Als Vermittlerin in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum.
Als Vermittlerin fast täglich in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum unterwegs: Carola Rupprecht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Klar neigt man dazu, Leute einzuordnen" Wie Carola Rupprecht den Rassismus erklärt

Wie der Rassismus erfunden wurde, das lässt sich derzeit im Dresdner Hygiene-Museum in einer großen Ausstellung erkunden. Schon 40.000 Besucher kamen seit der Eröffnung im Mai. Mittendrin: Carola Rupprecht. Fast täglich führt sie Gruppen durch die Räume und muss sich auch fragen lassen, ob nicht ein Körnchen Wahrheit in rassistisch begründeten Theorien steckt ...

Als Vermittlerin in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum.
Als Vermittlerin fast täglich in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum unterwegs: Carola Rupprecht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alter: 45 Jahre. Geschlecht: Weiblich. Hautfarbe: Weiß. Carola Rupprecht aus Dresden. Sie ist im Hygiene-Museum für Bildung und Vermittlung zuständig. In der neuen Ausstellung ihres Hauses findet sie selber auch Anregungen, mal die Perspektive zu wechseln:

Dass ich eine Frau bin, dessen bin ich mir bewusst. Dass ich eine weiße Frau bin, da hab' ich vorher weniger drüber nachgedacht.

Carola Rupprecht, Hygiene-Museum, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung

Rassismus im Spiegel der Gesellschaft

Die Installation macht für sie klar, "dass wir sehr unterschiedlich auf das Thema Rassismus schauen", sagt Rupprecht: "Je nachdem, welche Erfahrungen wir haben. Da spielt die Hautfarbe natürlich auch eine Rolle." Rassismus im Spiegel der Gesellschaft. Als die Museumsleute die Schau vor einigen Jahren planten, war nicht abzusehen, wie brisant sie im Spätsommer 2018 sein würde. Angst, Unwissenheit und Neid, von je her Triebmittel für Hass und Ausgrenzung, scheinen das gesellschaftliche und politische Miteinander immer mehr zu vergiften. Nicht nur in Sachsen.

Rassismus im Spiegel der Gesellschaft Mal die Perspektive wechseln

Die Ausstellung "Die Erfindung von Menschenrassen" im Dresdner Hygiene-Museum lädt immer wieder zum Perspektivwechsel ein.

Als Vermittlerin in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Eine Frage, die die Ausstellung aufwerfen möchte, lautet: Was ist das, was wir nicht als normal wahrnehmen? Was gehört für uns zu diesem "Normal" dazu?

Carola Rupprecht, Hygiene-Museum, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung

Die Ausstellung findet großen Zuspruch. Schon 40.000 Besucher kamen seit der Eröffnung im Mai. Mittendrin: Carola Rupprecht. Fast täglich führt sie Gruppen durch die Räume, doch auch im Kollegenkreis wird über Ausgrenzung und Rassismus nicht nur theoretisch gesprochen: "Ich selbst habe noch nie Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Aber ich habe eine Kollegin, die aus Palästina kommt, die geflüchtet ist, die Muslima ist, ein Kopftuch trägt und seit langer Zeit hier in Dresden lebt", erklärt Rupprecht. Sie sehe sich in der Straßenbahn oder auf der Straße immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert. "Das ist etwas, was sehr betroffen macht, wenn man sie und ihre Familie kennt: Dass sie einfach aufgrund ihres Äußeren, ihrer Herkunft, rassistisch beleidigt wird."

Denkweisen und Bilder, die sich tief eingegraben haben

Nah dran-Magazin: Die Macht der Ausgrenzung
Blick in die Ausstellung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Museum positioniert sich in der Ausstellung klar - schon im Titel "Der Erfindung von Menschenrassen" - und klärt auch auf über die Geschichte der dahinter liegenden politischen und ökonomischen Interessen. Zugleich müssen sich die Frauen und Männer, die im Haus arbeiten und durch die Schau führen, fast täglich fragen lassen, ob nicht ein Körnchen Wahrheit in rassistisch begründeten Theorien steckt. Kein Wunder, meint Carola Rupprecht:

Wir alle sind geprägt von bestimmten Denkvorstellungen, von bestimmten Bildern, die sich tief eingegraben haben. Klar neigt man dazu, wenn man Leute sieht, sie einzuordnen nach Herkunft oder Religion. Das geht ganz schnell. Ich glaube wichtig ist, sich das bewusst zu machen.

