Reportage Warum die Paulusgemeinde Halle ein echtes "Deutsche-Einheit-Projekt" ist

Der Gottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit kommt aus der Pauluskirche in Halle. Dort hat man Erfahrung im deutsch-deutschen Dialog. Nach 1990 sind viele Westdeutsche zur ursprünglichen Gemeinde dazu gestoßen. Die anfängliche Zurückhaltung legte sich dort schnell. Schließlich gab es bereits vor der Wende "Westkontakt". 2.500 Mitglieder hat die Gemeinde heute. Offenheit und Pragmatismus der Gemeinde ist das, was die neuen Mitglieder schätzen lernten. Und während die Kirche deutschlandweit Mitglieder verliert, wächst die Gemeinde der Pauluskirche, gelegen in der nördlichen Altstadt, stetig.

Eine Luftaufnahme Pauluskirche in Halle
Eine Luftaufnahme Pauluskirche in Halle, gelegen in der nördlichen Altstadt Bildrechte: IMAGO

In der Paulusgemeinde hat man Erfahrung im deutsch-deutschen Dialog. Denn nach 1990 sind viele Westdeutsche zur ursprünglichen Gemeinde dazu gestoßen. Wolfgang Kleemann, in den Nachwendejahren Pfarrer der Paulusgemeinde, erinnert sich an die anfängliche Zurückhaltung: "Na, man war schon am Überlegen, was kommt da auf uns zu. Was haben wir zu erwarten. Was sich in der Wirtschaft so gezeigt hat, die Übernahmen und das vieles im Osten nichts mehr wert war ... Das war ein bisschen beunruhigend auch für die Kirchengemeinden."

"Wir haben Deutschland immer als eins gedacht"

Doch diese Beunruhigung habe sich schnell gelegt, so Kleemann. Schließlich sei die Gemeinde vorbereitet gewesen. Schon zu DDR-Zeiten habe es Kontakt zu den Partnergemeinden in Hessen gegeben. Auch auf privater Ebene, wie sich Ralf-Friedrich Voß erinnert: "Wir hatten immer Westkontakt. Und wir haben Deutschland immer als eins gedacht. Im Kinderzimmer hing eine große Deutschlandkarte, damit die Kinder nicht nur wissen, wo Jena liegt, sondern auch Darmstadt. Das war mit immer ganz wichtig."

"Im Osten war Kirche nicht Mainstream"

Eva Weiß ist 1996 mit ihrer Familie aus Baden-Württemberg nach Halle gezogen. In der Paulusgemeinde fühlte sie sich mit offenen Armen empfangen: "Wir haben sehr gute Freundschaften geschlossen und fühlen uns sehr heimisch hier." Schnell habe sie bemerkt, wie unterschiedlich die Verortung der Kirche im Osten im Vergleich zum Westen sei: "Im Westen wird man reingeboren. Und dann ist man eben in der Kirche. Das war hier im Osten anders."

In der DDR war Christ-Sein eine Herausforderung, sagt Barbara Schatz, eine Entscheidung, die Mut brauchte. Im Sozialismus gehörte Kirche nicht zum Mainstream. Ob in Schule oder Beruf: Christen mussten mit vielen Nachteilen rechnen. Diese besondere Verortung der Kirche habe die Westdeutschen beeindruckt, sagt die Hallenserin: "Ich fand es schön, dass Menschen gesagt haben, dass sie hier eine große Tiefe wahrnehmen im Glaubensgeschehen und wie man zum Glauben steht im Alltag, wenn es eben nicht der Mainstream ist."

Mit Neugier und Interesse

Durch Aufgeschlossenheit, Neugier und Interesse von beiden Seiten sind sich Ost- und Westdeutsche schnell nähergekommen. Auch wenn es Dinge gab, die neu waren, an die man sich erst gewöhnen musste: Etwa die Christenlehre, meint Ulrike Germann, die 2003 aus Bayern kam: "So was gab es bei uns im Westen nicht, dass man wirklich an einem festen Tag in der Woche hingegangen ist und da war ein Programm für jede Klasse, eine Extrastunde. Da war ich vollkommen überrascht. Das ist natürlich aus der DDR-Zeit noch das Relikt des alten Religionsunterrichtes."

Andacht in der Pauluskirche in Halle
Andacht in der Pauluskirche in Halle in Vor-Corona-Zeiten Bildrechte: dpa

Offenheit und Pragmatismus in der Gemeindearbeit

Von den Ostdeutschen habe sie Offenheit und Pragmatismus gelernt, sagt Ulrike Germann: Dass etwa die Gemeinde auch Menschen aufnehme, die nicht getauft seien. Der halbe Chor sei heute nicht Mitglied der Gemeinde. Die Ostdeutschen haben Ralf-Friedrich Voß zufolge gelernt, dass man Verwaltung und Finanzierung der Gemeinde ganz anders denken müsse als früher: "Also zu DDR-Zeiten zu einer staatlichen Stelle zu gehen und um Finanzen für Gemeindeaktivitäten zu bitten, das war völlig außerhalb des Möglichen. Dass man da ganz anders rangehen konnte, das war etwas völlig Neues."

"Es war immer ein gutes Miteinander", sagt Barbara Schatz, der gemeinsame Glauben sei die solide Basis. Es spiele längst keine Rolle mehr, ob jemand aus dem Osten oder Westen komme. Vielleicht ist die Paulusgemeinde ja etwas ganz besonderes: Während die Kirche deutschlandweit Mitglieder verliert, wächst die Gemeinde hier stetig. Und es ist wohl kein Zufall, dass der Festgottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit ausgerechnet hier stattfindet.

Trauernde gehen nach einer Andacht zum Gedenken an die Opfer des Angriffs vom 09.10.2019 von der Pauluskirche zur Synagoge.
Nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle: Menschen aus der Gemeinde gehen am 9. Oktober 2019 nach einer Andacht von der Pauluskirche zur Synagoge, um ihre Trauer und Solidarität zu bekunden. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Oktober 2021 | 09:15 Uhr