Pro & Contra Sexkaufverbot Ende der Prostitution? Wie kirchliche Einrichtungen über Sexarbeit streiten

In Deutschland gibt es rund 33.000 angemeldete Prostituierte, tatsächlich sind es wohl bis zu 400.000. Corona-bedingt gilt für sie, inzwischen mit Ausnahme von Berlin, ein Arbeitsverbot. Trotz massiver Proteste wie zuletzt Anfang August in Stuttgart. Nicht nur die Pandemie bedroht ihre Existrenz, hinzu kommt die Debatte um ein so genanntes Sexkaufverbot, das bereits in Ländern wie Schweden und Frankreich praktiziert wird. Vertreterinnen und Vertreter kirchlicher Einrichtungen sehen es kontrovers.

Eine Teilnehmerin hält während einer Demonstration zum Arbeitsverbot von Sexarbeiterinnen während der Corona-Pandemie ein Schild mit der Aufschrift "Sex work is real work" (dt. "Sexarbeit ist echte Arbeit") in der Hand 4 min
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio So 09.08.2020 06:00Uhr 03:43 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Seit fast fünf Monaten dürfen die meisten Prostituierten in Deutschland ihrem Gewerbe nicht mehr nachgehen – wegen der Infektionsgefahr durch COVID 19. Mit dramatischen Folgen, auch da sie keinen Anspruch auf staatliche Hilfen haben. Silvia Vorhauer berät bei der diakonischen Anlaufstelle Mitternachtsmission in Dortmund betroffene Frauen und weiß um die Existenzangst, die sich breit macht, "verbunden ist sie mit dem Gefühl: 'Wir kommen ganz zum Schluss.' Das macht ja auch wieder was mit dem Selbstwertgefühl."

"Die Situation ist wirklich übel"

Der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF), der sich seit über 100 Jahren um in Not geratene Prostituierte kümmert, konstatiert eine dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen. SKF-Bundesgeschäftsführerin Renate Jachmann-Willmer bringt auf den Punkt, was das bedeutet: "Keine Prostitution, kein Geld; sehr häufig keine Wohnung. Die drogenabhängig sind, schlucken alles, was sie kriegen können und sind ins Dunkelfeld gewandert. Die Situation ist wirklich übel." Frauen, die hoch verschuldet oder drogenabhängig seien, würden trotz Verbot weiter ihre sexuellen Dienste anbieten. Da verrate sie kein Geheimnis. Einige müssten einfach weiter arbeiten, um überleben zu können.

Johanna Weber 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Johanna Weber, Sprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. Politik nutzt Corona-Krise aus, um Prostitution abzuschaffen

Politik nutzt Corona-Krise aus, um Prostitution abzuschaffen

Johanna Weber, Sprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., glaubt, dass die Corona-Krise seitens der Politik genutzt wird, um sich eines (lästigen) Themas zu entledigen.

Mi 20.05.2020 18:43Uhr 04:53 min

https://www.mdr.de/brisant/johanna-weber-prostitution-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Eine Dienstleistung wie jede andere?

Sabine Constabel kann der derzeitigen Situation allerdings durchaus etwas Positives abgewinnen. Sie ist Vorsitzende des Vereins "Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution". Sie findet, die Reformen der vergangenen zwei Jahrzehnte hätten wenig gebracht, "weil das Übel eben nicht die Rahmenbedingungen der Prostitution sind, sondern das, was die Frauen so verletzt und was so destruktiv an der Prostitution ist; dass da Menschen gehandelt werden", erklärt die Sozialarbeiterin. Dem entgegnet die Hamburger Sexarbeiterin Undine: "Wir verkaufen genauso wie jeder andere Mensch unsere Dienstleistungen und unsere Arbeitskraft." Sexarbeit könne vollständig auf Augenhöhe stattfinden. Die Machtverhältnisse zwischen Kunden und Sexarbeitenden seien vielfältig.

Gegen ein Klassensystem und für das Sexkaufverbot

Für Sabine Constabel trifft diese Annahme jedoch nur auf eine kleine privilegierte Gruppe zu: "Wenn Sie in Bordelle gehen und schauen, dann finden Sie zu nahezu 100 Prozent Bulgarinnen, Rumäninnen und Ungarinnen oder andere Frauen aus armen Ländern", stellt sie fest.