Carola Rupprecht, Hygiene-Museum, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung
Als Vermittlerin in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum.
Die berühmte "Gläserne Frau" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Mensch - das denkende Wesen. Im 18. Jahrhundert werden die Rassen erfunden und scheinbar wissenschaftlich begründet, Schädel werden vermessen, von Äußerlichkeiten wird auf Charakter und Intelligenz geschlossen. Und all das, obwohl 99,9 Prozent unserer Gene, egal ob wir aus Asien stammen, Afrika, Amerika oder Europa, gleich sind - wie wir inzwischen wissen. Menschenfeindliche Ideologien und Diskriminierung haben sich bis heute gehalten. Das Hygiene-Museum thematisiert das auch in seiner Dauerausstellung und lenkt so den Blick auf die eigene Geschichte, wie Carola Ruprecht anhand der berühmten "Gläsernen Frau" erklärt:    


Als das Museum eröffnet wurde, 1930, da stand diese Figur ganz allein auf einem Sockel wie in einer Kirche als das Ideal. Wenn man sich heute in diesem Raum umschaut in der Dauerausstellung sehen wir dieses Modell der "Gläsernen Frau" zwischen vielen anderen Modellen. So dass ihre Zeitgebundenheit klar wird. Für das Hygiene-Museum ist es heute ganz wichtig zu sagen: Nicht der gesunde Mensch ist das Ideal, Behinderung, Krankheit, Älterwerden, all das gehört zum Menschsein einfach dazu.  

Carola Rupprecht, Hygiene-Museum, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung

Rassismus im Museum?

Als Vermittlerin in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum.
"Rassismus nicht reproduzieren" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch von der Herausforderung, den Rassismus als Thema zu verhandeln, ohne wieder rassistische Bilder zu reproduzieren, spricht Carola Rupprecht im Hinblick auf diese und rund 400 andere Exponate, die auf 800 Quadratmetern präsentiert werden. Zwei Figuren, die einst für die Völkerschauen entstanden, wurden deshalb nicht einfach aus der Vitrine genommen, sondern anders präsentiert:

Wir wollen weiter, dass man darüber spricht. Aber wir wollen diese beiden Figuren auch nicht erneut den Blicken aussetzen und so problematisieren, unter welchen Umständen sie entstanden sind.

Carola Rupprecht, Hygiene-Museum, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung
Als Vermittlerin in der Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygiene-Museum.
Stimmen zur Schau und darüber hinaus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Selbstkritisch sein. Streitbar. Und mit der Rassismus-Ausstellung Dialog und Diskussion herausfordern. Damit machen sich das Museum und Carola Rupprecht selbst angreifbar. Es gebe durchaus kritische Stimmen, gerade in den sozialen Netzwerken, aber auch "eine ganz sachliche, kritische Auseinandersetzung", sagt Rupprecht.

Man merkt, die Leute haben durchaus Fragen.

Carola Rupprecht, Hygiene-Museum, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung

Bewusstsein schaffen. Erklären. Aufklären, in einer Zeit, in der Rassismus in Teilen der Gesellschaft wieder salonfähig ist. Carola Rupprecht findet, ein Haus wie das Hygiene-Museum könne sich da nicht entziehen:

Ich denke, dass Institutionen, Museen auch Verantwortung haben, modellhaft zu zeigen, dass Vielfalt auch eine Bereicherung sein kann. Das ist etwas, was man zeigen kann, indem man, wie auch in dieser Ausstellung, ganz viele unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht.

Carola Rupprecht, Hygiene-Museum, Leiterin der Abteilung Bildung und Vermittlung

Für das Dresdner Hygienemuseum ist die Rassismus-Ausstellung, mit über 10.000 Besuchern monatlich, momentan die erfolgreichste Schau der letzten zehn Jahre. Sie läuft noch bis Januar 2019. 

Mehr über die Ausstellung "Die Erfindung von Menschenrassen"

Rassismus - Die Erfindung von Menschenrassen

Rassismus - Die Erfindung von Menschenrassen

Deutsches Hygiene-Museum Dresden
19.05.- 06.01.2018
Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr, montags geschlossen

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 12:07 Uhr