Nah dran Magazin zum Thema Missbrauch
Betroffene wollen nicht als Opfer gesehen werden, sondern fordern konkrete Hilfen ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nah dran | 27.06.2019 | In der Mediathek Ohnmacht, Scham, Angst: Kindesmissbrauch und die Folgen

Wenn sexueller Missbrauch an Kindern bekannt wird, ist der Aufschrei groß. Vorher wird oft weggesehen und geschwiegen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Jahrzehnte war sexualisierte Gewalt ein Tabu-Thema. Langsam – erst seit gut zehn Jahren, mit Bekanntwerden der Fälle in der katholischen Kirche, nach MeToo und Vorwürfen gegen Künstler – ändert sich etwas an dieser Haltung. Wie ist die Situation von Betroffenen? Geht das Engagement von Staat und Kirche über die Bestandsaufnahme hinaus?

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Betroffene wollen nicht als Opfer gesehen werden, sondern fordern konkrete Hilfen ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie groß ist das Ausmaß sexuellen Missbrauchs?

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Christine Bergmann, Bundesfamilienministerin a. D., ist ehrenamtliches Mitglied der Aufarbeitungskommission. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt viele Zahlen, doch das wahre Ausmaß liegt im Dunklen. Es gibt Experten, die vermuten, dass jedes 7. Kind in Deutschland von sexuellem Missbrauch betroffen ist. Selten kommt es zeitnah zur Anzeige, denn dafür bräuchten die Betroffenen die Unterstützung der Erwachsenen. So schweigen sie – zum Teil Jahrzehnte lang. Aus Angst, Scham oder weil ihnen nicht geglaubt wird.

Damit sich das ändert, gibt es seit drei Jahren die aus Bundesmitteln finanzierte Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie hört Betroffenen zu und gibt ihnen eine Stimme. Sie dokumentiert, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde. Auch wenn die Fälle längst verjährt sind, sind sie nicht erledigt. Die Folgen spüren Betroffene bis heute. Und immer mehr trauen sich darüber zu sprechen, was ihnen widerfahren ist. Sie fordern mehr Prävention und Hilfsangebote – wie die Experten der Kommission in ihrem letzten Bericht.

Klären, aufarbeiten, helfen – Wie weit sind die Kirchen?

Am 25. September 2018 stellte die katholische Kirche ihre so genannte MHG-Studie vor. Sie sollte Klarheit schaffen über das Ausmaß der Fälle sexuellen Missbrauchs und den Willen zur Transparenz demonstrieren – um der Betroffenen willen, aber auch, um die eigenen Verfehlungen einzugestehen, damit sie sich nicht wiederholen. Die evangelische Kirche hat jetzt im Juni ein Maßnahmenpaket beschlossen, das für Aufklärung und Prävdention sorgen soll.

Stellt sich die Frage: Wie ist der Stand der Aufarbeitung und wie kann es eigentlich sein, dass Institutionen wie die Kirchen, mit einem so hohen Moralanspruch, so lange geschwiegen und dadurch den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen zugelassen haben? Auch für Nikolaus Särchen, den Beauftragten des Bistums Magdeburg, lässt sich dieser Widerspruch nur schwer erklären.

"Reden bricht die Macht der Täter"

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Das Erlebte bricht immer wieder auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es gab verschiedene Punkte in meinem Leben, wo die Frage nicht gewesen wäre: Wie leben Sie mit den Missbräuchen, sondern wie überleben sie trotz der Missbräuche." So beschreibt eine Betroffene, die im Alter von 12, 13 Jahren von ihrem Vater missbraucht wurde, die nicht enden wollende Bürde. Was ihr angetan wurde, die Straftat, ist verjährt.

Die Folgen beschäftigen sie bis heute, in jedem Bereich ihres Lebens. Das Erlebte bricht auf, belastet sie und ihre Familie sehr. Sie, nennen wir sie Johanna, will in unserem Film nicht erkannt werden. Auftreten gegen Missbrauch aber will sie schon. Sie weiß: "Reden bricht die Macht der Täter."

Zehn Jahre lang zugehört: Ana Carola Pasquay

Ehemalige Beraterin Ana Carola Pasquay 7 min
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Am Telefon war Ana Carola Pasquay zehn Jahre lang für Missbrauchsopfer da. Ehrenamtlich. Lassen einen die Geschichten von Menschen, die oft über Jahre sexuellen Missbrauch und Gewalt erleben mussten überhaupt je wieder los? Wie verarbeitet eine Helferin das, was sie erfährt?

Wir haben Ana Carola Pasquay besucht und saßen mit ihr in ihrer Küche. Genau an dem Tisch, an dem im Jahr 2002 einige Frauen der katholischen Laienbewegung "Wir sind Kirche" die Idee zu einem Notfalltelefon für Betroffene hatten. 

Mehr zum Umgang mit Missbrauch in der katholischen Kirche

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2019, 09:34 Uhr

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