Der Osten - Entdecke wo du lebst | 08.10.2019 | In der Mediathek ansehen Der Klang der Freiheit – Neue Glocken für St. Nikolai

Sie ist mit ihren über 850 Jahren die älteste Kirche der Messestadt und eine der bekanntesten in Deutschland: Der Mythos der Nikolaikirche begann vor 30 Jahren mit den epochalen Veränderungen, die hier ihren Ursprung hatten: der gewaltlose Protest gegen einen gewalttätigen Staat.

Ankunft des neuen, feierlich geschmückten Geläuts auf dem Nikolaikirchhof nach einem Umzug über den Leipziger Ring 45 min
Ankunft des neuen, feierlich geschmückten Geläuts auf dem Nikolaikirchhof nach einem Umzug über den Leipziger Ring Bildrechte: MDR/Schulz/Wendelmann Film

Der Osten - Entdecke wo du lebst Di 08.10.2019 21:00Uhr 44:38 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

2019 steht die Nikolaikirche aus verschiedenen Gründen im Fokus. Nach über 100 Jahren soll sich der "Sound" des Gotteshauses verändern. Statt der bisher vorhandenen drei Glocken erhält die Kirche ein neues Geläut mit acht Glocken, darunter die große, sechs Tonnen schwere Osanna.

1452 erhielt St.Nikolai mit der Osanna ihre erste Glocke. Verziert mit Darstellungen des gekreuzigten Jesus und der vier Evangelisten, des heiligen Martin und des Schutzpatrons dieser Kirche, des heiligen Nikolaus. Osanna ging durch Einschmelzen im ersten Weltkrieg verloren.

Bei ihrem Aushub , im Jahr 1917 passierte damals ein Unglück: das Seil riss und die tonnenschwere Osanna stürzte in die Tiefe. Niemand wurde verletzt, doch galt es viele Jahrzehnte lang als ein schlechtes Zeichen. Erst jetzt kann diese Wunde in der Geschichte der Nikolaikirche geschlossen werden.

Nikolaikirche
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir haben natürlich versucht, die auf ihrem Fachgebiet jeweils besten Leute herzubekommen. Trotzdem ist es natürlich nie ganz ausgeschlossen, wir haben immer noch das eine Bild von 1917 vor Augen, als die Glocke bei der Abnahme abgestürzt ist und sich einen halben Meter tief in den Fußboden gegraben hat. Solche Dinge kommen natürlich vor aber wir hoffen alle, dass wir davor gefeit sind.

Roy Kreß, Glockensachverständiger
Nikolaikirche 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Glockengießerei Bachert in Neunkirchen bei Heidelberg: Hier wurden auch die neuen Glocken für Sankt Nikolai gegossen.

Mi 04.09.2019 12:04Uhr 02:28 min

https://www.mdr.de/entdecke/video-334066.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Die MDR-Dokumentation begleitet den Prozess der Entstehung der Glocken, ihre Planung, Fertigung und die schwierige Montage vor Ort. Erzählt wird auch die traditionsreiche Geschichte der Glockengießereien im thüringischen Apolda. Dort wurden über 150 Jahre lange tausende Glocken hergestellt, die sowohl in der mitteldeutschen Region, als auch in der ganzen Welt eine Heimat fanden. In der Leipziger Nikolaikirche stammen die drei Bestandsglocken aus Apolda, die restlichen fünf neuen wurden in Baden-Württemberg gegossen.

30 Jahre Friedliche Revolution

Doch es geht in der Doku nicht nur um das Glockenprojekt: Den 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution greift der Film ebenso auf. Zu Wort kommen Akteure der Ereignisse im Herbst 1989 mit ihren bislang wenig bekannten Geschichten.

Etwa der westdeutsche Fotograf Armin Wiech, der am 4. September 1989 Aufnahmen machte, die später um die Welt gingen. Er drückte den Auslöser, als auf dem Nikolai-Kirchhof friedliche Demonstranten brutal von Stasi-Mitarbeitern attackiert wurden.

Was haben wir für ein Schwein gehabt, und die Welt schaut auf uns und sagt, guckt mal, die Deutschen haben das so gemacht. Könnten wir eigentlich auch so machen. Ja, aber passt ein bisschen auf, das ist trotzdem eine haarige Angelegenheit meines Erachtens.

Armin Wiech

"Keiner wird gehalten sein, zu singen.."

Oder Thomas Hauf, der als angestellter Tontechniker im Leipziger Rathaus am 9. Oktober 1989 heimlich die Reden des damaligen Oberbürgermeisters und seiner Genossen mitschnitt. Diese hatten den verzweifelten Plan, die Nikolaikirche zu den Friedensgebeten mit linientreuen Genossen zu "besetzen".

