Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche

Zur Erinnerung an den 9. Oktober 1989

Mit einem besonderen Friedensgebet wurde am 9. Oktober in der Leipziger Nikolaikirche an die Friedliche Revolution vor 30 Jahren erinnert. "Es bleibt ein Grund zu großer und tiefer Freude, dass die Diktatur der SED und ihre auf Lüge und Angst gegründete Macht durch Bürgermut und friedliche Aktionen zum Einsturz gebracht wurde", sagte Nikolaikirchen-Pfarrer Bernhard Stief beim Friedensgebet. In dem Gottesdienst, an dem auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilnahm, wurde auch das sanierte Geläut des historischen Gotteshauses in Dienst genommen.

Erinnerung hilft

In seiner Predigt rief Henker dazu auf, das 1989 Erreichte nicht zu vergessen:

Wenn Rassisten, Antisemiten und Wahrheitsverdreher sich rühmen, wie groß ihre Akzeptanz inzwischen geworden sei, dann hilft auch Erinnerung. Angst und Lügen und Hass werden nicht das letzte Wort haben.

Superintendent Martin Henker

Nikolaikirchen-Pfarrer Bernhard Stief sagte, die Demonstranten vom 9. Oktober hätten "grundlegend unser Land verändert": "Dafür wollen wir heute Danke sagen."

In Gedanken bei den Opfern und deren Angehörigen in Halle

Mit Blick auf die Geschehnisse im benachbarten Halle, wo am Mittwoch zwei Menschen erschossen wurden, erklärte Stief: "Dass das in der Nähe einer Synagoge geschah, und das auch noch am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur, lässt böse Gedanken wachwerden." Die Gemeinde sei in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen.

"Sind wir noch zu retten? – Widerstand leisten und Hoffnung verbreiten"

Ausgehend von mehreren evangelischen Kirchen hatten in Leipzig am 9. Oktober 1989 rund 70.000 Menschen friedlich gegen die SED-Diktatur demonstriert. Das Ereignis gilt heute als entscheidende Wegmarke der Friedlichen Revolution in der DDR. Zeugnisse heutigen Engagements für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung kamen während des Gottesdienstes von Vertreterinnen dreier Initiativen; von der Jüdisch-Christlichen Arbeitsgemeinschaft Leipzig, Fridays for Future Leipzig und vom Dresdner Seenotrettungsverein "Mission Lifeline", der seit 2017 auf dem Mittelmeer aktiv ist und über 1.100 Menschenleben retten konnte.

Herbst '89: "Erfüllt von Angst und Entschlossenheit"

In vier Innenstadtkirchen von Leipzig fanden am 9. Oktober 1989 Friedensgebete statt. Der in diesem Jahr verstorbene Pfarrer der Reformierten Kirche, Hans-Jürgen Sievers, schrieb damals in sein Stundenbuch: "Die Situation in den Gottesdiensten war einmalig. Auf jedem nur möglichen Platz saßen, standen, drängten sich die Menschen. Sie standen auf den Treppen zu den Emporen, in den Eingängen und hinaus auf die Straße. Es herrschte eine atemlose Stille und gespannte Aufmerksamkeit. Erfüllt waren die vielen Gottesdienstbesucher gleichzeitig von Angst und großer Entschlossenheit, entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen und trotzdem auf die Straße zu gehen, gleichzeitig hatten sie Angst vor den Folgen."

Osanna-Geläut künftig auch am 9. Oktober

Mit dem Friedensgebet in der Nikolakirche am 9. Oktober 2019 wurde zugleich eine Kriegswunde der Kirche geschlossen. Nach über 100 Jahren erklang wieder die große Glocke der Nikolaikirche, die während des Ersten Weltkrieges eingeschmolzen worden war. Konzipiert wurde ein neues Geläut, das nunmehr aus acht Glocken besteht. Die große Osanna soll künftig nicht nur an den hohen Festen des Kirchenjahres erklingen, also an Weihnachten, Ostern und Pfingsten, sondern auch am 9. Oktober mit allen anderen Glocken am Ende des Friedensgebets.