Nachgefragt Sind Pflegeeinrichtungen heute besser vor Corona geschützt?

Gabriele Meyer, Professorin für Pflegewissenschaften an der Universität Halle, hat in einer Kolumne des "Netzwerkes Evidenzbasierte Medizin“ schon 2020 über den fehlenden Schutz von Pflegebedürftigen vor Corona-Infektionen geschrieben und um Forschung gebeten. Was ist seither geschehen? Thomas Bille hat nachgefragt.

Wie sieht es Ende 2021 aus: Haben Sie Ihre Zahlen bekommen?

Nein, bedauerlicherweise nicht. Und ich habe das auch nicht erst vor einem Jahr angemahnt, sondern bereits im April 2020 in Stellungnahmen für das "Netzwerk Evidenzbasierte Medizin". Und bedauerlicherweise hat das keinen Einfluss gehabt aus meiner Sicht.

Und aus Sicht dieses Netzwerks und anderer Pflegewissenschaftler wäre das ja geradezu geboten gewesen, gleich zu Beginn der Pandemie eine strukturierte Erhebung einzuleiten, zu dem Infektionsgeschehen in den Heimen, zur Krankheitslast, den Handlungsbedarfen und vor allen Dingen auch den Auswirkungen der verordneten Maßnahmen zur Kontrolle der Pandemie.

Und wir hatten damals gefordert, dass eine Task Force zum koordinierten Handeln im Umgang mit der Langzeitpflege hätte umgehend eingerichtet werden müssen. Das alles ist nicht erfolgt.

Eine Pflegefachkraft hilft einer Bewohnerin vom Seniorenheim «Mein Zuhause Nienburg» mit ihrem Rollator.
Enger Kontakt zu den Pflegenden Bildrechte: dpa

In den Pflegeheimen leben überwiegend Menschen sehr hohen Alters, die besonders gefährdet sind, zu erkranken und schwer und an Corona eine schwere Krankheitslast zu haben. Also nicht nur aufgrund ihres Alters, sondern vor allen Dingen aufgrund ihrer Gebrechlichkeit und auch wegen der vielen Kontakte zu Pflegenden.

Und eine gute Datenbasis hätte uns hier geholfen, gezieltes Handeln zu veranlassen und über die ergriffenen Maßnahmen zu reflektieren, und letztendlich, wie Wissenschaft es immer intendiert, die Unsicherheit im Handeln zu reduzieren.

Nach diesen fast zwei Jahren jetzt mein Fazit:  zu viel Aktionismus und leider eine fehlende systematische Datenbasis.

Hat man überhaupt nicht auf Sie gehört? Oder hat man gesagt: Frau Meyer, das ist ein guter Vorschlag, aber wir haben im Moment nicht das Personal?

Das passt nicht in die Logik des Wissenschaftsbetriebs in Deutschland.

Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer 8 min
Bildrechte: Reiner Zensen

Und diese Logik hätte man jetzt mal aufbrechen können, nämlich, indem man sagt, das sind hier unsere Hochrisikopopulationen, da setzen wir ein besonderes Augenmerk, da initiieren wir Forschungsaktivität, da sammeln wir strukturiert die Daten. Da probieren wir Modelle aus, ob sie wirksam sind. Stattdessen wurde viel gesprochen über mögliche Maßnahmen und Pandemie-Kontrollmechanismen, und die wurden gerade zu Beginn sehr rigide angewandt, mit vollkommener Schließung der Einrichtungen.

Das Ganze entbehrt wirklich einer vernünftigen Datenbasis. Und leider ist es auch international so, dass wir wenig Studienaufkommen haben in diesem Bereich.

Aber immerhin gibt es zwei. Sie haben selbst darüber geschrieben, eine kleine Studie in den Vereinigten Staaten und eine in Frankreich. Was könnte man aus diesen beiden Studien ableiten?

Wenig, weil sie eigentlich wenig vertrauenswürdig sind. Es gibt auch noch mehr Untersuchungen. Und einen Cochrane Review, der alle Studien zu dem Thema zusammenführt und bewertet. Der kommt zu der Schlussfolgerung, dass die meisten Studien sehr wenig valide sind. Das heißt sehr wenig vertrauenswürdig und belastbar. Das ist sehr, sehr enttäuschend, auch überraschend, weil eben ja besonderes Augenmerk auf diese Population gelegt werden sollte.

Und wenn die Zahlen jetzt nicht erhoben worden sind, gibt es dementsprechende Untersuchungen nicht. Sie hatten ja schon von Aktionismus gesprochen. Ist es bei der Corona-Politik insgesamt so, dass mehr gewurschtelt wird als konsequent gehandelt?

Ich denke nicht, dass ich alle Bereiche überblicken kann. Für meinen Bereich würde ich sagen: Das ist auf jeden Fall so, und das muss auch Konsequenzen haben.

Und ich meine, es gibt ja schon auch Möglichkeiten, jetzt auch Vorschläge zu machen, wie in Zukunft dann ein Wissenschaftsbetrieb in Ausnahmesituationen gestaltet werden sollte.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, dessen Mitglied ich auch bin, nutzt auch die Möglichkeit auf entsprechende Veränderungsbedarfe im Gesundheitswesen - und dazu gehört auch die Gesundheitsforschung - hinzuweisen. Der Wissenschaftsrat wird sich vielleicht damit auseinandersetzen.

Es wird allgemein bemängelt, dass wir ein unzulängliches Aufkommen im Hinblick auf klinische Studien haben, auf Studien, die wirklich versorgungsrelevante Aspekte untersuchen. Ich spreche nicht von der Grundlagenforschung. Ich spreche explizit von den Maßnahmen, die wir ergriffen haben, die einfach nicht durch ausreichende wissenschaftliche Grundlagen fundiert sind. Und das wird sicherlich Konsequenzen haben, im Wissenschaftsdiskurs und auch in der Politik.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2021 | 08:10 Uhr