Interview mit dem Theologen Peter Dabrock Was heißt verantwortlich handeln in Zeiten von Corona?

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt rapide, Bund und Länder haben sich zu einem Teil-Lockdown für November durchgerungen, um die zweite Welle zu brechen. Verantwortlich zu handeln im Sinne der Allgemeinheit, darauf komme es an, wird immer wieder betont. Doch was heißt Verantwortung in Zeiten einer Pandemie? Welche Maßstäbe gelten, wenn Entscheidungen anstehen, im Extremfall über Leben und Tod? Professor Peter Dabrock war bis Mai Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, der evangelische Theologe lehrt an der Universität Nürnberg-Erlangen. Eine christliche Haltung im Umgang mit Corona einzunehmen, bedeutet für ihn, hoffnungsfroh zu sein. Zugleich warnt er vor "Vertröstungssprech" und plädiert dafür, die "Experten des Alltags" stärker in die Diskussion einzubinden.

Peter Dabrock, ehemaliger Chef des Deutschen Ethikrates, 2018 25 min
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MDR KULTUR - Das Radio Sa 31.10.2020 19:00Uhr 25:07 min

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Was halten Sie von den Maßnahmen, die Bund und Länder jetzt beschlossen haben. Vom Teil-Lockdown im November: Gastronomie, Kultur und Freizeiteinrichtungen werden geschlossen, Kitas, Schulen, Betriebe und Geschäfte bleiben offen?

Peter Dabrock: Ich glaube, mir geht es so wie vermutlich vielen, diese exponentielle Entwicklung, die hat mich geschockt. Deswegen finde ich diese Maßnahmen, die sehr einschneidend sind, doch verhältnismäßig und richtig. Wir müssen die Freiheit ausbalancieren mit dem Gesundheitsschutz zur Aufrechterhaltung des gesamtgesellschaftlichen Systems. Wenn wir uns an der falschen Stelle uns zu viel Freiheit gönnen, dann werden wir das vermutlich bitter bezahlen.

Die Kultur weist darauf hin, dass Theater und Konzertsäle bisher keine Hotspots für das Infektionsgeschehen gewesen sind. Auch wenn man diesen grundsätzlichen Willen, Menschen vor Ansteckung zu schützen, sehr ernst nimmt, hätte die Politik aus Ihrer Sicht die Gewichte in der Ausgestaltung anders setzen können?

Es ist unglaublich schwierig, auf der einen Seite die medizinisch-epidemiologische Sichtweise zu berücksichtigen und auf der anderen Seite die soziale. Der Maßnahmekatalog zeigt aber, dass ein Blickwechsel stattgefunden hat: Schulen und KITAS bleiben diesmal weiter offen. Das Recht auf Bildung und Ausbildung einer Persönlichkeit, die dann zur Freiheit überhaupt erst fähig ist, wird so in den Vordergrund gestellt. Das ist ein Fortschritt. Zugleich müssen wir jetzt schauen, wie wir aus dem exponentiellen Wachstum herauskommen. Intensivmediziner warnen ja bereits, dass die Kapazitäten knapp werden, wenn das so weitergeht. Aber wenn wir da rausgekommen sind, dann müssen wir tatsächlich noch viel stärker unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft schauen, wie wir das weiter gestalten, aber nicht Top Down.

Bevor man jetzt ein ganz düsteres Szenario aufbaut, sollte man aber auch wahrnehmen, dass die Politik ein Riesen-Hilfsprogramm auch für die Kultur auflegt, 75 Prozent des entsprechenden Umsatzes des Vorjahresmonats werden erstattet. Solo-Selbständige können den durchschnittlichen Vorjahresumsatz mitteln. Mit Blick auf andere Bereiche der Wirtschaft tauchen natürlich trotzdem Gerechtigkeitsfragen auf. Der beste Weg, Härten abzufangen, ist, mit den betroffenen Gruppen das Gespräch zu suchen, wie man beispielsweise die vielen guten Konzepte in die kommenden Entscheidungen integrieren kann.

In der Anfangszeit von Corona haben Sie der Bundesregierung auch vorgeworfen, sie agiere paternalistisch. Hat die Politik aus Ihrer Sicht inzwischen dazugelernt?

