Neue Tora-Rolle für Jüdische Gemeinde Erfurt Im Anfang war das Wort: Sofer schreibt ersten Buchstaben einer Tora

Es ist ein ganz besonderes Geschenk, das die beiden großen christlichen Kirchen in Thüringen diese Woche der jüdischen Landesgemeinde Thüringen übergeben haben: Eine Tora-Rolle. Sie wird komplett per Hand geschrieben, 304.805 Buchstaben. Und die schreibt ein speziell dafür ausgebildeter Tora-Schreiber. Den ersten Buchstaben hat er im Oktober 2019 in einer feierlichen Zeremonie in der neuen Synagoge in Erfurt geschrieben.

Erfurt: Der Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov (r) und Friedrich Kramer (l), Landesbischof der EKD, stehen beim Schreiben der ersten Buchstaben auf einer neuen Tora-Rolle nebeneinander auf der Kanzel in der Neuen Synagoge.
Der Berliner Rabbiner Reuven Yaacobov (r) und Friedrich Kramer (l), Landesbischof der EKD. Bildrechte: dpa

Trotz der vielen Menschen herrscht Stille in der Synagoge, hoch konzentriert steht der Rabbiner Reuven Yaakobov über der blanken Tora Rolle - zeichnet den ersten Buchstaben. Immer wieder taucht er die Feder in ein Tintenfass und schreibt. Langsam entsteht auf dem Pergament der erste Buchstabe: Ein B. Denn das erste Wort in der Tora lautet "bereschit" und bedeutet "im Anfang". Ein besonderer Moment für Yaakobov, der auch den Rest der Tora schreiben wird. Denn er ist ein speziell ausgebildeter Schreiber, ein sogenannter "Sofer".

Das ist heilige Arbeit, [...] ich schreibe einfach Gottes Wort. Und wenn man Gottes Wort schreibt, sitzt man nicht in dieser Welt. Das ist wie ein Paradies, wir nehmen die physischen Sachen und wandeln das in geistliche Sachen um. Man spürt eine Verbindung zwischen dieser Welt und einer anderen Welt. Manche machen dann Yoga und ich schreibe die Tora.

Reuven Yaakobov

Seine erste Tora hat er mit 18 Jahren geschrieben. Inzwischen ist er 42 und schreibt seine 30. Tora. Yaakobov folgt dabei immer ganz strikten Regeln: So muss das Pergament zum Beispiel von Hand aus der Haut von reinen Tieren wie Rind, Ziege oder Reh gefertigt sein. Das Schreibwerkzeug ist ein Vogelkiel von Gans oder Truthahn und die Tinte darf keine Metallzusätze enthalten - denn aus Metall werden Waffen produziert. Für das Schreiben einer Tora braucht Yaakobov ungefähr zwei Jahre.

Man darf keinen einzigen Fehler machen, deswegen, bevor wir anfangen zu schreiben, wissen wir schon die ganze Tora-Rolle auswendig. Aber wir dürfen die Tora-Rolle nicht aus dem Kopf abschreiben, wir müssen es immer von einem Text abschreiben.

Reuven Yaakobov

Wie wichtig die Tora für die Juden ist, weiß auch der katholische Landesbischof Ulrich Neymeyr. Mit dem Geschenk einer Tora wollen die Evangelische Kirche Mitteldeutschland und das Bistum Erfurt auch ein Zeichen dafür setzen, wie eng Juden und Christen verbunden sind.

Wir haben ja einen sehr guten Kontakt zur jüdischen Landesgemeinde, treffen uns regelmäßig [...] und in einem dieser Gespräche ist uns die Idee gekommen, was können wir machen, um zu zeigen, dass wir uns über jüdisches Leben in Erfurt und in Thüringen freuen? Und es ist ganz schön, dass sich das auch hat realisieren lassen, auch dass ein Schreiber gefunden wurde, der dann immer wieder mal nach Erfurt kommt […].

Ulrich Neymeyr

Die Tora als Geschenk soll auch das Themenjahr "Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen" ab Oktober 2020 vorbereiten. Wenn die Schrift in zwei Jahren fast fertig ist, wird es passend zum Themenjahr noch mal eine Zeremonie mit dem Schreiben des letzten Buchstabens geben. Danach kann sie in den Gottesdiensten der jüdischen Landesgemeinde benutzt werden. Alexander Nachama, Rabbiner der jüdischen Landesgemeinde Thüringen, ist über das Geschenk sehr glücklich.

Es zeigt eben auch, weil ja eine Tora nicht etwas ist, was man eben mal so schnell kaufen kann, auch nichts ist, was wie ein Buch nach zwei, drei Jahren mal eben zur Seite gelegt wird. Sie ist etwas, was man wöchentlich liest, was zumindest für längere Zeit auch benutzt werden sollte, so lange wie eben alle Buchstaben lesbar sind.

Alexander Nachama

Durch die Beschaffenheit und die sorgfältigen Herstellung können die Buchstaben bei einer Tora sogar in mehreren hundert Jahren noch lesbar sein. Deshalb ist, so Rabbiner Nachama, die Tora-Rolle in gewisser Weise auch ein symbolisches Geschenk für die Zukunft der Juden in Thüringen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion & Gesellschaft | 27. Oktober 2019 | 08:15 Uhr