn du gehst."

Bei Hilde Domin heiße es, für den der geht, bleibe das Wunder nicht aus. Zu Ostern habe das Kloster Drübeck darum Einladungen ausgelegt – mit biblischen und meditativen Impulsen für individuelle Osterwanderungen.

Das Gehen bringt uns in Gang und bringt damit auch die Gedanken und Gefühle in neue Zustände. Dahinter steht, dass wir Menschen einfach körperliche Wesen sind.

Irene Sonnabend "Haus der Stille" im Kloster Drübeck

Irene Sonnabend ist sich sicher: Sich-Bewegen, Gehen, Wandern hilft der Seele – auch deshalb lohnt sich der Osterspaziergang.

Und Musik hilft natürlich auch:

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. April 2021 | 18:05 Uhr