Zeit der Ankunft, Zeit der Vorfreude Wie Advent feiern in Zeiten der Pandemie?

Dass in diesem Jahr Weihnachtsmärkte und -oratorien ausfallen oder Familien ihre Zusammenkunft digital planen, drückt die vorweihnachtliche Stimmung oder sorgt sogar für Angst. Wie also begehen wir den Advent in Zeiten der Pandemie? Und: was heißt eigentlich Advent?

Kinder lieben es, Türchen im Adventskalender zu öffnen. Das wird auch in diesem Jahr so sein. Doch Weihnachtsmärkte und -oratorien oder Firmenfeiern fallen 2020 aus, Familien planen ihre Zusammenkunft wegen der Kontakt-Beschränkungen digital. All das drückt die vorweihnachtliche Stimmung oder sorgt sogar für Angst.

Das beobachtet auch der Leiter des Kirchenkreises schlesische Oberlausitz, Thomas Koppehl: "In der Pandemie bemerken wir, wie verletzlich wir eigentlich sind, indem die Welt mit ihren Gefährdungen – die eigentlich immer da sind – spürbar auf jeden einzelnen von uns zugreift."

Advent 2020 digital?

Die Adventskultur mit ihren Symbolen, Bräuchen und Traditionen sei eine Möglichkeit, diese Zeit dennoch gut zu gestalten, erklärt Koppehl: "Mitten in all den Verunsicherungen und unserer Angst gibt es eine Botschaft, die man annehmen kann und die einen tragen möchte, um in der Situation zu bestehen." Um sie auch in Pandemie-Zeiten zu verbreiten, steuerte auch der Kirchenkreis schlesische Oberlausitz einen digitalen Adventskalender bei. Er ist gedacht für die ganze Familie, um sich trotz der gebotenen sozialen Distanz verbunden zu fühlen.

Advent für die Christenheit

Doch was heißt eigentlich Advent? Für die Christenheit ist es die vierwöchige Vorbereitungszeit auf Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu Christi. Dabei hat "Ankunft" eine zweifache Bedeutung: Zum einen ist damit die Geburt, die Menschwerdung Gottes gemeint, zum anderen weist der Advent auf das zukünftige Kommen Christi hin. Mit dem ersten Advent beginnt das neue Kirchenjahr.

Felix Seibert-Daiker 3 min
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Die Adventssonntage

Der erste Sonntag im Advent steht bei der Katholischen Kirche im Zeichen von der Wiederkunft Christi am letzten Tage, also der Apokalypse und dem Jüngsten Gericht. Die Protestanten feiern den Einzug Christus' nach Jerusalem. Am zweiten und dritten Adventssonntag steht bei den Katholiken Johannes der Täufer im Mittelpunkt, während evangelische Christen die Wiederkunft des Herrn begehen und am dritten ebenfalls an Johannes den Täufer erinnern.

Den vierten Adventssonntag widmen katholische und evangelische Gemeinden gleichermaßen der Gottesmutter Maria. Ihr zu Ehren begehen die Katholiken während der Adventszeit am 8. Dezember Mariä Empfängnis. Weitere Feiertage während der Adventszeit sind der Barbaratag am 4. Dezember und Nikolaus am 6. Dezember.

Advent historisch

Die Adventszeit kennt man seit dem Ende des vierten Jahrhunderts. Zunächst war sie nur drei Wochen lang und geprägt von Beten und Askese, also Fasten. Vorbild war die Passionszeit, die Fastenzeit vor Ostern. Im sechsten Jahrhundert lässt sich der Advent auch in Rom nachweisen, allerdings sechs Sonntage umfassend. Papst Gregor I., genannt auch der Große (590-604), kürzt den Advent auf vier Sonntage. Seit dem Konzil von Trient (1545-1563) schließlich wird der Advent gesamtkirchlich für vier Wochen festgeschrieben. Einzig in Mailand gibt bis heute noch eine sechswöchige Adventszeit.

"Goldene Legende"

Die 1236 bis 1273 geschriebene "Goldene Legende" (Legenda aurea) fasst die Vielfalt der adventlichen Gedanken und Inhalte zusammen: "Es sind vier Wochen des Adventus, die bezeichnen die vier Zukünfte unseres Herren: die erste, dass er zu uns ist kommen in der Menschheit; die andere, dass er mit Gnaden ist kommen in der Menschen Herzen; die dritte, dass er zu uns ist kommen in den Tod; die vierte, dass er wird wiederkommen zu dem jüngsten Gericht." Die liturgisch verordnete Farbe ist Violett, die für Buße und Fasten steht und den ernsten Charakter der Adventszeit verdeutlichen soll.

Symbole des Advents: Schiff, Stern und Adventskranz

Ein blondes Mädchen neben einem Adventskranz, auf dem vier Kerzen brennen
Die Kerzen auf dem Adventskranz symbolisieren das Licht, das den Menschen an Weihnachten durch die Geburt Jesu geschenkt wird. Bildrechte: colourbox.com

Der feuchte Morgentau, das ankommende Schiff und der leuchtende Stern sind die christlichen Symbole der Adventszeit. Während Tau und Schiff heute nur noch in der christlichen Literatur und Darstellung einen Platz haben, sind Sterne und Kerzen nicht nur in Kirchen zu finden. Straßen, Plätze, Weihnachtsmärkte, Schaufenster oder die heimische Wohnung sind ohne leuchtende Sterne oder Kerzen nicht denkbar.

