Bronzestatue des Aristoteles
Auch Aristoteles beschäftigte sich damit, was Tugend meint. Bildrechte: IMAGO

Erklärt Tugenden – Geschichte und Herkunft

Bronzestatue des Aristoteles
Auch Aristoteles beschäftigte sich damit, was Tugend meint. Bildrechte: IMAGO

Das deutsche Wort "Tugend" ist die "Übersetzung" des griechischen Ausdrucks "arete", im Lateinischen heißt er "virtus". Ursprünglich bedeutet "Tugend" so viel wie "Tauglichkeit/Tüchtigkeit" und bezeichnet den "sittlich vollkommenen Zustand als Grundlage oder als Ziel menschlichen Handelns". Das heißt, Tugenden sind Verhaltensnormen wie

  • Treue,
  • Zuverlässigkeit,
  • Wahrheit,
  • Gerechtigkeit,
  • Nächstenliebe,
  • Solidarität.

Frau hält Rettungsring mit der Aufschrift "Save me - Flüchtlinge aufnehmen!" und Pro Asyl-Logo
Ein Tugend: Nächstenliebe Bildrechte: IMAGO

Der Mensch ist für sein Tun und Handeln selbst verantwortlich. Das bedeutet: Tugend ist eine Fähigkeit, selbst etwas zu bewirken und durchzustehen. Allerdings geht es dabei nicht um ein Tun oder Lassen, sondern um eine "überaktuelle Wertantwort", um das "rechte Menschsein".

Tugend ist kein Maximierung, sondern eine Optimierung menschlichen Wirkens – und zwar bezogen auf die individuellen/persönlichen Möglichkeiten sowie auf die gesellschaftlichen Erfordernisse. Tugenden sind somit Formen des sittlich richtigen Verhaltens.

Viele Philosophen haben sich sowohl in der Antike als auch in der Neuzeit mit den Tugenden – oder besser dem, was Tugend meint – auseinandergesetzt. Aristoteles beispielsweise unterscheidet zwischen den dianoetischen (Verstandes-) Tugenden, also Tugenden der geistigen Haltung, und ethischen (begehrenden) Tugenden, die auf das Maß bzw. die Mitte zwischen einem Zuwenig und einem Zuviel abstellen. Für ihn ist Tugend eine gefestigte seelische Haltung, die man lernen und üben muss. Dabei ist es wichtig, immer wieder die Mitte zwischen zwei Extremen zu finden. Der Mensch kann – dank der Tugend – vernünftig mit seinem persönlichen Streben umgehen. 

Die vier Haupttugenden

So entwickeln sich aus dem antiken griechischen Erbe die vier Grund- oder Kardinaltugenden:

  • Klugheit (prudentia),
  • Mäßigkeit (temperantia),
  • Tapferkeit (fortitudo) und
  • Gerechtigkeit (iustitia).


Pindar (518-446) denkt sie aus den drei sogenannten Altersstufen des Mannes: Für den jungen Mann die Tapferkeit; für den Erwachsenen die Gerechtigkeit; für den Greis die Weisheit; allen Altersstufen kommt die Maßhaltung als Ziel zu. Platon wiederum ordnet sie den drei Grundfunktionen menschlicher Aktivität zu: der vernünftigen die Einsicht oder Weisheit, der mutigen die Mannhaftigkeit oder Tapferkeit, der triebhaft-begehrenden die Maßhaltung. Die Gerechtigkeit schließlich sorgt für das Zusammenwirken dieser drei Tugenden.

Theologische Tugenden

Im abendländisch-europäischen Christentum ist die Rede von den sogenannten theologischen  Tugenden:

  • Glaube (fides),
  • Hoffnung (spes) und
  • Liebe (caritas).


Und das, obwohl das Neue Testament eigentliche keine Tugendlehre kennt. Die darin aufgezeigten charakterlichen Vorzüge und Laster gehen auf spätjüdische Traditionen zurück. Dem endzeitlichen Charakter der Heilsbotschaft Jesu entsprechen die Grundhaltungen der Wachsamkeit, der Bereitschaft, der Nüchternheit, der Standfestigkeit und der Hoffnung. Paulus betont den Primat der Liebe gegenüber Glaube und Hoffnung (1 Kor 13).

Die griechische Lehre von den Kardinaltugenden kommt über die Kirchenväter Ambrosius und Augustinus in das christliche Abendland. Als von Gott – also "übernatürlich eingegossene Tugenden" ordnen sie das gesamte religiöse-sittliche Leben unmittelbar auf Gott hin.

Thomas von Aquin: Von Geburt an Tugend-Fähigkeit

Im Hochmittelalter gliedert Thomas von Aquin den Lehrstoff der speziellen Moral nach den Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. Nach seiner Lehre sind diese Tugenden dem Christen bereits in der Taufe als grundlegende Befähigung "eingegossen". Sie vermitteln zwar noch kein unmittelbares Können, unterstreichen aber den Gnaden- und Geschenkcharakter allen menschlichen sittlichen Handelns.

"Entleerung des Tugendbegriffs"

Im 19. Jahrhundert werden die sogenannten sekundäre Tugenden wie Gehorsam und Demut zum Ideal des menschlichen Zusammenlebens. Die bürgerliche Moralvorstellung der feudalistischen Gesellschaftsstruktur, gepaart mit einem verzerrten Gottesbild (Gott als Lückenbüßer), führen in der bürgerlichen Moral zur "Entleerung des Tugendbegriffs". Trotz des Versuchs einer "Rehabilitierung" der Tugend durch Max Scheler und der deutschen Wertphilosophie lassen sich angesichts der veränderten sozialen und ökonomischen Strukturen traditionelle Tugenden heute nicht einfach neu aufwerten.

Tugendlehre in Asien

Tugenden gibt es übrigens auch in Asien. Allerdings kennt die chinesische Tradition eine völlig andere Tugendlehre. Die westliche Tugendlehre ist rational und individualistisch geprägt. In Asien steht die ganzheitliche kontemplative Haltung des Menschen im Vordergrund. Zu den Haupttugenden zählen hier das Wohlwollen als Liebe und Erbarmen, die Rechtheit und Ehrfurcht, das Wissen um den Menschen, die Aufrichtigkeit und Treue.

Quellen Bertelsmann Neues Lexikon in 10 Bänden, 1996, ISBN 3-577-10575-5

Wörterbuch des Christentums, Orbis Verlag, ISBN 3.572-01248-1

Rienecker/Maier, Lexikon zur Bibel, R. Brockhaus 1994, ISBN 3-417-24678-4

Hamberger/Wildenauer, Kloster ABC, Kath. Bibelwerk, ISBN 3-460-33084-8

Zuletzt aktualisiert: 27. April 2017, 15:01 Uhr

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