Mein Körper – Mein Statement Tina Lathan: Warum Poledance mein Leben ist

MDR-Volontärin Sarah Bötscher
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tina Lathan ist Poledance-Künstlerin in Merseburg. Als "Melody Aurora" tourt sie mit ihren Poledance- und Burlesque-Shows durch ganz Deutschland. Inzwischen bringt sie in ihrem eigenen Studio Frauen bei, sich an der Stange zu bewegen. Lange war das für sie undenkbar: Nach einem Herzversagen und schwerer OP sagte ihr ein Arzt, dass sie nie wieder tanzen werde. 

Poledancerin Tina Lathan
Seit 15 Jahren Poledancerin: Tina Lathan aus Merseburg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kopfüber hängt Tina Lathan an der Stange. Ihre Beine streckt sie im 90-Grad-Winkel zur Seite, sie hält sich nur mit den Händen fest. Dann dreht sie sich ein paar Mal und springt ab. Was bei ihr so leicht und geschmeidig aussieht, erfordert hartes Training. Vor 15 Jahren hat sie damit begonnen.

Film starten!

Mein Körper: Poledance trotz Herzversagen 15 min
Mein Körper: Poledance trotz Herzversagen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK



Mit 19 steht sie das erste Mal an der Stange. Damals ist sie großer Technofan, viel in Clubs in Merseburg und Umgebung unterwegs. Gogo-Girls, die damals in den Neunzigerjahren oft als Animation zum Tanzen eingestellt werden, faszinieren sie. Tina beginnt, die Figuren zu üben. Beim Tanz an der Stange den ganzen Körper zu spüren und immer besser zu werden, das treibt sie an.

"Poledance ist kein Striptease"

Poledance hat bis heute ein verruchtes Image, wird immer noch mit Striptease assoziiert – obwohl es vor allem um Muskelkraft und Körperbeherrschung, um Ausdruck und Ästhetik geht, wie Tina Lathan erklärt. Das Gefühl, dass das Publikum sie und ihre Bewegungen sexualisiert, hat sie nicht. Klischees und Vorurteile begegnen ihr jedoch nicht erst, seit sie Poledancerin ist:

Ein Vorurteil ist immer gewesen: 'Du bist tätowiert, du bist gepierct, also bist du dumm.'

Tina Lathan Poledancerin

Mit ihren Tattoos und Piercings fällt es Tina Lathan nach der Schule schwer, eine Ausbildung zu finden. Mit 23 trifft sie die Entscheidung, sich mit dem Tanzen selbstständig zu machen.

Oft hört sie damals die Frage: "Was, von solchen Auftritten kannst du leben? Du ziehst dich ja nur aus." "Nein, das ist es nicht", betont sie:

Ich bin keine Stripperin, das ist Fakt. Ich investiere so viel in Equipment, in Kostüme und in die ganze Show. Dafür brauchst du Ausstrahlung, Leidenschaft und einen starken Willen.

Tina Lathan Poledancerin

Woher kommt Poledance?

*Ursprünglich stammt der Poledance aus der traditionellen asiatischen Akrobatik, die vor allem Männer betrieben.
*Artisten im chinesischen Zirkus traten schon vor über 800 Jahren mit Haltefiguren, Sprüngen und Überschlägen an einer vier bis sechs Meter langen Holzstange auf.
*Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begeisterten dann Artistinnen in Wanderzirkussen das Publikum: Während der Show-Pause benutzten sie die Stange, mit der das Zelt aufgestellt wurde, als imaginären Tanzpartner.
*Nach und nach zogen diese Aufführungen auch in Bars ein. Tatsächlich waren es um 1950 zuerst Stripclubs, in denen auch Stangen auf den Bühnen aufgebaut wurden.
*In den Achtzigerjahren nahm die Popularität von Poledance rasant zu und verbreitete sich von den USA in die restliche Welt. Die ersten Poledance-Studios wurden eröffnet.

Selbstständig und unter Druck: Herzversagen mit 30

Poledancerin Tina Lathan
Körperbeherrschung bis in die letzte Faser Bildrechte: MDR/Sarah Bötscher

Heute hat Tina Lathan fast 19.000 Follower auf Instagram, hunderttausende haben sich ihre Youtube-Videos angesehen. Zu Beginn ihrer Selbständigkeit aber ist es schwer für sie, an Auftritte zu kommen und sich einen Namen zu machen.