Da ist immer noch viel Luft nach oben, die Menschen vor Ort mit einzubinden in die jeweiligen Maßnahmen, die zu treffen sind. Die Menschen sind doch Expertinnen und Experten ihres eigenen Lebens. Vor Ort weiß und sieht man Dinge, die man aus der Ferne nicht sehen kann. Also warum schalten die Ministerien der Länder nicht Ideenbörsen, Chatrooms, durchaus moderiert, um Ideen zu sammeln, die es mit Sicherheit in großer Vielfalt gibt und die dann auch die Politik noch einmal kreativer, vielfältiger machen können.

Die Krisenmanager werden Ihnen vielleicht antworten, das schnelle Vordringen des Virus lasse für solche umfangreichen Abstimmungsprozesse gar nicht mehr genügend Zeit ...

Das mag zutreffen auf sehr kurzfristige, sehr dringliche Angelegenheiten. Aber diskutieren ließe sich beispielsweise, was wir mit den Schulen, mit den Kindertageseinrichtungen machen, wenn die Inzidenzzahl noch weiter nach oben schnell? Oder darüber wie man Nachbarschaftshilfen organisieren kann. Wenn ich so etwas vorschlage, höre ich vom entsprechenden Minister, der Ministerin als Antwort: "Aber wir laden ja Experten ein. Das sind meist Experten aus der Wissenschaft." Ich würde aber gerne auch mal die Experten hören, die einen Hockey-Verein am Laufen halten. Diejenigen, die eine Kindertageseinrichtung leiten. Diese Experten der Praxis vor Ort müssen viel stärker gehört werden.

Wenn wir vorausblicken auf die nächsten Monate und das Maßnahmepaket, dass der Bund die Kosten für Schnelltests übernimmt beispielsweise, damit die Bewohnerinnen und Bewohner von Altersheimen oder Patienten in Krankenhäusern, aber auch das Personal und die Besucher regelmäßig getestet werden können. Ist das jetzt so ein Schritt in die richtige Richtung?

Auf jeden Fall ist die Bereitstellung und Nutzung von Schnelltests dort dringend geboten, damit der Betrieb aufrecht erhalten werden kann. Die Humanität einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Und deswegen sollten diese Menschen ganz besonders in den Fokus unsres Interesses rücken. Es ist für mich übrigens auch geradezu ein Menschenrecht, von einer geliebten Person besucht und berührt werden zu dürfen. Was nutzt es Menschen, wenn sie überleben, aber quasi in Isolationshaft und ohne einen lieben Menschen gesehen und berührt haben zu dürfen. Da müssen wir einen Weg finden.

Wir müssen uns mit düsteren Szenarien beschäftigen. Zumal sich die Hoffnung auf einen schnellen Impfstoff vermutlich nicht so schnell erfüllen wird. Im Moment laufen die Beratungen, wie ein Impfstoff gegen Covid-19 gerecht verteilt werden könnte. Welche Kriterien müssen da Ihrer Meinung nach gelten?

Das ist wirklich eine unglaublich schwierige Frage. Natürlich wäre es wunderbar, wenn alle sofort den Impfstoff haben könnten. Da sind die gerade erwähnten vulnerablen Gruppen. Da sind diejenigen, die in den systemkritischen Bereichen das gesellschaftliche Leben aufrechterhalten, in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen, in den Pflegeheimen. Ich denke auch an die Polizei, an die Sicherheitsbehörden. Das ist eine Liste, die wir auch sonst kennen aus dem Katastrophenschutz.

Der Versuch, gerecht vorzugehen, wird nicht ohne Ungerechtigkeiten vonstatten gehen. Hier ist die Politik gefragt, die Verteilungskriterien transparent zu machen. Und ich finde, das wurde ganz klug gemacht, da ein sehr multidisziplinäres Gremium einzusetzen. Nicht nur die Ständige Impfkommission, auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und Mitglieder des Deutschen Ethikrate überlegen die Kriterien. Das finde ich schon ein ganz kluges Vorgehen, um klarzumachen, hier spielen auch ethische Fragen eine Rolle.

Wenn wir noch einmal blicken auf die Situation in den Pflegeheimen, den Krankenhäusern. Die frühere Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die selbst auch Pfarrerin ist, hat im Sommer gesagt, die Kirche habe in der Zeit des Lockdowns Hunderttausende Menschen allein gelassen. Sie dachte dabei an die Alten und Kranken. Trifft das zu aus ihrer Sicht?

