Von der Eremitenklause zum Pilgerort Himmelfahrt in der DDR: Wie die Männerwallfahrt zum Klüschen Hagis enstand

Wallfahrten gibt es seit vielen Jahrhunderten und auf der ganzen Welt. Gläubige suchen darin Rückhalt und Gemeinschaft. Die Idee zur Männerwallfahrt von Klüschen Hagis im Eichsfeld geht allerdings zurück auf DDR-Zeiten!

Rund 12.000 Wallfahrer feiern am 21.05.2009 zu Christi Himmelfahrt auf der Wiese des Wallfahrtsortes Klüschen Hagis bei Wachstedt im Eichsfeldkreis die traditionelle Männerwallfahrt.
Wallfahrer in Klüschen Hagis im Eichsfeld Bildrechte: dpa

Die Idee zur Wallfahrt entsteht in einer kleinen Gruppe von Männern um den katholischen Seelsorger Ernst Göller im Jahr 1956. Da der Himmelfahrtstag in der DDR zunehmend seine religiöse Bedeutung verliert, wollen die Männer mit der Wallfahrt zu Himmelfahrt einen deutlichen Akzent setzen. 1957 findet die erste Männerwallfahrt statt, an der über 10.000 Männer teilnehmen.

Öffentliches Glaubensbekenntnis im atheistischen Staat

Von Beginn an steht die Wallfahrt für den Willen katholischer Männer, ihren Glauben auch unter dem wachsenden staatlichen Einfluss zu bekennen. Schnell entwickelt sich das öffentliche Glaubensfest zu einem wichtigen Ereignis für Katholiken aus der gesamten ehemaligen DDR. Doch schon 1968 muss die Männerwallfahrt erstmals am Sonntag nach Himmelfahrt stattfinden, da in der DDR einige kirchliche Feiertage - darunter auch Christi Himmelfahrt - als Feiertage abgeschafft werden.

Bischof Joachim Wanke, 1990
Bischof Joachim Wanke, 1990 Bildrechte: dpa

Im Zentrum der Wallfahrt stehen die Predigten der Bischöfe. In der DDR erwarten die Männer von ihren Bischöfen vor allem offene Worte zu brisanten Fragen und eine Bestärkung im Leben. Die Bischöfe sprechen die gesellschaftliche Lage der Kirchen an, thematisieren die atheistische Erziehung und die antireligiöse Propaganda. Sie sprechen über Themen der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Sie sagen öffentlich Nein zu Nötigungen zum Kirchenaustritt, zu Auffassungen gegen den Glauben und das Gewissen und zu staatlichen Organisationen und Weihen.

Damit steht die Wallfahrt unter besonderer Aufmerksamkeit der Staatssicherheit. Vor jeder Wallfahrt ist ein Antrag bei der Deutschen Volkspolizei auf "Erteilung einer Erlaubnis für die Durchführung einer Veranstaltung im Freien" zu stellen. Dass die Männerwallfahrt dennoch alljährlich stattfindet, erstaunt. Zur politischen Wende 1990, bezieht Bischof Joachim Wanke Position und ruft die Gläubigen zu Versöhnung und Besonnenheit auf.

Nach 1990 behält die Wallfahrt zu Himmelfahrt ins Klüschen Hagis unter katholischen Männern und Frauen ihre Popularität. Die Pilgerfahrt im katholisch geprägten Eichsfeld ist laut Bistum eine der größten in der Region Nord- und Ostdeutschland.

Von der Eremitenklause zum Pilgerort

Die kleine katholische Wallfahrtskirche Klüschen Hagis im Eichsfeld, unweit der Burg Gleichenstein, zieht seit dem 16. Jahrhundert Pilger und Beter an. Zwischen den Jahren 1100 und 1300 wurde Klüschen Hagis als Dorfkirche des Ortes Neuenhagen, heute eine Wüstung, erbaut. Der Name, ursprünglich "Klus Hagis", bedeutet "kleine Klause des Hagens" und erinnert an die Eremitenklause, die von 1573 bis 1620 neben der heutigen Kirche stand. In der Kirche befindet sich eine Pieta aus dem 13. Jahrhundert, ein  Gnadenbild mit besonderer Bedeutung für die Gläubigen. 

Über die Sommermonate finden alljährlich verschiedene Wallfahrten zum Klüschen statt. Die größte Wallfahrt ist die Männerwallfahrt am Himmelfahrtstag, zu der tausende Katholiken aus der Region nach Klüschen Hagis strömen. Sie ist noch nicht so alt. Und doch prägt sie, wie keine andere, von den 1960er-Jahren bis heute den tiefen Katholizismus der Region. Jahr für Jahr treffen sich dort am Sonntag nach Himmelfahrt bis zu 20.000 Gläubige.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Thüringen Journal | 30. Mai 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2019, 10:16 Uhr