Coronavirus-Pandemie Schulseelsorger: "Dasein und Zuhören"

Schulsozialarbeiter, Vertrauenslehrer und Schulpsychologen sind wichtig, um Kinder und Jugendliche mit ihren Ängsten und Sorgen aufzufangen. Die Coronavirus-Pandemie hat ihnen viel abverlangt. In Schulen kirchlicher Trägerschaft wie dem evangelischen Ratsgymnasium Erfurt gibt es zudem Schulseelsorger als Ansprechpartner.

Zwei Schülerinnen mit Mund- und Nasenschutz beraten sich im Unterricht in einem Geographie-Seminar in der Jahrgangsstufe elf am staatlichen Gymnasium Trudering über ein Arbeitsblatt.
Schüler und Schülerinnen jeden Alters brauchen Ansprechpartner. Bildrechte: dpa

Im evangelischen Ratsgymnasium im Zentrum von Erfurt herrscht zwischen den Stunden wieder reger Betrieb auf den Fluren. Die Schüler tragen Masken und halten mehr oder weniger diszipliniert Abstand. Das fällt leichter als sonst, da durch den Wechselunterricht nur die Hälfte von ihnen da ist. In einem Klassenzimmer sitzt Schülersprecherin Marlene Bleek. Sie und ihre Mitschülerinnen hätten während der Pandemie am meisten den sozialen Kontakt vermisst, also mit den Mitschülern ins Gespräch zu kommen oder mit den Lehrern umzugehen. Aber auch der Klassenzusammenhalt habe komplett gefehlt.

Ich habe auch mitbekommen, dass Freundschaften kaputt gegangen sind, weil man weniger Zeit miteinander verbringt.

Marlene Bleek Schülersprecherin, Ev. Ratsgymnasium Erfurt

Schulseelsorger als Ansprechpartner

Die Probleme der Schüler am evangelischen Gymnasium mögen dieselben sein wie in staatlichen Schulen. Mit einem Unterschied: Hier gibt es neben den beiden Vertrauenslehrern auch einen Schulseelsorger. Die Elftklässerlin findet, dass das Gesprächsklima insgesamt gut ist: "Ich glaube schon, dass das in Corona-Zeiten enorm geholfen hat. Die Schüler konnten nicht nur zu Hause in ihrem Umfeld mit Menschen reden, sondern sich auch an die Schule wenden und mit Lehrern ins Gespräch kommen. Dieses Angebot wird jetzt mehr genutzt als vor Corona, weil die Probleme mehr geworden sind."

Als Schulseelsorger, Religionslehrer und Mitglied der Schulleitung hat Heiko Ackermann eine Menge zu tun. Aufgrund der Fülle seiner Aufgaben ist er an der Schule bekannt wie ein bunter Hund. Der Pfarrer ist für das religiöse Profil der Schule zuständig, feiert Schulandachten und Gottesdienste. Seine seelsorgerische Arbeit bringt er auf eine kompakte Formel: "Dasein und zuhören." Er versteht es als seine Aufgabe, Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, von ihren Sorgen und Ängsten zu erzählen.

Schulseelsorge heißt nicht, dass ich unbedingt eine Antwort oder einen Tipp parat habe. Das Wichtige für mich ist das Zuhören, um dann im Idealfall gemeinsam Ideen zu entwickeln.

Heiko Ackermann Schulseelsorger, Ev. Ratsgymnasium Erfurt

Orientierung am christlichen Menschenbild

Deshalb sei der Unterschied zur Sozialarbeit an staatlichen Schulen zunächst einmal gar nicht so groß, findet Ackermann. Einen gibt es aber doch. In der Schulseelsorge schwinge das christliche Menschenbild mit.

Also das Wissen, dass wir als Menschen auch Fehler machen, häufig nicht perfekt sind. Wir müssen daran aber nicht verzagen oder scheitern. Letzten Endes ist es für mich so, dass wir am Vorbild von Jesus schauen, wie wir gut miteinander umgehen und vielleicht lebensdienliche Lösungen finden können.

Heiko Ackermann Schulseelsorger, Ev. Ratsgymnasium Erfurt

Über die Zeit der Schulschließungen hinweg hat er versucht, mit den Jugendlichen Kontakt zu halten. Zum Beispiel durch Telefonate, E-Mails oder eine digitale Montagsandacht, die er über die Klassenleiter verschickt hat. Ackermann hat auch die Trauerarbeit begleitet, als während der Corona-Pandemie zwei Schüler starben, allerdings nicht an Covid-19: "Wir haben versucht, den Klassen, aus denen die Schüler kamen, unter Corona-Bedingungen die Möglichkeit zu geben, von ihnen Abschied zu nehmen. Sie konnten eine Kerze anzünden, Briefe für die verstorbenen Schüler schreiben, die in ein Gedenkbuch geklebt wurden. Wir wollten ihnen einen Ort geben, an denen sie merken: 'Da kann ich mit meiner Trauer hin, da bin ich nicht allein'."

Mehr Seelsorger, Sozialarbeiter und Psychologen nötig

Inzwischen können sich Ratsuchende auch wieder persönlich an ihn wenden. Das gilt nicht nur Schüler und Eltern, sondern auch für Lehrer wie die Vertrauenslehrerin Franziska Neudorf: "Es gibt immer wieder Fälle, in denen ich den Schulseelsorger gerne zu Rate ziehe und sehr dankbar bin, dass ich ihn habe. Wir können viele Dinge im Vertrauen besprechen und uns gegenseitig helfen."

Denn auch die Vertrauenslehrerin macht sich in dieser Zeit Sorgen um ihre Schützlinge:

Ich habe Angst, dass manche Schüler durch diese Corona-Zeit hinten runter fallen und sich die ganze Biographie verändert.

Franzikska Neudorf Vertrauenslehrerin, Ev. Ratsgymnasium Erfurt

Gerade jetzt ist eine Gesprächskultur wichtig, muss man Kindern und Jugendlichen genau zuhören – unabhängig vom religiösen Bekenntnis. Weil aber Heiko Ackermann auch nur zwei Ohren hat, wünscht er sich für alle Schulen "viel mehr Schulseelsorger, Schulsozialarbeiter wie auch Schulpsychologen. Denn ich merke, dass die Schule nicht nur Wissen vermitteln soll, sondern Schülerinnen und Schüler auch auf ihrem Lebensweg begleiten soll." Nicht nur während der Corona-Krise, sondern auch darüber hinaus.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juni 2021 | 09:15 Uhr