Mit dem Vorwurf hat Frau Lieberknecht weder sich noch den Kirchen einen Gefallen getan. Auch damit diese Zahlen so zu nennen, die nicht belegbar sind. Das muss man differenziert sehen: Ich habe Teile der Kirche erlebt, wo ich mir mehr gewünscht hätte, gerade in dem Bereich der Kirchenleitungen. Da habe ich gedacht: Sagt doch etwas und sagt ruhig, dass ihr gerade nichts sagen könnt, dass euch nichts zur Tröstungsperspektive einfällt.

Aber ich habe umgekehrt vor Ort in den Gemeinden ebenso unglaublich viel Kreativität erlebt, mit dieser ja völlig ungewohnten Situation umzugehen. Da habe ich gedacht: "Ja, genau hier vor Ort, da lebt Kirche, da lebt Gemeinde und all die mittleren und oberen Ebenen müssen sich klar werden: Sie haben ihre Legitimation nur, indem sie dieser Arbeit der Gemeinden vor Ort dienen.

Wer genauer hinguckt, sieht, dass die Planungen für die Adventszeit und für Weihnachten schon angelaufen sind, nicht nur in den Gemeinden und Vereinen, inzwischen auch in den Bistümern und Landeskirchen. Es kommt ja eine Zeit, in der die Menschen eigentlich besonders eng zusammenrücken. Was kann Kirche da möglich machen, trotz der Abstandsgebote, damit Wärme, Austausch erlebt werden kann?

Ich nehme wahr, dass unheimlich viel und sehr kreativ überlegt wird, was man tun kann. Gleichzeitig muss man sich dabei mit der harten Realität der verschärften Hygiene-Vorschriften auseinandersetzen. Es gilt, die Standards, die für alle Veranstaltungen gelten, zu berücksichtigen. Das macht es schwierig - Sie sprachen ja gerade von Nähe und Wärme - aber die Situation bringt uns vielleicht dazu, wirklich noch einmal inne zu halten, was der eigentliche Sinn von Weihnachten, von Advent ist. Natürlich wäre es schön, auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen. Aber wenn wir Wege finden, auch jenseits der kirchlichen Veranstaltungen, diese Zeit als Chance für die sich nahe stehenden Menschen zu nutzen, vielleicht werden wir dann irgendwann zurückblicken und sagen: Es war zwar wahnsinnig anstrengend, aber es hat auch deutlich werden lassen, was wir in den Jahren davor vielleicht vor lauter Konsum vernachlässigt haben.

Es gibt ja diese christliche Übung, eine Krise auch als Herausforderung zu begreifen und zu gucken, was da vielleicht als Aufgabe drinsteckt. Es könnte also auch für die Kirchen, aber nicht nur für die Kirchen, für jeden Einzelnen eine Aufgabe sein, rauszufinden, was diese Advents- und Weihnachtszeit unter Corona-Bedingungen vielleicht als Botschaft bereithält?

Das ist richtig. Aber man muss immer aufpassen, dass man nicht in so einen Vertröstungssprech hineingerät. Den man von schlechten Beerdigungs-Ansprachen oder schlechten Seelsorgegesprächen im Krankenhaus kennt, nach dem Motto: "Es wird schon werden. Die Krise ist für dich eine Chance." Denn es kann wirklich sein, dass für den einen, die andere von uns diese Krise nicht zu einem guten Ausgang führt, dass man am Ende traumatisiert dasteht, dass die eigene wirtschaftliche Existenz den Bach runtergegangen ist. Das muss man in aller Nüchternheit und auch in aller Ängstlichkeit so sagen und zulassen und nicht falsche Hoffnungen nähren.

Und gleichzeitig gibt es mit dem christlichen Glauben - und das wird vielleicht anderen auch so gehen, die ihr Leben durch Literatur, durch bildende Kunst, durch Musik oder eine Kombination aus allem geprägt sehen: Es gibt eine Hoffnungsdimension in unserem Leben, die Christinnen und Christen vor allen Dingen mit der biblischen Botschaft verbinden, dass das, was ist, nicht alles ist, dass man auch wider alle Hoffnungslosigkeit die Hoffnung nicht fahren lässt.

Also ich bin nicht unbedingt optimistisch, aber ich bin hoffnungsfroh.

Vielen Dank, Herr Professor Peter Dabrock.

Das Gespräch führte Mechthild Baus, MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Oktober 2020 | 19:00 Uhr