25 Jahre Tafeln in Deutschland - Reste für die Armen?
Jeden Donnerstag steht André Keller bei der Berliner Tafel an. Beschämend für Menschen wie ihn oder für die Politik? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

25 Jahre Tafeln in Deutschland | Nah dran-Reportage Reste für die Armen?

Wenige haben viel, viele haben wenig. Auch das reiche Deutschland gehört zu den Ländern, in denen die soziale Ungleichheit wächst. Besonders ältere Menschen und Alleinerziehende sind über Jahre auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Wenn sie nicht ausreichen, führt viele der Weg zur Tafel.

25 Jahre Tafeln in Deutschland - Reste für die Armen?
Jeden Donnerstag steht André Keller bei der Berliner Tafel an. Beschämend für Menschen wie ihn oder für die Politik? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das Prinzip Tafel ist ganz einfach. Wir nehmen da, wo zuviel ist und bringen es dahin, wo es gebraucht wird. Robin Hood - nur legal", so erklärt Sabine Werth ihre Idee. Heute gelten die Tafeln in Deutschland als die größte soziale Bewegung der 1990er-Jahre. Ins Leben gerufen wurde die erste vor 25 Jahren in Berlin.

Wir wollten denen eine Tafel decken, die es sich sonst nicht leisten können.

Sabine Werth, Gründerin der Berliner Tafel
Eine Frau am Steuer eines Lieferwagens.
Immer unterwegs: Sabine Werth auf einer der Fahrten, um Lebensmittel abzuholen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inzwischen arbeiten dafür 25 Feste und 2.000 Ehrenamtliche. Sie bilden eine kraftvolle Gemeinschaft, die Monat für Monat allein in Berlin 125.000 Menschen beim Überleben hilft. 800 Tonnen Lebensmittel holen sie in der Stadt zusammen, prüfen sie auf ihre Qualität, sortieren sie und bringen sie dann zu 300 sozialen Einrichtungen.

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte, deren Gründe Sabine Werth zugleich wurmen: "Bisher hat sich politisch wenig getan, um die Armut in diesem reichen Land wirkungsvoll zu bekämpfen." Nach ihren Beobachtungen geht die Schere immer weiter auseinander: "Es kann nicht sein, dass die Reichen sich irgendwo in Übersee steuerlich tot sparen können und immer reicher werden und den Armen hier alles abgezogen wird."

Umkämpfte Stütze eines Missstands?

Doch auch an den Tafeln selbst gibt es immer wieder Kritik, die im Kern darauf zielt, dass das ehrenamtliche Engagement der inzwischen über 930 Tafeln in Deutschland den Staat aus der Pflicht nimmt und Supermärkten die Entsorgungskosten sparen hilft. Aber was bedeutet es tatsächlich, in Deutschland arm zu sein? Und wer hat ein Recht darauf, die Hilfe einer Tafel in Anspruch zu nehmen? Um diese Fragen wird immer wieder heiß gestritten, die Tafeln müssen tagtäglich praktikable Lösungen finden.

Auf Los geht's los

25 Jahre Tafeln in Deutschland - Reste für die Armen?
André Keller nutzt das Angebot der Berliner Tafel, seit er durch eine Räumungsklage obdachlos wurde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit der Aktion "Laib und Seele" gibt die Berliner Tafel ihre Spenden auch direkt an Menschen ab, die wenig haben. Eine der 45 Ausgabestellen befindet sich in der Elias Gemeinde im Prenzlauer Berg. Jeden Donnerstag kommen hier Ehrenamtliche und Bedürftige ins Gespräch. Weil man nicht wissen kann, bei wem die Not gerade am größten ist, entscheidet das Los darüber, wer zuerst aussuchen darf. Die Kundinnen und Kunden der Tafel müssen pro "Einkauf" einen Euro zahlen. Jeder von ihnen wird von einem Ehrenamtlichen beim Rundgang begleitet. Auch, um sicherzustellen, dass nicht jemand zu viel einpackt und genug für die Leute mit den höheren Wartenummern bleibt. Die meisten Leute kommen regelmäßig her. So wie André Keller und Kathrin Ibikunle.