Constabel setzt sich für das so genannte Sexkaufverbot ein und wird dabei von einem Bündnis unterstützt, dass von "Linke gegen Prostitution" über die Evangelische Allianz bis zur katholischen Frauenrechteorganisation Solwodi reicht. Im Kern geht es bei diesem Modell darum, dass der Käufer sexueller Dienstleistungen kriminalisiert wird, nicht aber die Prostituierten: "Die Frauen werden überhaupt nicht belangt. Denn klar ist: Die Frauen sind die, die gehandelt werden, und die, die keine Wahl haben. Das Sexkaufverbot setzt bei der Nachfrage an", argumentiert Constabel.

Initiative für ein Sexkaufverbot

Angesichts der coronabedingten Schließung von Prostitutionsstätten fordert eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten von Union und SPD ein Sexkaufverbot und Ausstiegsprogramme für Prostituierte. Der in der Corona-Krise verhängte Shutdown dürfe nicht gelockert werden, forderten sie im Mai in einem Brief an die 16 Ministerpräsidenten der Länder.
Dass sexuelle Handlungen schwer mit Social Distancing vereinbar sind, ist ein Grund. Ebenso dass Freier eher selten gern ihre echten Kontaktdaten im Bordell hinterlegen würden, um eventuelle Infektionsketten transparent zu machen. Vor allem aber sehen die Parlamentarier darin eine menschenunwürdige, zerstörerische und frauenfeindliche Tätigkeit, zu der (zumeist) Frauen, die oft aus Ost- oder Südosteuropa kämen, gezwungen würden.

"Prostitution lässt sich nicht verbieten"

Silvia Vorhauer von der evangelischen Mitternachtsmission wendet sich entschieden gegen ein Sexkaufverbot: "Wir können von unserer Erfahrung berichten, dass Verbote nichts nützen: Prostitution lässt sich nicht verbieten, nur 'verschieben'." Zu den Gegnern des Sexkaufverbots zählen u.a. die evangelische Diakonie und der Sozialdienst katholischer Frauen. Ihnen geht es  darum, den gesellschaftlichen Blick auf Prostitution zu verändern. Silvia Vorhauer von der Mitternachtsmission sieht eins der größten Probleme in der gesellschaftlichen Diskriminierung: "Auch die selbstbestimmtesten Frauen in der Sexarbeit haben immer noch Probleme, sich ihren Eltern oder Kindern zu offenbaren."

Somit sind die kirchlichen Positionen zur Sexarbeit alles andere als einheitlich. Alle wollen den Prostituierten helfen, doch welches der beste Weg ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander

Prostitution als Ländersache?

Inzwischen gehen die Länder beim Coronabedingten Arbeitsverbot unterschiedliche Wege: In Berlin ist Prostitution seit dem 8. August wieder erlaubt - aber ohne Geschlechtsverkehr. Im Hinblick auf die "häufig sehr prekäre Situation" der Sexarbeitenden erscheine es geboten, auch für diesen Bereich über Lockerungsmaßnahmen nachzudenken, die ein legales Arbeiten ermöglichten, hieß es. Ab September sollen auch sexuelle Dienstleistungen mit Geschlechtsverkehr unter strengen Auflagen wieder zulässig sein. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass die Betroffenen "aufgrund wirtschaftlicher Notlagen in Abhängigkeitsverhältnisse" gerieten und heimlich ihrer Tätigkeit nachgingen.

Anders als Berlin wird Nordrhein-Westfalen das coronabedingte Arbeitsverbot für Prostituierte vorerst nicht lockern. Sexuelle Dienstleistungen in und außerhalb von Prostitutionsstätten, Bordellen und ähnlichen Einrichtungen seien laut Coronaschutzverordnung ausdrücklich untersagt, stellte die Behörde fest. Indessen gab das Oberverwaltungsgericht des Saarlandes einem Eilantrag gegen das generelle Verbot nach einer Klage statt.

Prostitution in Zeiten von Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. August 2020 | 09:15 Uhr