Selbstbestimmt - Das Magazin | MDR FERNSEHEN | 13.10.2019 | 08:00 Uhr Rollstuhl-Skating-WM: Wie sich Tim Augustin den Titel holt

Rollstuhl und Extremsport, das scheinen zwei unvereinbare Dinge zu sein. Die Skater bei der ersten Motocross-WM außerhalb der USA beweisen das Gegenteil. Einer von ihnen ist Til Augustin aus Chemnitz, er will den Titel!

Til Augustin will Weltmeister im Rollstuhl-Skating werden.
Til Augustin will Weltmeister im Rollstuhl-Skating werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beim Skaten kann Til Augustin seine Grenzen austesten. Eigentlich scheinen die eng gesteckt zu sein, denn der junge Chemnitzer sitzt im Rollstuhl. Erst vor einem Jahr erst entdeckte er den Sport für sich.

Til Augustin will Weltmeister im Rollstuhl-Skating werden.
Auf dem Weg zum Titel? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der gibt einem den Adrenalinkick, den man halt manchmal braucht. Und hilft auch zum Ausgleich, wenn man Stress hat. Dann geht man skaten und danach ist wieder alles okay.

Til Augustin

"Manche Ärzte schlagen die Hände über dem Kopf zusammen"

Jetzt ist der 15-Jährige bereits Deutscher Meister im Rollstuhlskaten und auf dem Weg zur ersten Wheel Chair Motocross-WM außerhalb der USA. 39 Sportler aus neun Ländern nehmen an dem Wettkampf Ende August, Anfang September in Köln teil. Seine Mutter Gundel Augustin begleitet ihn und erklärt, warum sie ihren Sohn nie von diesem waghalsigen Sport abgehalten hat:

Til Augustin will Weltmeister im Rollstuhl-Skating werden.
Tills Mutter ist mit dabei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Manche Ärzte schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, aber Til ist in Leipzig in der Uniklinik in Behandlung und die Ärzte sind top. Also die stehen alle voll hinter Til, unterstützen ihn und machen ihm Mut, diesen Sport auszuführen. Auch wenn das manchmal gegen jede Vernunft geht. Aber sie sind froh, dass Til was gefunden hat, woraus er Lebensmut schöpft.

Gundel Augustin
Til Augustin will Weltmeister im Rollstuhl-Skating werden.
Beim Training zuhause in Chemnitz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aufgrund einer Fehlbildung der unteren Wirbelsäule sitzt Til seit frühester Kindheit im Rollstuhl. Er wurde mit offenem Rücken geboren und ist querschnittsgelähmt. Sein Brustkorb wächst nicht ausreichend mit. Er hat schon viele schwierige Operationen hinter sich. Erst vergangenes Jahr lag er über Monate im Krankenhaus, wurde wegen einer Wirbelsäulenversteifung behandelt. Den Lebensmut behielt er, vielleicht auch weil er bei einer Orthopädiemesse Rollstuhlskater kennenlernte und ihren Sport für sich entdeckte. Zuhause in Chemnitz trainiert Til täglich. Mit Skatern, die nicht im Rollstuhl sitzen. Anfangs gab es komische Blicke. Das änderte sich: "Er macht wirklich ziemlich geilen Scheiß, wo ich wirklich  Respekt vor ihm habe, dass er es so durchziehen kann", sagt einer seiner Skater-Freunde.

"Ich will Weltmeister werden"

Til Augustin will Weltmeister im Rollstuhl-Skating werden.
Eine Spezialausrüstung gehört dazu: Skaterrollstühle brauchen einen größeren Rad-Abstand und eine bessere Federung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Köln hat er sich Großes vorgenommen: "Ich will Weltmeister werden", stellt er klar. Auch Freunde und Geschwister sind im Publikum, als er in der Klasse der unter 16-Jährigen startet. In zwei Minuten muss er sein Können zeigen. Fünf Punkterichter bewerten seine Sprünge und Drehungen. Angst hat er keine. Aber Respekt. Das bewahrt ihn vor Dummheiten, sagt er. Der 2-minütige Run kostet ihn viel Kraft: "Man muss sich das vorstellen, wie wenn man ein Sprintrennen macht. Die ganze Zeit volle Power geben. Man ist komplett fokussiert. Ich höre zum Beispiel die Musik gar nicht mehr, die im Hintergrund kommt. Man ist einfach die ganze Zeit voll fokussiert. Es ist extrem anstrengend für Körper und Geist."

Aufgrund seiner Krankheit hat Til eine begrenzte Lebenserwartung. Genaue Prognosen gibt es nicht.

Til hat so für sich eine Bucketlist gemacht, was er so noch schaffen will in seinem Leben. Und da steht auch drauf, dass er was Verrücktes machen will. Und da hat er ja jetzt was gefunden.

Titel und Foto mit dem großen Vorbild Aaron Wheelz

Til Augustin will Weltmeister im Rollstuhl-Skating werden.
Mit dem Erfinder der Sportart Aaron Wheelz Fotheringham Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rollstuhl und Extremsport – für viele sind das zwei unvereinbare Dinge. Die Skater bei der WM in Köln beweisen das Gegenteil. Rollstuhlskaten kommt aus den USA - seit sechs Jahren gibt es den Sport auch in Deutschland. Als Erfinder der Sportart gilt  Aaron Wheelz Fotheringham. Er wollte als Teenager eigentlich nur die Rampen eines Skateparks herunter rasen. Heute ist er das Vorbild der ganzen Szene. Auch für Til, der aber klarstellt: "Er ist schon mein Idol, aber ich bin nicht so fangirlmäßig: 'Oh mein Gott, das ist Aaron Wheelz.' Er ist halt komplett cool und einfach ein Skaterkumpel." Über das gemeinsame Foto mit Aaron am Ende des Wettkampftages freut er sich natürlich trotzdem sehr. Und besser hätte es sowieso nicht laufen können. Denn bei der bisher größten Meisterschaft mit über 1.000 Zuschauern holt Til Augustin tatsächlich den Weltmeistertitel in seiner Klasse.