Drei Lehrer - Ein Schuljahr, Szene aus der Nah dran-Reportage
"Und jedem Anfang ..." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Nah dran-Reportage Drei Lehrer – ein Schuljahr

Zwischen Bürokratie, Integration und Inklusion

Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei? "Nah dran" durfte drei ein Schuljahr lang begleiten: Grundschullehrerin Antje Wardin, Chris Bergmann, der an einem Gymnasium im Kyffhäuserkreis seine Laufbahn startet und Petra Krause, die an einer Sekundarschule in Wittenberg die Herausforderungen von Bürokratie, Inklusion und Integration meistert.

Drei Lehrer - Ein Schuljahr, Szene aus der Nah dran-Reportage
"Und jedem Anfang ..." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Drei Lehrer - Ein Schuljahr, Szene aus der Nah dran-Reportage
Wenn der "Ernst des Lebens" beginnt ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei. So lautet eins der Klischees, mit denen Pädagogen oft konfrontiert werden. Ihr Alltag ist nicht so entspannt, wenn sie engagiert und mit Herz bei der Sache sind; angetreten, um Kindern Wissen zu vermitteln und mehr als das. Sie haben studiert, blicken zurück auf langjährige Erfahrungen und ihre Ideale. Damit treten sie an in einem Schulalltag, in dem sich in den letzten Jahren immens viel verändert hat: Die Kinder, die Eltern – das System. Sie sind im Dauerstress, dafür sorgt die Bürokratie verbunden mit den neuen Herausforderungen der Integration und Inklusion. So reiben sich viele auf zwischen der Vermittlung des Lehrstoffs, Schülern mit Konzentrationsschwächen oder Verhaltensstörungen und Management-Aufgaben. Der Lehrermangel, die Kluft zwischen Schulformen wie Regelschule und Gymnasium und der Streit um angemessene Bezahlung verschärfen die Situation.

Antje Wardin: Klare Ansagen

Drei Lehrer - Ein Schuljahr, Szene aus der Nah dran-Reportage
Im Fokus der erwartungsvollen Eltern Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Antje Wardin kommt aus einer Lehrer-Familie. Auch nach fast 30 Jahren spricht sie von ihrem Traumberuf, über die Freude und Aufregung, die es bedeutet, wieder eine erste Klasse zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass sie zusammenwächst. Alles ist neu – für die Kinder und die Eltern. In den nächsten vier Jahren wird sie ihren 19 Schützlingen das Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen. Inzwischen hilft ihr ein plüschiger Assistent namens Umi, auch ein Whiteboard gibt es statt der guten alten Tafel.

Die Grundschule ist das Grundgerüst, wenn das nicht richtig festgebaut und verankert ist, dann ist alles was, man oben drüber anbaut umso schwerer für die Kinder ... Unsere Kinder heute sind bei weitem nicht mehr so belastbar wie früher, abgelenkt von tausend Sachen. Allein das Spielzeug … sich in der Schule auf eine Sache zu konzentrieren, das ist für viele ein Problem.

Antje Wardin, Grundschullehrerin
Sendungsbild
"Arbeit am Kind" Bildrechte: MDR/Mia Media

Trotz vieler Neuerungen, die sie begrüßt: Die 52-Jährige glaubt vor allem an klare Regeln und Ansagen, ans systematische Vorgehen und Wiederholen. Das hält sie für kindgerecht, auch wenn manche Eltern anderer Meinung sind. Dabei gehört es zu ihrem Alltag, immer wieder vom Plan abzuweichen. Etwa, wenn sie für erkrankte Kollegen einspringt und dann plötzlich Sport vertritt. Antje Wardin unterrichtet 18 Stunden pro Woche in ihrer, acht in einer anderen Klasse. In den Pausen hat sie Aufsicht. Hinzu kommen 12 bis 15 Stunden Unterrichts-Vorbereitung und Kontrollen von Arbeiten. Dafür, dass die Leistung gerade der älteren Kollegen und Kolleginnen, die nicht verbeamtet sind, entsprechend gewürdigt wird, geht sie durchaus auch auf die Straße.

"Eine Schulstunde ist Arbeit am Kind, an jedem Kind!", sagt Antje Wardin. Sie schafft es, dass ihre Kinder schon vor dem Ende der ersten Klasse lesen können. Keiner braucht Angst haben vor dem "Zeugs", lässt sie Umi, das lustige Deutsch-Maskottchen in Bärengestalt bei der Zeugnisausgabe sagen.

Chris Bergmann: Coach, Manager, Erzieher und Lehrer

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Jung-Lehrer Chris Bergmann im Unterricht Bildrechte: MDR/Mia Media

Chris Bergmann verfügt noch nicht über so viel Berufserfahrung. Fünf Jahre Studium und zwei Jahre Referendariat liegen hinter dem 32-Jährigen. Jetzt hat er als Klassenlehrer eine Fünfte in Kelbra übernommen. Die 17 Kinder lernen in einer Außenstelle des Gymnasiums Sangerhausen. Sie kommen aus den umliegenden Orten. So holt er sie jeden Morgen früh um Sieben an der Bushaltestelle ab.

Zwischen Kelbra und Sangerhausen muss der Englisch- und Sportlehrer mehrmals die Woche pendeln, nicht tageweise versetzt, sondern am selben Tag, macht hin und zurück 50 Kilometer. Viel Zeit hat er dafür nicht. In Englisch will er seinen ersten Kurs zum Abitur führen. In Kelbra schreibt er zudem die Stundenpläne, managt Ausfall- und Vertretungsstunden. In Zeiten des Lehrermangels eine Mammut-Aufgabe.

