Vor Beginn des Fastenmonats Was diesmal anders ist: Ramadan in Zeiten von Corona

Am 23. April begann der Ramadan. In dem heiligen Monat sind mehr als 1,6 Milliarden Gläubige weltweit aufgerufen, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu fasten Der Fastenmonat steht so im Zeichen der inneren Einkehr, aber auch der Gemeinschaft. Das Fastenbrechen wird allabendlich im Kreis von Familie und Freunden gefeiert. In Zeiten der Corona-Pandemie wird vieles anders sein.

Minarette einer Moschee zeichnen sich als Schatten vor einem dunklen Himmel mit Halbmond ab.
Beginn mit Erscheinen der Neumond-Sichel Bildrechte: Colourbox.de

"Herz und Seele zu reinigen", darum geht es Musliminnen und Muslimen im Ramadan. Der Fastenmonat, der in diesem Jahr am 23. April beginnt, gehört für die Gläubigen zu den fünf Säulen des Islam. Von innerer Einkehr, aber auch vom Gefühl der Gemeinschaft soll diese Zeit geprägt sein. Allabendlich feiern viele in den Moscheen das Fastenbrechen, besuchen Angehörige oder treffen Freunde. All das wird in diesem Jahr so nicht möglich sein.

Moderator Felix Seibert-Daiker erklärt die Bedeutung des Ramadans 3 min
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Moscheen geschlossen: "Religiöse und bürgerliche Verantwortung"

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, appelliert dringend: "So schwer es uns fällt, unsere Moscheen im heiligen Monat Ramadan weiter geschlossen zu halten, so ist es unsere religiöse und bürgerliche Verantwortung, in der aktuellen Phase genau das zu tun."

Aiman Mazyek
Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland Bildrechte: dpa

Nicht nur in Deutschland, weltweit gibt es Aufrufe, zuhause zu bleiben. Kürzlich mahnte Großmufti Scheich Mohammed Hussein palästinensische Musliminnen und Muslime. Die Wiedereröffnung der geschlossenen Moscheen in Jerusalem, dem Westjordanland und dem Gazastreifen sei an ein Ende der Corona-Krise gebunden, erklärte er. Auch Saudi-Arabien kündigte ein Aussetzen der öffentlichen Ramadangebete an. Dass sogar empfohlen wurde, die Planungen für die Pilgerreise nach Mekka, den Haddsch, vorsorglich einzustellen, sei "ein Donnerschlag" gewesen, sagt Mazyeck. Er schätzt, dass 15.000 Gläubige in Deutschland betroffen sind.

"Novum in der islamischen Geschichte"

Dorfbewohner beschriften eine leuchtende Dekoration für die Feierlichkeiten zum Beginn des Ramadan.
Vorbereitungen in Ägypten: 1,6 Milliarden Gläubige begehen den Ramadan. Bildrechte: dpa

All das sei "ein totales Novum in der islamischen Geschichte", meint Zekeriya Altug, Vorstand bei Ditib, dem größten Moscheeverband in Deutschland. Ein Ramadan ohne Gemeinschaft sei für viele Musliminnen und Muslime kaum vorstellbar: "Wir brauchen komplett neue Formate." Genau wie die Kirchen überbrücken muslimische Gemeinden das Corona-bedingte Versammlungsverbot vor allem mit Livestreams. Altug zufolge verfolgen rund 100.000 Menschen auf diese Weise etwa das Freitagsgebet aus der Kölner Zentralmoschee der Ditib. Indessen habe der Koordinationsrat der Muslime (KRM) eine Anfrage an ARD, ZDF und Deutschlandfunk gerichtet, künftig auch muslimische Angebote zu übertragen. Man habe erste positive Rückmeldungen und sei im Gespräch, sagt Altug, der auch als KRM-Sprecher fungiert.

Ein Ladenbesitzer mit Mundschutz wartet vor Beginn des Fastenmonats Ramadan auf Kunden
Vor dem Ramadan: Ladenbesitzer in Kabul wartet auf Kunden. Bildrechte: dpa

Islamische Theologen betonen ebenso wie evangelische oder katholische Seelsorger, dass eine virtuelle Teilnahme das Gemeinschaftsgebet nicht ersetzen könne. Daniel Abdin von der Hamburger Al-Nour-Moschee erzählt, dass vielen Gläubigen auch das Teetrinken nach den Gebeten oder die Islamkurse fehlten. Moscheen dienten schließlich auch als Begegnungsstätten. Umso wichtiger sei es, dass der Imam für seelsorgerische Fragen telefonisch erreichbar sei. Seine Gemeinde bereitet zum Ramadan ein besonderes Angebot vor: Unter dem Motto "Iftar to go" bekommen sozial Benachteiligte zum Fastenbrechen warme Speisen, Obst und ein Getränk nach Hause gebracht. Für Altug bedeutet auch der Muezzinruf ein wichtiges Signal und Zeichen der Solidarität. Das dürfte nicht unumstritten sein, nachdem ein Gebetsruf vor einer Berliner Moschee Anfang April zu einem Auflauf führte.

