Berufsausbildung in den Werkstätten Sachsen erprobt Praxisbausteine: "Ein Schritt in die richtige Richtung"

Die meisten Menschen mit Behinderung in den Werkstätten haben keinerlei Ausbildung oder Beruf. Deshalb entstand in Sachsen die Idee, Praxisbausteine absolvieren und auf diese Weise Zertifikate erwerben zu können. Doch nur die Hälfte der sächsischen Werkstätten hat die Idee bisher aufgegriffen. Warum sich Manuel Schramm als Werkstattrat in Zwickau dafür einsetzt und die Praxisbausteine für einen Schritt in die richtige Richtung hält ...

Die Bildungsbereiche einiger sächsichen Werkstätten haben vor ein paar Jahren angefangen, Fähigkeiten aus anerkannten Berufen zu vermitteln. In Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer wurde eine Einigung erreicht, die darin besteht, sogenannte Praxisbausteine einzuführen und damit Zertifikate, die Teilfähigkeiten anerkennen.

Einer, der sich dafür eingesetzt hat, ist Manuel Schramm. Er arbeitet als Mediengestalter in der Lukaswerkstatt in Zwickau und ist dort einer von fünf Werkstatträten.

Mann
Werkstattrat Manuel Schramm Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mein Impuls war es schon immer, mich für meine Mitbeschäftigten einzusetzen, damit wir uns auch in der Inklusion weiterentwickeln. Und auch der Unmut, der bei uns besteht, hat mich bestärkt, mich im Werkstattrat zu engagieren.

Manuel Schramm Mediéngestalter und Werkstattrat

Dieser Unmut, das sind alltägliche Sorgen und Konflikte, aber auch Grundsätzliches - wie das Thema Berufsausbildung.

In der Lukaswerkstatt arbeiten Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen. Wer neu anfängt, lernt zunächst zwei Jahre im Berufsbildungsbereich verschiedene Aufgaben kennen, bekommt dafür aber keinen Abschluss.

Menschen in einer Werkstatt
In der Lukaswerkstatt Zwickau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bildungsbausteine für elf anerkannte Berufe: Ziel und Ansporn

Damit sich das ändert, gibt es dort seit kurzem die so genannten Praxisbausteine, angepasst an die individuellen Möglichkeiten der Mitarbeiter und die Angebote in den Werkstätten.   

Praxisbausteine sind Bildungsbausteine in elf anerkannten Berufen. Das sind runtergebrochene Aufgaben und Tätigkeiten, die Beschäftigte in einer Werkstatt leisten können.

Manuel Schramm

Die Praxisbausteine entsprechen also Teil-Fähigkeiten regulärer Berufe. Und jeder erworbene Baustein ist zugleich Herausforderung, sich weiterzuentwickeln.

Frau
Sieglinde Blume Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das gilt nicht nur für Jugendliche, die nach der Förderschule in die Werkstatt kommen, sondern für jeden Neuling, ganz gleich welchen Alters. Sieglinde Blume fing 2020 in der Lukaswerkstatt an. Ihr erster Praxisbaustein im Berufsfeld Hausreinigung war, den Putzwagen zu bestücken: "Jeden Morgen mache ich mir meinen Reinigungswagen zurecht. Der wird bestückt mit Reinigungsmitteln für den Fußboden, mit WC Reiniger und dann kommen die dementsprechenden farbigen Lappen dazu. Rot ist für WC, grün für den Lebensmittelbereich und gelb für Waschbecken und Spiegel."

Am Ende wird das fachliche Wissen der 61-Jährigen überprüft. Besteht sie, erhält sie ein Zertifikat. Wer das schafft, kann sich sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt bewerben. Doch mit den Praxisbausteinen arbeiten nur rund die Hälfte der sächsischen Werkstätten - und das, obwohl es sie schon seit 2014 gibt.

Ungleichbehandlung in den Werkstätten

Für Manuel Schramm sind Praxisbausteine ein Schritt in die richtige Richtung. Aber er sieht auch ein Problem.

Derzeit gibt es die Bildungsbausteine nur in dem Berufsbildungsbereich, der aktuell zwei Jahre dauert. Wer aber schon vor 2014 in der Werkstatt war oder noch ist, kann dieses Angebot nicht wahrnehmen.

Manuel Schramm

Ursache dafür sind zwei verschiedene Kostenträgern: Die Plätze der Werkstattneulinge bezahlt die Arbeitsagentur, die Plätze der langjährig Beschäftigten der Kommunale Sozialverband. Der aber will die Praxisbausteine nicht finanzieren.

Nicht nur diese Ungleichbehandlung kritisiert Werkstattrat Manuel Schramm. Er fordert: Holt nicht die Arbeit in die Werkstatt, sondern die Arbeitenden aus der Werkstatt.

Das Selbstbestimmt-Magazin Oktober 2021 mit Audiodeskription und Gebärdensprache

Ein Mensch mit Behinderung in einer Werkstatt. 30 min
Ein Mensch mit Behinderung in einer Werkstatt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

+++ Schichtwechsel 2021 +++ Denken in Bausteinen +++ InnoLawi +++ Die neue Norm - mit Raul Krauthausen +++

Selbstbestimmt So 10.10.2021 08:00Uhr 29:45 min

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Ein Mensch mit Behinderung in einer Werkstatt. 30 min
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Pro und Contra Werkstätten im "Selbstbestimmt"-Magazin Oktober 2021

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 10. Oktober 2021 | 08:00 Uhr