"Tauet, Himmel, von oben"

"Tauet, Himmel, von oben, ihr Wolken regnet den Gerechten. Es öffne sich die Erde und sprosse der Heiland hervor." So heißt es bei Jesaja 45,8. Der Tau des Himmels befruchtet die Erde. Dieses Gleichnis aus der Bibel steht für die Empfängnis Mariens. Es ist eine Metapher aus dem Alten Testament und kündigt den Juden den Messias an. Der Messias, der für die Christen Jesus ist. Die Epiphanie, die Erscheinung eines Gottes in einem Schiff darzustellen, geht auf vorchristliche Traditionen zurück: Der griechische Gott Dionysos fährt im festlich geschmückten Schiff von Kleinasien über das Meer nach Athen. In Rom wird zum Gedenken an Julius Cäsar eine Münze geprägt, die auf der Rückseite ein Schiff zeigt, das Schiff des Gottes Saturn, darüber ein Stern.

Der Stern ist das älteste Symbol für die Ankunft Christi. Neben Himmelstau und Schiff findet man ihn schon früh in der Ikonografie des Advents. Der Stern, der den drei Weisen aus dem Morgenland den Weg zur Geburtsstätte Christi zeigt, wird schon auf römischen Sarkophagen des 4. Jahrhunderts dargestellt. Erregt miteinander sprechend, die Hände zum Himmel erhoben, suchen und finden die Weisen aus dem Morgenland den Stern, der sie zur Ankunft bei Christus geleitet.

Der Herrnhuter aus der Oberlausitz

Heute leuchtet ein ganz besonderer Adventsstern in unseren Breitengraden. Der ist noch gar nicht so alt und hat seine Wurzeln in Mitteldeutschland: Der Herrnhuter Stern. Vor rund 300 Jahren gründen protestantische Religionsflüchtlinge in der Oberlausitz eine neue Brüderunität, die Herrnhuter Brüdergemeine. Stolz sind sie auch auf ihre Weihnachtstradition.1887 wird zum ersten Mal von einem Stern aus bunten kegelförmigen Papierzacken berichtet, den man aufhängen kann und der von innen beleuchtet wird. Er wurde für die Knabenschulen in Kleinwelka und Niesky angefertigt. Pieter Hendrik Verbeek produziert um 1900 dann gewerbsmäßig die Papiersterne in seiner Herrnhuter Buch- und Musikalienhandlung. Sein Sohn Harry Verbeek weitet 1924 den Betrieb zur "Sternelein Fabrik" aus. 1945 wird sie zunächst verstaatlicht, 1968 aber wieder Eigentum der Brüder-Unität. Die Manufaktur in der Oberlausitz ist heute das ganze Jahr über ein Touristenmagnet. In einem Besucherzentrum gibt es eine Schauwerkstatt, man erfährt alles zur Geschichte und Entstehung der Herrnhuter Brüderunität.

Der Adventskalender

Sein Ursprung liegt im 16. Jahrhundert. Um den Kindern die Wartezeit auf Weihnachten zu versüßen, entwickelten die Protestanten den Adventskalender. Während ärmere Familien 24 Strohhalme in die Krippe legten oder Kreidestriche an die Tür malten, erhielten die Kinder in wohlhabenderen Familien zum Beispiel Lebkuchen. Katholiken übernahmen diese Tradition später. Der erste Adventskalender mit Türchen zum Öffnen erschien im Jahr 1920.

Der Adventskranz

Der Adventskranz ist in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Der Hamburger Pfarrer und spätere Berliner Oberkonsistorialrat Johann Hinrich Wichern (1808-1881) erfindet ihn. 1833 gründet er eine Anstalt zur Betreuung gefährdeter Jugendlicher, das "Raue Haus" in Hamburg Horn.  Am 1. Dezember wird dort auf einem Tannenkranz eine erste Kerze entzündet und dann jeden Tag eine mehr, so dass am Heiligen Abend 24 Kerzen brennen.

Ein Adventskranz wird gebunden
Mal selber machen? Bildrechte: Colourbox.de

Mit dieser Symbolik nimmt Wichern das Wort vom "Licht, das in der Finsternis leuchtet" (Johannes 1,1) auf. Am Weihnachtsabend leuchtet er hell, so wie Christus. Der Kreis des Adventskranzes nimmt das Bild von der Sonne auf, die an Weihnachten wieder an Stärke gewinnt und Christus symbolisiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wird der Tannenkranz mit den vier Kerzen überkonfessionell. Seine Symbolik verträgt sich auch mit den liturgischen Vorgaben der katholischen Kirche. Heute ist der Adventskranz in fast allen deutschen Wohnzimmern heimisch. Lichterglanz oder Geschenke-Stress: Letzlich liegt es jedoch an uns, wie wir die Zeit der Vorfreude begehen wollen.

Advent und Weihnachten in Zeiten der Pandemie

Bereits in der Antike und in der Bibel wird das Gefühl der Melancholie beschrieben. Die bittersüßte Traurigkeit muss kein negativer Zustand sein, sondern kann religiös fruchtbar gemacht werden. Etwa, indem sie den Blick für neue Seiten des Lebens öffnet

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 26. November 2020 | 22:40 Uhr