Interview (2015) "Durch den Ramadan wird Alltägliches wieder zu etwas Besonderem"

Gläubige Muslime verzichten im Ramadan 30 Tage lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Speisen und Getränke, auf Rauchen und körperliche Liebe. Die Leipzigerin Steffi Madih, die 2010 zum Islam konvertierte, gab uns zu Ramadan und Fastenbrechen Auskunft.

MDR: Sie wurden in der DDR geboren, haben einen Marokkaner geheiratet und sich entschieden, zum Islam zu konvertieren. Wie lernen Sie die Regeln Ihrer neuen Religion?

Madih: Das Wissen über die Religion lerne ich in erster Linie über Gespräche mit meinem Mann. Er hat mir damals auch gezeigt, wie man das Gebet macht. Aber ich habe auch den Unterricht in der Moschee besucht. Ansonsten bestelle ich mir auch Bücher im Internet und schaue Videos von Gelehrten des Islams im Fernsehen oder Internet an.

Welche Bedeutung hat das Fasten allgemein?

Steffi Madih in Interview
Steffi Madih gibt Auskunft, wie man den Ramadan durchhält. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt im Islam fünf Säulen, die für einen Muslim die Basis der Religion darstellen. Das Fasten im Ramadan ist eine Säule davon. Die anderen Säulen sind das Glaubensbekenntnis, die täglichen fünf Gebete, das Spenden und die Pilgerreise nach Mekka. Darüber hinaus kann man noch freiwillig fasten. Unser Prophet Mohamed hat z. B. jeden Montag und Donnerstag gefastet.

Für die Bedeutung des Fastens gibt es auch im Quran einige Erklärungen. So steht im Koran folgendes über das Fasten: "O die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, so wie es denjenigen vor euch vorgeschrieben war, auf daß ihr gottesfürchtig werden möget." (2. Sure, 183. Ayat). Es war also auch den anderen Gläubigen, wie den Christen und Juden vorgeschrieben zu fasten. Der Glaube an Allah soll durch das Fasten gefestigt und gestärkt werden. Weiter heißt es in den folgenden Ayat: "Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur'an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klare Beweise der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch während dieses Monats anwesend ist, der soll ihn fasten (...), und Allah als den Größten preist, dafür, dass Er euch rechtgeleitet hat, auf dass ihr dankbar sein möget."

Wie begehen Sie den Ramadan, für den es sehr strenge Regeln gibt?

"Strenge Regeln" - das ist relativ. Der Ramadan ist eine körperliche und mentale Disziplinierung. Körperlich in dem Sinne, dass man durch das Nicht-Essen und Nicht-Trinken immer wieder daran erinnert wird, dass man Muslim ist. Auf Essen und Trinken zu verzichten, finde ich nicht wirklich schwer. Es hilft mir bei der Umsetzung der mentalen Disziplinierung, die ich viel schwerer finde. Mental in dem Sinne, dass ich versuche mich charakterlich von meiner besten Seite zu zeigen. Also dass ich hilfsbereit bin, dankbar bin, anderen verzeihen kann, wenn sie Fehler machen und vieles mehr.

Fasten ist eine existenzielle Erfahrung. Was lernt man daraus? Hat sich Ihre Einstellung dazu im Lauf der Zeit verändert, wenn ja, wie?

Die Leipzigerin Steffi Madih konvertierte 2010 zum Islam.
Steffi Madih, Leipziger Muslima Bildrechte: Steffi Madih

Ganz so extrem würde ich das Fasten nicht einschätzen. Klar ist es an besonders heißen Tagen, wie es sie in Marokko gibt, nicht ganz so einfach. Aber noch bevor ich Muslima war, habe ich mal aus Neugierde einen Tag probiert zu fasten und ich fand es schön. Dann habe ich auch den nächsten Tag gefastet und das war auch okay. Und so habe ich meinen ersten Ramadan im heißen Marokko gefastet, ganz ohne gläubig zu sein.

Jetzt als Muslima hat das Fasten natürlich eine andere Bedeutung für mich. Ich mache es, weil Allah es so vorgesehen hat und man dafür Belohnung bekommt. Durch das Fasten selbst habe ich vielmehr Zeit andere Dinge zu tun. Man ist nicht ständig mit Essen, Essen vorbereiten und Töpfe abwaschen beschäftigt. Das finde ich gut. Wenn der Tag vorbeigeht und man sich zum Fastenbrechen am Tisch versammelt, freut man sich darauf, wieder etwas trinken und essen zu dürfen. Durch den Ramadan wird etwas ganz Alltägliches und Normales wieder etwas Besonderes. Man lernt das Essen zu schätzen. Das finde ich sehr schön.  

Gefastet wird auch an sehr heißen Tagen. Das wird besonders schwer für die Fastenden, da Trinken tagsüber nicht erlaubt ist. Wie ist das zu schaffen?