Spirituelle und finanzielle Notlage

Nicht nur spirituelle, auch finanzielle Verluste müssen die muslimischen Gemeinden in Corona-Zeiten befürchten. Der Ramadan sei traditionell eine Zeit des Gebens und Spendens, erklärt Mazyek. So würden Mittel beispielsweise für Bauprojekte oft schneller aufgebracht. Dass Gotteshäuser derzeit ganz geschlossen bleiben, bedeutete für viele Moscheen unter Umständen sogar das Aus. Einige bäten bereits online um Unterstützung. Angesichts der großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die das Verbot bedeutet, würdigte Staatssekretär Markus Kerber das Engagement muslimischer Gemeinden.

Besinnung auf den Kern des Ramadan

Dass die Zeit der Quarantäne ein nie dagewesener Zustand sei, bezweifeln allerdings manche Islamgelehrte. Sie verweisen auf überlieferte Aussagen des Propheten Mohammed, wonach sich Menschen nicht vermischen sollten, wenn Seuchen durchs Land zögen. Die gesundheitliche Unversehrtheit zu gewährleisten, decke sich mit den Glaubensvorstellungen. In der Krise eine Chance zu sehen und sich auf den Kern des Ramadan zu besinnen, empfiehlt Nawab Osman. Der Experte für islamische Gesellschaften in Südostasien betont, dessen wahre Bedeutung liege in der Selbstbeherrschung, in der Einfachheit und im Erleben von Herausforderungen, "denen sich weniger gut situierte Menschen täglich stellen müssen". Diese Botschaft sei in der jüngeren Vergangenheit beim Fastenbrechen hie und da aus dem Blick geraten. Es sei oft zu einem Fest der Völlerei geworden, wie Weihnachten oder Ostern bei den Christen.

Stichwort: Ramadan

Der Fastenmonat beginnt in diesem Monat am 23. bzw. 24. April bei Erscheinen der Neumond-Sichel. Der muslimische Kalender wird anders berechnet als der christlich-gregorianische und richtet sich nach dem Mond. Deshalb ändert sich der Zeitpunkt. Für Musliminnen und Muslime ist das Fasten, das jeweils im neunten Monat des islamischen Mondjahres stattfindet, eine der fünf Säulen ihrer Religion – neben dem Pilgern nach Mekka, den täglichen Gebetszeiten, dem Glaubensbekenntnis zu Allah als einzigem Gott und dem Spenden. Befreit vom Fasten sind Alte und Kranke, Kinder, Schwangere und Reisende sowie Soldaten im Krieg. Sie können das Fasten nachholen. Höhepunkt ist die "Lailat al Qadr", die "Nacht der Bestimmung", in der nach der Überlieferung dem Propheten Mohammed erstmals Verse des Koran offenbart wurden. Viele Muslime beten dann die ganze Nacht, in der Hoffnung auf die Vergebung ihrer Sünden. Auf das Ende des Ramadan, in diesem Jahr am 23. Mai, folgt das dreitägige Fest des Fastenbrechens, arabisch 'Id al Fitr.

Der Monat der guten Taten

Im Ramadan wurde der Überlieferung zufolge der Koran herabgesandt. Deshalb steht dieser Monat ganz im Zeichen der inneren Einkehr, des sozialen Engagements und der persönlichen Läuterung. Der Ramadan gilt deshalb auch als Monat der guten Taten. Mitmenschlichkeit und Versöhnung stehen im Mittelpunkt. Die Gläubigen entrichten die Armensteuer Zakat und unterstützen Bedürftige.

Regeln im Ramadan: Saum oder "Herz und Seele reinigen"

Von Tagesanbruch bis zum Sonnenuntergang bleiben Tassen und Teller leer. Abhängig vom Islamischen Kalender kann so ein Fastentag zwischen 8 und 19 Stunden dauern. Fasten im Ramadan heißt: Radikaler Verzicht nicht nur auf Essen und Trinken. Auch reden sollte man nur das Nötigste, kein Parfum benutzen, nicht rauchen – eben auf Luxus verzichten und auf Sex. Das Wort "Fasten" kommt aus dem Hebräischen und bedeutet: Die Seele beugen. Im Arabischen heißt Fasten: "Saum" – es bedeutet Herz und Seele reinigen, Platz für den Glauben schaffen und an Menschen denken, denen es nicht so gut geht. Wie die Sonne zum Mond, so gehört für die Muslime zum Fasten das Fastenbrechen, sobald die Sonne untergegangen ist. Die Menschen treffen sich: Beten gemeinsam, essen, trinken, lachen, reden – holen all das nach, auf das sie am Tag verzichtet haben. Nicht möglich sein wird all das in dieser Form in Zeiten der Corona-Pandemie 2020.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 16. April 2020 | 15:30 Uhr

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