Weihnachtliche Vesper vor der Frauenkirche Immer wieder ein kleines Wunder

Vor der Ruine der Frauenkirche versammelten sich 1993 rund 50.000 Menschen zur Christvesper. Jetzt steht das Gotteshaus längst wieder. Doch die Tradition, sich am 23. Dezember vor der Kirche zu versammeln, bleibt. Was macht die Faszination aus?

von Susanne Sturm, Redaktionsleiterin MDR Religion und Gesellschaft

Tausende Besucher verfolgen die traditionelle Christvesper auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden
Tausende Besucher verfolgen seit 1993 die traditionelle Christvesper auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden Bildrechte: dpa

Dass sich Menschen einen Tag vor Weihnachten vor die Tür locken lassen würden, um zu singen und zu beten, glaubten auch die Väter der Idee selbst nicht so recht. Als der Trompeter Ludwig Güttler dem damaligen Landesbischof Johannes Hempel seinen Plan von der musikalischen Spendensammelaktion am 23. Dezember erläuterte, war der zunächst skeptisch. Und dann wurden sie eines Besseren belehrt: Es versammelten sich 1993 vor der Ruine der Frauenkirche 50.000 Menschen. Längst ist der Aufbau der Frauenkirche abgeschlossen, aber an der Beliebtheit der Vesper hat das nichts geändert. Mit diesem Termin beginnt traditionell für viele Dresdner das Weihnachtsfest.

Was ist das Geheimnis des Erfolgs?

Vesper vor der Frauenkirche in Dresden
Immer mit dabei: Die Vereinigten Posaunenchöre der Sächsischen Posaunenmission e.V. Bildrechte: IMAGO

Was könnten Eventmanager daraus lernen? Der Termin erwies sich im Nachhinein als glücklich gewählt. Am Vorabend des Weihnachtsfestes sind die größten Hürden bei der Festvorbereitung bewältigt, die meisten Geschenke gekauft, der Baum steht auf dem Balkon. Die Vesper erlaubt ein Atemholen vor der letzten Etappe, ein Vorgeschmack dessen, was man sich von den nächsten Tagen erhofft. Zu sich kommen, ein Gefühl von Freude, Wärme, innerem Frieden.  Dann natürlich die malerische Kulisse: War die Ruine eine anrührende Mahnung, so ist die neuaufgebaute Frauenkirche ein Symbol für Gemeinsinn, Tatkraft und Tüchtigkeit und für viele Dresdner  ein Ort persönlicher Erinnerungen.

Zwanglos, aber nicht beliebig

Ein Friedenslicht aus Betlehem
Friedenslicht aus Betlehem wird während der Vesper verteilt. Bildrechte: dpa

Aber das allein erklärt die Attraktivität nicht. Es ist auch der Stil. Die Vesper verleugnet ihren gottesdienstlichen Charakter nicht, aber auch wer nicht mitfeiern möchte, ist als Zaungast willkommen. Zwanglos, aber nicht beliebig, so die Devise. Es wird kein Eintritt verlangt, kein Bekenntnis und am Rande ist auch Glühwein erlaubt. Wenn man so will eine Form von public viewing zu Weihnachten, ein festliches Gemeinschaftserlebnis.  Gemeinsam zu singen, dafür fehlt vielen sonst die Gelegenheit. In der eigenen Familie ist es aus der Mode gekommen oder es gibt keine Familie, im Konzert ist man nur passiver Zuhörer und nicht jeder sucht einen Gottesdienst auf.

Gemeinschaft aber vor allem auch für die, die eine solche Großveranstaltung erst möglich machen: Die Bläser, die von überall her anreisen, die Solisten, die Tourneen unterbrechen, aber auch Ordner, Helfer, Planer… Einige sind seit mehr als zwanzig Jahren ehrenamtlich dabei. Mag sein, dass diese Begeisterung hinter den Kulissen auch auf den Platz ausstrahlt. Sicher aber, dass dieses Engagement nicht planbar ist. Und so bleibt die Vesper ein kleines Wunder.

Mehr zum Thema

Auch interessant

Moderator 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 23. Dezember 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2019, 23:39 Uhr