Seelsorge in Zeiten der Pandemie "Klagezeit": Warum zwei Leipziger Kirchen zum Klagen einladen

Die Pandemie belastet viele Menschen. Zeit und Raum, seine Sorgen loszuwerden, bietet nun eine ökumenische Andachtsreihe in Leipzig. Dass die Klage eine alte jüdisch-christliche Tradition ist, zeigt ein Blick in die Bibel. Kerstin Menzel vom Institut für praktische Theologie der Universität und Pfarrer Gregor Giele von der Leipziger Propsteikirche erklären, warum sie gerade jetzt in einem "Klageforum" immer freitags wiederaufleben soll.

Pfarrer Gregor Giele
Pfarrer Gregor Giele in der Leipziger Propsteikirche Bildrechte: dpa

Die Leipziger Propsteikirche an einem Freitagnachmittag im Januar: Rund 25 Gläubige haben sich versammelt, um eine neue Art der Andacht zu feiern. "Klagezeit" nennt sich das Format, das vom Institut für praktische Theologie an der Universität Leipzig erdacht wurde.

Klage hören, Trost spenden

Hände beim Gebet
Hören, Schweigen, Beten Bildrechte: dpa

Kerstin Menzel ist Mitarbeiterin am Institut, evangelische Pfarrerin und eine der Ideengeberinnen: "Ich glaube, diese Idee speist sich aus dem großen Bemühen, den Menschen in dieser Situation als Kirche Trost und Kraft zu geben. An manchen Stellen ist uns das, was davor stehen sollte, aber zu kurz gekommen: Nämlich das genaue Hinhören und das Klagen darüber, was schwer ist." Es geht Menzel darum, der Trauer und der Wut Raum zu geben und sie auszuhalten. Gregor Giele, der in der Propsteikirche der Hausherr ist, war sofort begeistert von der Idee. Das Klagen werde auch im Alltag immer stärker, sagt Giele, weil nicht absehbar sei, ob die Maßnahmen gegen die Pandemie etwas brächten bzw. wie lange sie noch dauerten. Das erschöpfe die Menschen, betont Giele:

Es ist eine alte Tradition, schon im Alten Testament, die Klage zu Gott hin zu tragen. Das ist besser, als dass sich Menschen gegenseitig klagen. Das wird nämlich ganz schnell zum An- und Verklagen.

Gregor Giele Leipziger Propsteikirche

Ökumenische Andacht in Propstei- und Peterskirche bis Karfreitag

Deshalb wird nun jeden Freitagnachmittag bis Karfreitag eine Klagezeit-Andacht stattfinden. Und zwar entweder in der katholischen Propsteikirche oder ein paar hundert Meter weiter in der evangelischen Peterskirche. Denn das Ganze ist ein ökumenisches Projekt des Instituts für Liturgiewissenschaften sowie der katholischen und der evangelische Kirche.

Propsteikirche in Leipzig, im Hintergrund das Neue Rathaus
Propsteikirche vor dem Neuen Rathaus in Leipzig Bildrechte: dpa

Bei den Andachten sollen möglichst unterschiedliche Menschen sprechen und ihre Klagen artikulieren: "Uns ist ganz wichtig, dass wir die riesige Spannweite der von der Corona-Pandemie Betroffenen abbilden: Also auch die im Home-Schooling ziemlich herausgeforderten Eltern, Menschen die in ihrer materiellen Existenz direkt bedroht sind oder die mit der Krankheit direkt zu tun haben. Das ist endlos, wir müssen ja bis zu den Lieferando-Radfahrern denken, die jetzt einen riesigen Stress haben."

Zum Auftakt waren es eine Krankenschwester und der Sänger David Erler, der über die Sorgen der freischaffenden Künstler sprach.

So viele Menschen gehen zur Zeit bis an den Rand ihrer Kräfte. Sie nehmen es mit dem Virus auf. Dennoch bleibt etwas übrig: der Schmerz, die Not, die erlebten persönlichen Grenzen.

Gregor Giele Leipziger Propsteikirche

Zweifel und Klage gehören zum Glauben

Bei der Andacht gibt es die Möglichkeit, die eigenen Klagen aufzuschreiben und anonym in einer "Klage-Wand" vor dem Altar zu hinterlassen – eine Tradition, die man vor allem aus dem Judentum kennt.

Eine Teilnehmerin des 27. Deutschen Evangelischen Kirchentages steht 1997 vor einer 'Klagewand'.
Klagewände gibt es auch in der christlichen Tradition. Bildrechte: dpa

Auch im Christentum sei die Klage keineswegs Zeichen eines schwachen oder schwankenden Glaubens, erklärt der Liturgie-Wissenschaftler und Mitinitiator an der Universität Leipzig, Alexander Deeg: "Ich würde es fast eher umdrehen und sagen, wer nie klagt und nie zweifelt, wer weiß, wie fest dessen Glaube tatsächlich sein kann? Ich würde sagen: Genau die Klage, genau die Wendung an Gott mit allem, was mich beschäftigt, gerade der Zweifel gehört unmittelbar dazu." Zudem seien Kirchen auch Orte der öffentlichen Trauer.

So wird es jeden Freitag um 17 Uhr in Leipzig – seit dem 22. Januar auch im Internet per Livestream – Raum und Zeit für diese Seite des Glaubens geben. Denn nur, wo die Klage zugelassen wird, kann Hoffnung keimen.

"Klagezeit" in Leipziger Peters- und Propsteikirche, freitags, 17 Uhr & via Livestream Ökumenische Andachtsreihe
Bis Karfreitag, 2. April 2021

Da wegen der Pandemie-Beschränkungen nur wenige Menschen in der evangelischen Peterskirche bzw. der katholischen Propsteikirche zur "Klagezeit" vor Ort sein können, gibt es ein Online-Format unter klagezeit-leipzig.de.
Auf der Internetseite findet sich eine "digitale Klagemauer".

Hingewiesen wird dort auch auf die Möglichkeit, die Telefonseelsorge in Anspruch zu nehmen:
Seelsorgetelefon der Propstei-Gemeinde (tagsüber):
0341 / 35 57 28 11 und 0176 / 26 46 62 59

Telefon-Seelsorge bundesweit:
0800 1110 111 oder 0800 1110 222
E-Mailberatung: www.telefonseelsorge.de

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