Parteigenosse Erwin Heger erklärte damals den Anwesenden seinen Plan:

Es ist dabei daran gedacht, dass wir die Plätze einnehmen, die sonst andere einnehmen. Wir versuchen uns dem anzupassen, was sich dort vollzieht. Dabei wird keiner gehalten sein zu singen, zu beten, aber wenn die anderen aufstehen, stehen wir auch auf.

Erwin Heger

An jenem berühmt gewordenen 9. Oktober half auch dieser verzweifelte Versuch nicht mehr, die Demonstranten aufzuhalten, die sich nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche zu Zehntausenden auf dem Ring versammelten. Das "Wunder von Leipzig" nahm seinen Lauf und ging in die Geschichte ein.

Kirche heute

Bekannte Bürgerrechtler von damals, wie Gesine Oltmanns oder der heutige Nikolaiküster Matthias Müller reflektieren noch einmal die Geschehnisse von 1989, sehen jedoch die Kirche auch heute in der Pflicht, aktuellen Protesten - etwa zum Klimawandel - genügend Raum zu geben.

Nikolaikirche
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich erwarte von meiner Kirche, dass sie den Menschen deutlich sagt, ihr könnt euch jetzt in dieser Zeit einbringen! Ja, die Schüler machen es uns vor, wie es geht. Fridays for future. Ich bin ganz glücklich: meine Kinder haben von sich aus spontan angefangen was zu malen. "Wir haben keine zweite Erde" und sowas. Also das war ganz toll.

Nikolaiküster Matthias Müller

Preview zum Film "Der Klang der Freiheit – Neue Glocken für St. Nikolai"
am Dienstag, 1. Oktober 2019,
im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig
Grimmaische Straße 6
04109 Leipzig
Beginn 18.30 Uhr | Einlass ab 18.00 Uhr

Im Anschluss gibt es eine Podiumsdiskussion über die Bedeutung der Nikolaikirche während der friedlichen Revolution.

Teilnehmer:
Dr. Hans-Joachim Döring, Mitinitiator der Friedensgebete in der Nikolaikirche
Pfarrer der Nikolaikirche Bernhard Stief
Theologe Friedrich Magirius
Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns
Moderation: Thomas Bille

Stichwort: St. Nikolai St. Nikolai zu Leipzig gilt als der größte und älteste noch erhaltene Kirchenbau in Leipzig. 850 Jahre alt soll sie sein - erbaut im 12. Jahrhundert. Damals, im Jahre 1165, bekam Leipzig das Stadt- und Marktrecht von Markgraf Otto dem Reichen von Meißen zuerkannt. Mit Stadtgründung wurde auch der Grundstein für St. Nikolai gelegt.

Gewölbesteine, die bis heute im Westturm erhalten sind, zeugen von dem romanischen Vorgängerbau - einer Basilika. Leipzig lag damals an der Kreuzung der beiden Handelsstraßen Via Regia und der Via Imperii.

Durch den Handel blühte Leipzig rasch auf, wuchs und wurde bald zur größten Stadt im Kurfürstentum Sachsen. Die Kirche wurde zu klein. Um den neuen Erfordernissen aber auch dem Reichtum der Stadt und Bürger Rechnung zu tragen, wurde St. Nikolai im frühen 16. Jahrhundert zu einer imposanten, gotischen Hallenkirche ausgebaut.

Nach dem Tod des sächsischen Herzogs Georg des Bärtigen im Jahre 1539 hielt die Reformation nun auch in Leipzig Einzug. Der erste evangelische Superintendent Johannes Pfeffinger, guter Freund Luthers und Melanchthons, veränderte in deren Sinne die Kirche: Die Verkündung des Wortes Gottes sollte ab jetzt im Mittelpunkt stehen.

Aber in St. Nikolai wurde auch Musikgeschichte geschrieben: Als in Leipzig die Stelle des Thomaskantors frei wurde, bewarb sich auch Johann Sebastian Bach um dieses Amt. 1723 trat er dieses an. 27 Jahre, bis zu seinem Tod 1750, blieb Bach in Leipzig. Die Nikolaikirche erlebte seine erste Kantatenaufführung, die Johannespassion wurde hier uraufgeführt, genauso wie die Kantaten des Weihnachtsoratoriums.

Das Innere der Kirche entspricht heute nicht mehr dem Eindruck, wie ihn Bach vor sich gehabt hat. Sie ist seit 1797 ein klassizistischer Raum.

Mehr zum Thema:

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 13:32 Uhr