Inklusion Europäischer Protesttag 2022 ruft zur "Checkertour": Barrierefrei von A nach B?

In Deutschland leben etwa 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen. Sich barrierefrei "von A nach B" bewegen zu können, ist ihr verbürgtes Recht. Beispielsweise auch im öffentlichen Nahverkehr mit dem Stichtag 1. Januar 2022. Die Realität sieht anders aus, kritisieren Behindertenverbände, -beauftragte und -aktivisten. Deswegen rufen sie unter dem Motto "Tempo machen für Inklusion – barrierefrei zum Ziel!" zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai, mit 600 Aktionen und Projekten bundesweit.

Mathias Gerber (l) vom Verein "Jetzt entscheide ich e.V." befördert Robert Jetzsch im Rollstuhl sitzend mit einem Velorad.
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Unter dem Motto "Tempo machen für Inklusion – barrierefrei zum Ziel!" steht der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai. Nicht allein der Staat, sondern auch die Privatwirtschaft sollte zu umfassender Barrierefreiheit verpflichtet werden, erklärte dazu Christina Marx als Sprecherin der Aktion Mensch", die als größte private Förderorganisation seit Jahrzehnten inklusive Projekte, Initiativen oder Vereine unterstützt. Es brauche neue Mobilitätskonzepte, forderte Marx weiter. In die Planung müssten Menschen mit Behinderung von Anfang an einbezogen werden.

Europäischer Protesttag 2022

Der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung wurde 1992 von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) initiiert und findet 2022 zum 30. Mal statt.

Seit 1998 hat es sich die Aktion Mensch zur Aufgabe gemacht, das Engagement rund um den 5. Mai unter einem Motto zu bündeln und die Initiativen zu unterstützen, um deren Anliegen sichtbar zu machen.

2022 stehen Barrierefreiheit und Mobilität im Fokus: "Tempo machen für Inklusion – barrierefrei zum Ziel!" – so lautet das Motto im Aktionszeitraum bis zum 8. Mai.

Die Aktion Mensch ist nach eigenen Angaben die größte private Förderorganisation im sozialen Bereich in Deutschland. Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 hat sie danach rund fünf Milliarden Euro an soziale Projekte weitergegeben.

Umfrage zur Mobilität Behinderter

Dazu stellte sie eine Online-Befragung der Aktion Mensch vor, die auf bestehende Mängel verweist. Danach traut sich jeder dritte Mensch mit Beeinträchtigung nicht, selbständig unterwegs zu sein und zu reisen. Rund jeder Vierte gab demnach in der Umfrage an, häufig mit nicht-barrierefreien Bahnhöfen, Haltestellen oder Hindernissen in öffentlichen Verkehrsmitteln konfrontiert zu sein. Bei den Befragten mit einer geistigen Beeinträchtigung kämpft laut Umfrage mehr als die Hälfte (54 Prozent) mit Barrieren im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Von zu kurzen Ampelschaltungen für Fußgänger fühlt sich demnach knapp ein Drittel der befragten Menschen mit Beeinträchtigung häufig eingeschränkt. Für die Online-Befragung zum Thema Mobilität wurden im Auftrag der Aktion Mensch 1.000 Menschen mit Beeinträchtigung ab 16 Jahren interviewt.

Zum Anlass nahm die Organisation den Stichtag für einen barrierefreien ÖPNV, laut dem Personenbeförderungsgesetz (PBefG) sollte der öffentliche Nahverkehr dies seit dem 1. Januar 2022 sein.

Bundesweit 600 Projekte und Aktionen

In Deutschland leben etwa 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen. Barrierefreiheit ist ein Schlüssel für Inklusion und Teilhabe, sie betrifft alle Lebensbereiche und spielt deswegen an vielen Stellen in der 2009 auch von Deutschland unterzeichneten UN-Behindertenrechtskonvention eine Rolle. Das Recht, "sich frei und ungehindert von einem Ort zum anderen zu bewegen" ist darin explizit formuliert. Bis 8. Mai finden rund um den Europäischen Protesttag nach Angaben der Aktion Mensch bundesweit rund 600 Aktionen und Projekte für eine barrierefreie Mobilität statt. Aufgerufen wird dabei beispielsweise zur "Barriere-Checker*innen Tour" im Heimatort, um Hindernisse im öffentlichen Raum zu dokumentieren und die Ergebnisse an die lokal Verantwortlichen zu übergeben.

