Selbstbestimmt – Die Reportage | 21.03.2020 Kassenleistung Chromosomen-Check: Vorsorge oder Selektion?

Seit Mitte der 1970er-Jahre ist es Praxis, mittels Fruchtwasserpunktion auf Trisomie 21 zu untersuchen. Dabei besteht das Risiko einer Fehlgeburt. Seit 2012 gibt es einen risikofreien, nicht-invasiven Pränataltest (NIPT). Die Kosten für diesen Test wollen die Krankenkassen "in begründeten Einzelfällen" übernehmen. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss im September 2019 mitgeteilt. Die Regelung tritt voraussichtlich dieses Jahr in Kraft.

Die modernen Methoden in der Schwangerschaftsvorsorge und in der Pränataldiagnostik sind Fluch und Segen zugleich.

Holger Stepan Geburtsmediziner

Keine absolute Sicherheit

Mit den Tests wird nur nach Trisomien gesucht. Wie der Leiter der Geburtsmedizin an der Universitätsklinik Leipzig, Holger Stepan, sagt, bedeutet das, dass 90 Prozent der Fehlbildungen mit diesem Test nicht diagnostiziert werden können. Somit könne der Test Schwangere in falscher Sicherheit wiegen: "Wir testen auf eine Trisomie 21, 13 oder 18, nicht mehr und nicht weniger. Und auch wenn der Test sagt, das Kind hat keine Trisomie 21, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass das Kind absolut gesund ist", sagt Holger Stepan.

Der Mensch als Kostenfaktor?

Carola Nacke ist sich sicher, dass die Kassen lieber den Test zahlen, als ein Leben lang für Menschen mit Down-Syndrom aufzukommen. Vor 21 Jahren wurde ihr Sohn mit Trisomie 21 geboren. Seitdem muss sie immer wieder mit Ämtern und Kassen um die Leistungen kämpfen, die ihrem Sohn zustehen. Den inklusionsfreundlichen Worten von Politikern zum Bluttest schenkt sie wenig Glauben.

Sie warnt vor den gesellschaftlichen Folgen, sich als Eltern immer wieder rechtfertigen zu müssen: "Mit diesem Test wird noch mehr Druck auf die Familien ausgelöst durch die Gesellschaft, durch das Umfeld nach dem Motto: 'Habt ihr das gewusst? Das muss doch heute nicht mehr sein! Habt ihr keinen Test gemacht?'"

Weitere Schritte im Sommer erwartet

Bevor der Test zur Kassenleistung wird, stehen noch Abstimmungsschritte aus. Erst mit der Veröffentlichung im Bundesanzeiger wird der nicht-invasive Pränataltest (NIPT) auf bestimmte Trisomien zur Kassenleistung. Damit wird im Sommer 2021 gerechnet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 21. März 2021 | 08:00 Uhr