Mann mit Kindern im Wald
Wandertag: Sechs Kilometer! Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Chris Bergmann erklärt, bei den älteren Schülern fühle er sich wie ein Coach, in einer fünften Klasse sei eher der Erzieher gefragt. Da kann es helfen, den Klassenraum zu verlassen und zur Kyffhäuser-Wanderung aufzubrechen. Dass die Fünftklässler die sechs Kilometer durchhalten, dafür ist Chris Bergmann zuständig. Keine leichte Aufgabe heutzutage. Gut, dass sie unterwegs das Skelett eines Wildschweinschädels entdecken und dass er ein paar Spiele vorbereitet hat: Beispielsweise sich einfach mal rücklings in die Arme eines Klassenkameraden fallen zu lassen:

Es gibt Klassenchats auf WhatsApp, da werden Schüler ausgegrenzt, digital. Wir machen einfach mal was draußen im Wald – was Uriges. Mit unserem Körper, mit unseren Händen, wir fangen den anderen auf oder heben den mal hoch. Das ist etwas, was bei den Kindern hängen bleibt.

Chris Bergmann, Gymnasiallehrer

Am Ende des Jahres wird sich Chris Bergmann über seine Englisch-Klasse bei der Abiturfeier am Kyffhäuser freuen können – und darüber, dass er nun auf Lebenszeit verbeamtet ist. Das gibt ihm Sicherheit und motiviert ihn, seine Arbeit zu tun, sagt er. Zum Beispiel, wenn er nun vertretungsweise noch einmal in der Woche Biologie unterrichten muss. Was ihn von den heiß diskutierten Quereinsteigern unterscheide? Das didaktische Wissen, den Stoff herunterzubrechen, "dass die Kinder das auch verstehen und verdauen können", sagt er. Die so genannten "Lions Quest"- Stunden nutzt er für Organisatorisches und um Lerntechniken zu üben, vor allem dazu, aus seiner Klasse ein Team zu formen.

Petra Krause: Aus Berufung

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Mal streng, mal verständnisvoll, immer mit Herz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

45 Minuten Unterricht oder bei einer Doppelstunde 90 Minuten. Petra Krause ist Klassenlehrerin einer Sechsten an der Sekundarschule in Wittenberg und weiß, was das bedeutet: Schwerstarbeit für alle. Für sie: ständiges Multitasking, 100 Prozent Präsenz und Aufmerksamkeit. Sie gibt Mathematik, Ethik und Geschichte. Auch "Deutsch als Fremdsprache" (DAZ), dafür entschied sie sich vor drei Jahren ganz bewusst. Zu DDR-Zeiten war Petra Krause Grundschullehrerin, berufsbegleitend studierte sie Sonderschulpädagogik und arbeitete anschließend an einer Förderschule. Ihr großes Wissen und ihre sozialen Erfahrungen kann sie heute gut gebrauchen. Die Mischung in ihrer Klasse ist bunt. Mehr als die Hälfte ihrer Schüler ist älter als es Sechstklässler normalerweise sind. Zu Ihrer Klasse gehören zwei Inklusionskinder sowie Schüler, die aus den "DAZ"-Klassen gewechselt sind. Die muss sie mitten im Schuljahr integrieren.

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Petra Krause glaubt an die "menschliche Basis". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Ausgangsbedingungen sind in der Klasse höchst unterschiedlich. Viele ihrer Schüler werden zu Hause kaum unterstützt. In Geschichte lässt sie die Klasse in Gruppen arbeiten, um das soziale Miteinander zu fördern. Neben der Wissensvermittlung spiele die Erziehung heute eine immer größere Rolle, sagt sie und bereitet sich vor, um nach sechs Stunden Unterrichtgeben am späten Nachmittag noch Elterngespräche zu führen, mit denen, die Interesse haben. Denn am Ende des Schuljahres steht die Entscheidung an, ob die Kinder auf der Haupt- oder der Realschule weiter lernen. "Nicht schimpfen zu Hause", rät sie, "wir sind alle Menschen", beruhigt sie besorgte Mütter und Väter. Von ihren 19 Zöglingen sind 14 schon mal sitzen geblieben, sechs haben Schwierigkeiten mit dem Rechnen oder Schreiben. Zur Motivation bat sie ihre Schützlinge, sich zum Auftakt des Schuljahres mal ein paar Vorsätze aufzuschreiben. Beispielsweise die Arbeitsmaterialien immer dabei zu haben oder die Sportsachen nicht zu vergessen ...

Sie ist sehr nett und sie hilft uns in allen Fächern. Geschichte, Mathe, Deutsch. Ich denk' mal, ihr macht das Spaß in unserer Klasse. Aber wir sind echt chaotisch ohne Ende.

Schüler über Petra Krause

Trotzdem traut sie sich mit den "Chaoten" auf Klassenfahrt nach Leipzig. Für Petra Krause ist das Lehrersein Berufung. Dazu gehört für sie, sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Sie will ihren Schülern und Schülerinnen etwas mitgeben.

Nicht aufgeben, nicht sagen: Will nicht, kann nicht. (...) Die Noten oder Zensuren sind nicht alles. Es steckt ja immer eine Geschichte dahinter, ich will, dass die Schüler das auch erkennen, um sie zu ermuntern und zu sagen: Das schafft ihr. Das kriegt ihr irgendwie hin.

Petra Krause, Lehrerin an einer Sekundarschule

An den Zeugnissen zum Ende des Schuljahres hat sie viele Stunden gesessen, für jeden gibt es persönliche Worte. 20 ihrer 22 Schüler werden auf die Realschule wechseln können.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 22. August 2019 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. August 2019, 18:38 Uhr

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