Das habe ich mich damals auch gefragt. Deshalb habe ich es einfach mal ausprobiert, weil ich es auch nicht glauben konnte, dass man den ganzen Tag ohne Trinken aushalten kann. Wenn man aber nichts isst, dann hat man auch nicht so ein Durstgefühl, weil ja kein Salz aufgenommen wird, was den Durst mit verursachen kann. Als ich damals noch als Sportlehrerin gearbeitet habe, war es manchmal nicht ganz so einfach, aber es war machbar. Mit der richtigen Einstellung und dem Glauben, dass man das richtige tut, geht vieles leichter. Für Kranke, Reisende, Schwangere, Stillende Mütter und Kinder ist das Fasten keine Pflicht. Ihnen ist es freigestellt. Im Koran steht dazu folgendes: "Vorgeschrieben ist es euch an bestimmten Tagen. Wer von euch jedoch krank ist oder sich auf einer Reise befindet, der soll eine gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten. Und denjenigen, die es zu leisten vermögen, ist als Ersatz die Speisung eines Armen auferlegt. Wer aber freiwillig Gutes tut, für den ist es besser. Und dass ihr fastet, ist besser für euch, wenn ihr es nur wisst!" (2. Sure, 184. Ayat)

Für das Fasten gibt es einen minutengenauen, ortsabhängigen Plan. Gefrühstückt wird nicht selten halb vier am Morgen. Ist das mit dem Alltag vereinbar?

Ja. Man gewöhnt sich daran. Man steht ja sowieso um diese Zeit auf, um das tägliche Frühgebet zu machen. Im Ramadan steht man dann eben eine halbe Stunde früher auf, um noch eine Kleinigkeit zu essen bevor man das Gebet macht. Mein Mann arbeitet abends in der Zeit zum Fastenbrechen mit einer Sportgruppe. Er nimmt sich dann ein paar Datteln und etwas Wasser mit. Später wenn er dann nach Hause kommt isst er noch ein Bisschen und geht dann schlafen. So habe ich das damals auch auf Arbeit gemacht. Das ist kein Problem.

Der Ramadan endet mit dem Fastenbrechen, ein Fest, das mit der ganzen Familie über drei Tage gefeiert wird. Können Sie uns mehr darüber erzählen? Wie läuft das Fest ab?

Das Fastenbrechenfest oder auch "Aid al Fitr" genannt, ist neben dem Opferfest etwas ganz besonderes für die Muslime. Die Kinder bekommen neue Sachen geschenkt, man spendet für die Armen und geht danach zum gemeinsamen Gebet unter freiem Himmel. Dieses Gebet in der Gemeinschaft ist für alle Pflicht. Es wird auch eine Rede vom Imam gehalten. Danach gratuliert man sich gegenseitig. Man bleibt dann noch eine Weile in der Moschee und isst miteinander Frühstück. Die drei Feiertage werden dann dazu genutzt, um die Familie und Verwandten zu besuchen. Ähnlich wie das zu Weihnachten auch hier in Deutschland der Brauch ist. 

Das Fasten ist auch ein Zeichen der Solidarität unter Muslimen. Erleben Sie das hier auch als gesellschaftliches Ereignis? In der Gemeinde, in Marokko?

Als ich damals in Marokko den Ramadan verbracht habe, war es schon eine andere Stimmung. In Marokko ist tagsüber nicht wirklich viel los. Aber abends nach dem Fastenbrechen kommt wieder Leben in die Straßen. Die Moscheen sind gefüllt zum Nachtgebet, was man freiwillig, besonders im Ramadan macht. Auf den Straßen hört man überall die Klänge des Qurans aus den Moscheen. Das ist ein sehr schönes Erlebnis. Hier in Deutschland hat man außer, wenn man in die Moschee geht, nicht das Gefühl, das Ramadan ist. Aber ich genieße die Zeit trotzdem.

Über Steffi Madih Steffi Madih, heute Mitte 30, ist verheiratet und hat zwei Kinder. 2010 hat sie in Leipzig ihr Diplomstudium als Lehrer für Rehabilitationssport abgeschlossen. Danach hat sie knapp zwei Jahre als Sporttherapeutin in einer Reha-Einrichtung in Augsburg gearbeitet. Zum Islam konvertierte sie Ende 2010.

Der Ramadan Im Ramadan wurde der Überlieferung zufolge der Koran herabgesandt. Deshalb steht dieser Monat ganz im Zeichen der inneren Einkehr, des sozialen Engagements und der persönlichen Läuterung. Um sich auf all das besser konzentrieren zu können, fasten die Muslime während dieser Zeit. Ganze 30 Tage lang sind sie in jederlei Hinsicht enthaltsam: Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang essen und trinken sie nichts und verzichten darauf, zu rauchen und Sex zu haben.

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 11:09 Uhr