Ukraine-Russland-Krieg Können die Kirchen in der Ukraine Frieden stiften?

Können die Kirchen in der Ukraine friedensstiftend wirken? Das ist derzeit unklar. Vor drei Jahren hatte sich die orthodoxe Kirche in der Ukraine gespalten. Es entstand eine neue Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die vom Patriarchat von Konstantinopel anerkannt wurde. Die schon zuvor bestehende Ukrainisch-Orthodoxe Kirche orientierte sich dagegen weiterhin am Moskauer Patriarchen. Bislang galt sie als Russland-nah. Doch der Krieg hat auch das verändert.

Onufrij (M), Metropolit von Kiew und der ganzen Ukraine und Oberhaupt der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat), leitet einen Gottesdienst auf dem Hügel des Hl. Wladimir.
Der Kiewer Metropolit Onufrij steht der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) vor. Bildrechte: dpa

Die neue, 2019 gegründete Ukrainisch-Orthodoxe Kirche steht im Krieg mit Russland eindeutig hinter der ukrainischen Regierung. An der Haltung der zuvor schon bestehenden Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) gab es dagegen in der Vergangenheit immer wieder Zweifel.

Sergii Bortnyk, der in Deutschland Theologie studiert hat, arbeitet im Außenamt dieser Ukrainisch-Orthodoxen Kirche. Kurz vor Kriegsbeginn wehrte er sich gegen den Verdacht, seine Kirche würde Wladimir Putin unterstützen: "Alle Gläubigen sind ukrainische Bürger, viele sprechen ukrainisch als Muttersprache. In diesem Sinn sind wir für die Ukraine, wir sind keine Feinde des Landes. In der Rhetorik der neuen Kirche gibt es dieses Feindbild, dass wir eigentlich pro-russisch sind, aber das stimmt nicht."

Kiewer Metropolit stellt sich gegen Moskau

Diese Position unterstrich nun auch der Kiewer Metropolit Onufrij. Er steht der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche vor, die zum Moskauer Patriarchat gehört. Am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine forderte Onufrij, den Bruderkrieg zwischen dem ukrainischen und dem russischen Volk unverzüglich zu beenden. Dieser Krieg sei weder vor Gott noch vor den Menschen zu rechtfertigen. Und mit Blick auf Putin ergänzte der Metropolit, seine Kirche verteidige die Souveränität und territoriale Unversehrtheit der Ukraine.

Aus Moskau aber waren ganz andere Töne zu hören. Einen Tag vor Kriegsbeginn gratulierte der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kyrill, Putin zum "Tag des Vaterlandsverteidigers". Kyrill erklärte, dass er im Kriegsdienst eine Bekundung von "Nächstenliebe nach dem Evangelium" sehe. Dem Präsidenten wünschte er "Seelenfrieden und Gottes Hilfe bei seinem hohen Dienst am russischen Volk". Einen Tag später, nach dem Überfall auf die Ukraine, rief der Moskauer Patriarch dann beide Seiten dazu auf, Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Zum völkerrechtswidrigen Einmarsch Russlands in die Ukraine sagte Kyrill nichts.

Damit driften die Kirchen in Moskau und Kiew auseinander. Während der Moskauer Patriach nun offenbar noch enger an die Seite Putins gerückt ist, wendet sich der Kiewer Metropolit Onufrij gegen Russland. Ob die beiden großen orthodoxen Kirchen in der Ukraine damit näher zusammenrücken, ist aber fraglich. Schon als sich vor drei Jahren aus der alten Ukrainisch-Orthodoxen Kirche eine neue gründete, seien die Erwartungen groß gewesen, sagt der Magdeburger Bischof GerhardFeige: "Es gab die Hoffnung, dass dann alle orthodoxen Strömungen zusammenkommen. Das hat sich nicht bewahrheitet."

Bischof Feige: Kirchen können kaum zu Frieden beitragen

Bischof Feige, Ökumene-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, hat wenig Hoffnung, dass die Kirchen in der Ukraine friedensstiftend wirken könnten – auch nicht die ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die vor allem im Westen des Landes vertreten ist. Sie war zu Sowjetzeiten verboten und ist dem Moskauer Patriarchen ein Dorn im Auge. Der Bischof erklärt: "Aufgrund dieser Spannungen ist es schwer vorstellbar, dass die Kirchen wesentlich zu einer Friedenssicherung beitragen können. Auch nicht die ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die sich sehr stark mit der ukrainischen Nation identifiziert."

Dazu kommt, dass die Spaltung der orthodoxen Kirchen weit über die Ukraine hinaus strahlt. Die neue Ukrainisch-Orthodoxe Kirche wurde vor drei Jahren vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel als eigenständige Kirche anerkannt, von der Russisch-Orthodoxen und den ihr nahestehenden Kirchen dagegen nicht. Dieses Schisma hat spürbare Folgen in der weltweiten Orthodoxie und bereits zu neuen Abspaltungen beispielsweise in Afrika geführt.

Auch die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland ist in dieser Frage gespalten; die Russisch-Orthodoxen Bischöfe haben sich aus der Konferenz zurückgezogen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2022 | 09:15 Uhr