EIne Frau sitz in einem Büro.
Kathrin Ibikunle ist alleinerziehende Mutter, lebt von Hartz IV und versucht, sich eine Existenz als Therapeutin neu aufzubauen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den studierten Theologen und Mittfünfziger machte eine Räumungsklage obdachlos, die alleinerziehende Mutter bezieht Hartz IV und versucht gerade, sich mit 50 nochmal eine neue Existenz als Heilpraktikerin aufzubauen. Beiden fiel es nicht leicht, ihren ersten Gang zur Tafel anzutreten: "Wenn die Menschen diese Scham erst erstmal überwunden haben, dann merken sie welchen Benefit sie haben. Nämlich nicht nur die Lebensmittel, die sie bekommen, sondern auch die sozialen Kontakte, das Sich-Austauschen-Können", gibt Sabine Werth zu Bedenken.

In einer Küche wäscht eine Frau Radieschen ab.
Yvonne Reiner könnte von ihrer Rente nicht leben, sie verdient sich 400 Euro dazu und nutzt die Tafel als Hilfsangebot, über die Runden zu kommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von Scham will Renterin Yvonne Reiner nichts wissen. Sie sagt, sie habe viel ehrenamtlich getan in ihrem Leben, Geld habe ihr nichts bedeutet. Mit ihrer Rente käme sie deswegen heute nicht über die Runden, sie arbeitet noch als Sterbebegleiterin und verdient sich so 400 Euro dazu: "Dass ich dann Scham habe, wenn ich mir das Essen hole, was andere sonst wegschmeißen - das würde ich gar nicht einsehen."

"Den Finger immer wieder in die politische Wunde legen"

25 Jahre Tafeln in Deutschland - Reste für die Armen?
Sabine Werth unterwegs auf der Grünen Woche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immerhin werden in Deutschland pro Minute 19 Tonnen Lebensmittel weggeschmissen. Auch dies gehört zu den Missständen, die Sabine Werth benennt. Die Tafeln , auch wenn die "Reste für die Armen" aus diesen "Resten" speisen, konservieren will ihre Erfinderin sie nicht. Sie findet, die 930 Tafeln in Deutschland könnten auch eine politische Macht darstellen. Hartz IV sei unsäglich und gehöre wirklich neu überdacht: "Wir müssen den Finger immer wieder in die politische Wunde legen."

PS: Der jüngste Streit um die Tafeln

Im Jahr des Jubiläumsjahr gab es auch wieder Streit um die Frage, für wen sind die Tafeln da: Lebensmittel nur noch an "Neukunden" mit deutschem Pass zu verteilen - mit dieser Entscheidung sorgte die Essener Tafel Anfang des Jahres für großes Aufsehen. So wurde offenbar, dass sich die Zahl der Bedürftigen, die die Tafeln in Anspruch nehmen, infolge der Flüchtlingskrise sprunghaft erhöht hatte. Beklagt wurden nicht nur in Essen "Verdrängungsprobleme". Eine MDR-Umfrage vom März ergab, dass auch Tafeln in Mitteldeutschland seit einiger Zeit mit Konflikten kämpfen. Entschärft werden konnten sie demnach vielerorts beispielsweise durch Sprachkundige, die als Dolmetscher und Ein-Euro-Jobber die Tafelarbeit und die bestehenden Richtlinien erklären. Hilfreich sei es auch, wenn Asylbewerber oder anerkannte Flüchtlinge bei der Tafel mitarbeiteten, hieß es. Manche Tafel-Beitreiber erklärten, den Turnus der Ausgabe verändert bzw. "Flüchtlingstage" eingerichtet zu haben. Andere betonten, sie seien für alle Beteiligten da - unabhängig von der Herkunft.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 03. Mai 2018 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Mai 2018, 08:45 Uhr

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