Barrierefreiheit: "Privatwirtschaft verpflichten"

Auf Bundesebene hat sich laut der Aktion Mensch viel getan, da etwa das Behindertengleichstellungsgesetz Barrierefreiheit für die Behörden des Bundes vorschreibt. Auch in den Landesgesetzen sei das Thema verankert. Neben den öffentlichen Einrichtungen gehörten auch Dienstleistungen wie der öffentlichen Nahverkehr zum Geltungsbereich, ebenso aber digitale Angebote wie Websites oder die Übersetzung von Informationen in Leichte Sprache. Allerdings bleibe die Privatwirtschaft bislang von den gesetzlichen Vorgaben ausgenommen, was nahezu alle Behindertenverbände, -beauftragte und -aktivisten kritisierten. So seien viele Gebäude, Transportmittel, Produkte, Dienstleistungen, Informationen sowie Freizeit- und Kulturangebote für Menschen mit Behinderung nach wie vor unzugänglich.

Wir müssen die Privatwirtschaft verpflichten, barrierefrei zu werden. Würden wir das mal angehen, mit der gleichen Ernsthaftigkeit, den finanziellen Ressourcen wie wir Werbespots schalten und Broschüren drucken, dann wäre unsere Gesellschaft wesentlich weiter, was die Teilhabe und Sichtbarkeit von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft angeht.

Raul Krauthausen Inklusionsaktivist

Inklusion: "Kein lästiges Übel, sondern Innovationstreiber"

Um die Hürden beim Zugang zu Informationen und in der Kommunikation abzubauen, wurde im Mai 2021 das Barrierefreiheitsgesetz vom Bundestag gebilligt. Durch die Neuregelung soll es Menschen mit Einschränkungen künftig möglich sein, ganz alltägliche Dinge und Dienstleistungen via Computer, Tablet oder Bank- und Ticketautomat barrierefrei zu nutzen. Grundsätzlich gilt sie aber erst ab dem 28. Juni 2025. Für Selbstbedienungsterminals wurde sogar eine Übergangsfrist von 15 Jahren eingeräumt. Als Präsidentin des Sozialverbands VdK bemängelte Verena Bentele, dass es nicht allein um die Nutzbarkeit digitaler Angebote am heimischen Computer gehen könne und die bauliche Umwelt, etwa die Treppen vor einem Bank- oder Ticketautomaten, wieder außen vor bleibe. Politik und Wirtschaft müssten endlich erkennen, dass Barrierefreiheit "kein lästiges Übel" sei, sie von vornherein mitzudenken könne einen Innovationsschub auslösen.

Europäischer Protesttag 2022

Am 5. Mai 2022 feiert der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung sein 30. Jubiläum. Er wurde 1992 von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) initiiert und findet 2022 zum 30. Mal statt.

Seit 1998 hat es sich die Aktion Mensch zur Aufgabe gemacht, das Engagement rund um den 5. Mai unter einem Motto zu bündeln und die Initiativen zu unterstützen, um die größtmögliche Sichtbarkeit für die gemeinsamen Anliegen zu erreichen.

"Tempo machen für Inklusion – barrierefrei zum Ziel!" - so lautet das Motto im Aktionszeitraum bis 08. Mai 2022tag teilzunehmen. In diesem Jahr stehen Barrierefreiheit und Mobilität: "von A nach B barrierefrei" im Fokus der Aktivitäten. Die Aktion Mensch ist nach eigenen Angaben die größte private Förderorganisation im sozialen Bereich in Deutschland. Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 habe sie mehr als fünf Milliarden Euro an soziale Projekte weitergegeben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 05. Mai 2022 | 19:30 Uhr