Sie lebt in ihrer Wohnung mehrere Monate ohne Strom, weil das Geld knapp ist. Mit der Zeit kommen immer mehr Anfragen – mit ihren Poledance-Shows wird sie für Messen, Firmenevents oder private Partys gebucht. Auch das Fernsehen ist ein paar Mal bei ihr. Tina hat inzwischen gelernt, sich zu vermarkten. Sie schläft wenig und arbeitet bis zur Erschöpfung.

Sie ist gerade 30, als sie sich immer kraftloser fühlt. Eines Tages spürt sie einen großen Druck auf der Brust, ihre Lippen werden blau. Erst ignoriert sie auch diese Anzeichen, doch ihre Schwindelattacken nehmen zu. Viel zu spät landet sie schließlich in der Klinik, mit Herzversagen. Ein Aneurysma und ein Herzklappenfehler werden festgestellt. Nach einer schweren OP hört sie, sie werde nie wieder auftreten und tanzen können. Eine Ärztin gibt ihr sogar nur noch ein Jahr Lebenserwartung.

Wenn dir jemand sagt, dass du nur noch ein Jahr zu leben hat, ist da einfach nur Chaos in deinem Kopf.

Tina Lathan Poledancerin

Von vorne anfangen nach schwerer OP

Doch Tina kämpft sich zurück. In der Reha lernt sie Stück für Stück, wieder zu laufen und auf ihren Körper zu hören. Viel Unterstützung bekommt sie von ihrer Mutter. Eine Krankenschwester rät ihr, geduldig mit sich zu sein. Die Tänzerin will unbedingt zurück ins Leben – hat das Ziel vor Augen, irgendwann wieder auf der Bühne zu stehen.

Oft hätten Menschen aus ihrem Umfeld ihr etwas nicht zugetraut, erzählt Tina im Rückblick, das habe sie dann aber doch erreicht. Daran sei ihr Selbstbewusstsein gewachsen. Sie lernt zunächst, sich wieder aufrecht zu halten, was ungeheuer schwer ist, nach einer OP, für die einem der Brustkorb durchtrennt wird. Sie schafft es, selbst aus diesem Erlebnis Kraft zu ziehen:

Ich bin aus dieser OP fünf Mal selbstbewusster rausgegangen, weil ich festgestellt habe: 'So schnell stirbst du nicht.'

Tina Lathan

Als Melody Aurora on tour, Trainerin in Merseburg

Zwei Frauen an einer Stange
Poledance-Kurs in Tinas Studio Bildrechte: MDR/Sarah Bötscher

Das alles ist jetzt genau zehn Jahre her. Heute absolviert Tina als Melody Aurora wieder Auftritte in ganz Deutschland. Zu ihrem Körper habe sie mittlerweile eine gute Beziehung, erklärt sie stolz. Sie müsse ihm huldigen, denn damit verdiene sie ihren Lebensunterhalt. Mittlerweile präsentiert sie sich auch in Burlesque-Shows, mit oft gemischtem Publikum, wie sie erzählt.

Ihr Wissen vermittelt sie in ihrem eigenen Tanzstudio in Merseburg weiter. Die Nachfrage nach den Kursen ist groß, was aus ihrer Sicht daran liegt, dass Poledance der perfekte Ausgleich ist zu Job und Alltag: Einfach eine andere Welt, Entspannung und zugleich Training des ganzen Körpers bis in die letzte Faser.

Feuer und Flamme

Frau mit Fackeln wird gefilmt
Tina bei einer Halloween-Party mit Freunden und Verwandten Bildrechte: MDR/Sarah Bötscher

Neben den Auftritten und ihren Tanzkursen verdient Tina auch Geld mit Fotoshootings – manchmal in Dessous. Viel Haut zu zeigen, damit hat Tina kein Problem, auch wenn manche sie fragen, ob sie mit 40 nicht inzwischen zu alt dafür sei: "Ich habe immer den Eindruck, bei 50 Prozent der Leute ist es Neid, dass ich mir das noch oder überhaupt traue. Ich denke aber, mit 40 hast du eine ganz andere Ausstrahlung. Also sicherlich gibt es jüngere, schlankere, faltenlosere." Aber:

Ausstrahlung kannst du nicht kaufen. Und für Leidenschaft gibt es sowieso kein Alter.

Tina Lathan Poledancerin

Das Herzversagen vor zehn Jahren war eine Grenzerfahrung. Eine, die ihr aber auch zeigte, wie stark ihr Wille ist. Auf die Frage, ob sie mit 70 noch an der Stange stehen wird, lacht Tina. Sie kann es sich vorstellen – so lange das Herz mitmacht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 26. März 2022 | 18:00 Uhr